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Ausstellung in Weißwasser zum 115. Jubiläum von Dorothea von Philipsborn
„Ein Oberlausitzer Worpswede“

Von Thoralf Schirmer


Der Raum wurde eng am Freitagabend im Glasmuseum von Weißwasser. Zahlreiche Gäste standen sogar die Treppe in den zweiten Stock hinauf, um der Eröffnung der Dorothea-von-Philipsborn-Ausstellung beizuwohnen. Eine Premiere zugleich, denn zum ersten Mal überhaupt sind so viele Kunstwerke aus den Händen der Bildhauerin in einer Schau zusammengetragen, dazu persönliche Dokumente und die wenigen Fotos, die es von ihr gibt.
Mit Leihgaben aus privatem Besitz, aber auch aus dem Schlesischen Museum Görlitz, dem Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ist die bislang umfangreichste Retrospektive über die aus Schlesien stammende Künstlerin entstanden, wobei der Schwerpunkt naturgemäß auf ihrem Schaffen der zweiten Lebenshälfte liegen muss, die sie, vom Gut ihrer Eltern im schlesischen Strehlitz vertrieben, in der Lausitz, zunächst in Trebendorf, später in Weißwasser verbrachte. Hier starb sie 1971.

Der Platz, an dem sie beerdigt ist, wurde erst im vergangenen Jahr zum Ehrengrab geweiht. In einem Land, in dem der Kunst ein kaum zu leistender Bildungsauftrag übertragen worden war, in dem ihre politische Botschaft höher bewertet wurde als ihre Ästhetik, in dem der Künstler nicht als Individualist, sondern als Teil einer „gemeinsamen Sache“ galt, drohte die Persönlichkeit Dorothea von Philipsborn nach ihrem Tod in Vergessenheit zu geraten. Auch in der allgemeinen Abkehr von der „Staatskunst“ der DDR nach der Wende gab es letztlich nur noch einen, der versuchte, der Künstlerin und ihrem Schaffen eine gerechte und würdige Erinnerung zu bewahren. Es ist der Verdienst von Gerhard Schicht, des ehemaligen Kreissekretärs des Kulturbundes in Weißwasser, in einer mühevollen und hartnäckigen Fleißarbeit ein Lebens- und Kunstdossier der Bildhauerin zusammengetragen zu haben. Was um so schwieriger war, da der Nachlass der kinderlosen Dorothea von Philipsborn weit verstreut wurde.

16 Ausstellungen hatte der heute 73-Jährige im Alleingang organisiert. Diesmal nun hatte er, der mit seinem Interesse für die Künstlerin und ihre Kunst anzustecken versteht, viele Helfer gefunden. Mit Leidenschaft hatte sich Museumsmitarbeiterin Elvira Rauch der Sache angenommen und Kontakte geknüpft. Zeitzeugen und Mitglieder der Philipsborn-Familie standen unterstützend zur Seite und waren nun auch Gäste der Ausstellungseröffnung. „Ich wusste, dass es gut wird.“ Das war der erste Kommentar von Prof. Henning von Philipsborn, einem Cousin zweiten Grades der Künstlerin. Er zeigte sich von der Ausstellung ebenso fasziniert wie von dem begleitenden Katalog.

Gerhard Schicht sei damit etwas Neues und bislang Einzigartiges gelungen, das wohl bald Nachahmer finden werde. Denn neben dem Blick auf Werk und Leben von Dorothea von Philipsborn, reflektiert der Katalog sie auch aus Sicht von 20 Zeitzeugen. So entsteht auch für den Ausstellungsbesucher ein lebensnahes Bild dieser hochgebildeten und doch bescheidenen, großzügigen und menschenfreundlichen Frau.

Ihm sei erst hier so recht bewusst geworden, so von Philipsborn, warum sie das Angebot der Familie, nach Westdeutschland zu kommen, nie angenommen hatte - weil sie von den Menschen in ihrer neuen Lausitzer Heimat liebevoll aufgenommen worden und von ihnen selbst ins Herz geschlossen worden war. Ihre Plastiken - keineswegs nur Auftragswerke - zeigen oft genug diese Menschen - mit beiden Beinen im Leben, hart arbeitend und von natürlicher Kraft wie die „Erntehelfer“, manchmal auch prall von Lebensfreude und Erwartung wie die „Obstpflückerin“, die „Wäscherin“ oder eben auch Weißwassers „Kesse“, die als lebensgroße Bronzestatue in der Humboldtstraße steht.

Mit wieviel unermüdlichem Elan Dorothea von Philipsborn in ihrer Weißwasseraner Zeit gearbeitet hat, davon zeigte sich Dr. Josepha Wiefel, Cousine zweiten Grades der Künstlerin, stark beeindruckt. Vor allem mit ihrer Hilfe ist es im gegenseitigen Austausch mit Gerhard Schicht gelungen, erstmals einen annähernden Überblick über alle Werke der Künstlerin zu bekommen, die auch eine Vielzahl von Kleinplastiken entworfen hat. Eine Knaben- und eine Mädchenfigur, die im Familienbesitz weitergegeben werden, haben die Wiefels der Ausstellung im Glasmuseum zu Verfügung gestellt. Beide stehen für jene Seite der Dorothea von Philipsborn, die bis zum Schluss von der Anmut der Linien und Bewegung, von der Schönheit des Körpers und der Jugend fasziniert zu sein schien.

Eine ebenso liebevolle Modulation findet sich aber auch in ihren Tierdarstellungen wieder - bei der geschmeidig schleichenden Katze zum Beispiel oder beim elegant sich dehnenden Seelöwen für die Kita „Ulja“ in Weißwasser. Wegen solcher Huldigungen an Körper, Kraft und Jugend haben manche Kunsttheoretiker Dorothea von Philipsborn in die Nähe des von den Nationalsozialisten geschätzen und geförderten Bildhauers Georg Kolbe zu rücken versucht. Das aber wies Hans Schaefer in seiner sehr einfühlsamen und persönlichen Laudatio für die Künstlerin zurück: „Sie ist kein zweiter Kolbe, sondern gefälligst eine Erste von Philipsborn.“

Schäfer verweist auf die frühen humanistischen Einflüsse, die im Umfeld der mit ihren Eltern gut bekannten Familie von Helmuth James von Moltke kaum ohne Wirkung auf die junge von Philipsborn geblieben sein dürften. Er betont die künstlerische Partnerschaft auf Augenhöhe, die mit Nationalpreisträgern wie Gustav Seitz, Fritz Cremer und Jürgen von Woyski bestand, und kommt sogar zu dem Schluss, dass man hier seinerzeit ein „Oberlausitzer Worpswede“ hatte. „Nach unseren Möglichkeiten ist dies die angemessene Würdigung für Dorothea von Philipsborn, die wir in dieser Zeit noch schaffen konnten“, schätzte Gerhard Schicht am Rande der Ausstellung ein. „Eine längst überfällige Aufmerksamkeit und Würdigung für eine Künstlerin von besonderem Format“, wie auch Hartwig Rauh, Oberbürgermeister der Stadt Weißwasser, meint, die spät begann, das Wirken einer bedeutenden Mitbürgerin wiederzuentdecken.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser,  vom 02.06. 2009


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Aktualisierung:
02.06.2009


 

Bärbel Salewski (l.), eine ehemaligen Schülerin von Dorothea von Philipsborn, im Gespräch mit Gerhard Schicht und Philipsborn-Cousine Dr. Josepha Wiefel. Foto: Thoralf Schirmer