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Ende als Dornröschenschloss
Das Gaswerk der Stadt Weißwasser (Teil 6)

Von Lutz Stucka


Die Verwendung von Leucht-, Koch- und Heizgas breitete sich Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts rasant aus.

Die Idee, Industrie und Privathaushalte mit Ferngas zu beliefern, war nicht neu. Besonders in Großstädten und Ballungsgebieten musste diese Art der Stadtgasversorgung bevorzugt werden. Viele Kommunen gaben Machbarkeitsstudien in Auftrag. Besonders im Ruhrgebiet waren viele Institutionen damit beschäftigt.

Kenner der Gasversorgung

So war auch Otto Lange vor seinem Amtsantritt als Bürgermeister von Weißwasser in der Gasversorgungsbranche tätig. Er konnte im Jahr 1928 berichten, dass „… man in Westdeutschland praktisch seit über einem Vierteljahrhundert Gasfernversorgung kennt.“ Weiter informierte er: „Ich selbst habe damals schon an den Verhandlungen mitgearbeitet mit dem Ziel, Gas aus dem Ruhrkohlegebiet in die rheinischen Großstädte zu leiten. Es handelte sich um die Nutzbarmachung von Gas, das bis dahin, wie bei der Koksgewinnung, nutzlos in die Luft geblasen wurde. Während das von den Städten selbst erzeugte Gas einen Mindestpreis von 12 Pfennigen je Kubikmeter hatte, kostete das auf dem Fernweg zugeführte Gas nur noch zwei Pfennige. In der nächsten Zeit ist auch hier bei uns geplant, Ferngas aus dem Kohlengebiet Oberschlesien in die Lausitz und weiter zu leiten.“

Am 6. April 1964 begann die Druckgasproduktion in Schwarze Pumpe. Rasch wurde die Ferngasleitung am nordwestlichen Stadtrand entlang nach Weißwasser zum Gaswerk geführt. Hier konnte der Brennstoff in die vorhandene Stadt- und Industriegasleitung zum Verbraucher gespeist werden. Eine neu entwickelte Gas-Drucktechnik ermöglichte die reibungslose Zufuhr durch die mehrere Kilometer lange Leitung. Die Gaserzeugung in Schwarze Pumpe steckte noch in den Kinderschuhen und fiel gelegentlich aus, erst ab Juni 1966 konnte eine störungsfreie Belieferung ermöglicht werden. Bis dahin übernahm das Weißwassersche Gaswerk, das bei der BHT-Koksherstellung Braunkohlenstadtgas als Nebenprodukt erzeugte, übergangsweise und in geringen Mengen die Versorgung.

Um 1974 wurde auch die BHT-Koksherstellung im Gaswerk aufgegeben und die restlichen Anlagen ausgebaut. Dabei verschwand auch die große Werkhalle anschließend des Verwaltungsgebäudes, aber auch ein Großteil der Betriebsstätten entlang der Bahnlinie kamen unter die Abrissbirne. Die Immobilie ging in das Eigentum des Kombinats »Lausitzer Glas« (KLG) über. Im vorderen Verwaltungsgebäude befanden sich im Erdgeschoss die Büros und im Obergeschoss die Wohnung des Rohrlegers Paul Keller, die nun leer gezogen wurden.

Übungen der Kampftruppe

Mit dem Eigentumsübergang erhielt die Kampfgruppenhundertschaft des Glaskombinates die unteren Räume mit diversen Lagerflächen zugewiesen. Die Wohnung eine Etage darüber bezog der Glasbetriebsmaurer Wagner mit seiner Familie.

Etwa zur gleichen Zeit wurde das dahinter befindliche zweigeschossige Werksgebäude mit der Generatorgasanlage umgebaut und darin die Rechenstelle des Kombinats Lausitzer Glas eingerichtet. Die beiden Gasometer (Speicherbehälter und Druckgeber) hatten keine Aufgabe mehr und kamen in den Schrott. Anstelle des Standplatzes des ersten Gasbehälters errichtete der neue Eigentümer eine Waschküche nebst Geräteschuppen und Garage für die Familie Wagner.

Das Waldgebiet um den westlich gelegenen kleinen Kulewatschikteich, noch heute erkennbar, wurde als Übungsgelände von der Kampfgruppe benutzt. Bis zur politischen Wende 1990 fanden hier mitunter kleine Manöver und Scheingefechte unter Verwendung von Platzpatronen statt. „Besonders für die hier lebenden Kinder war das immer eine beachtenswerte und interessante Geräuschkulisse“, berichtete Joachim Deckert als Anwohner des Gablenzer Weges.

Alles anders mit der Wende

Wenige Monate nach der politischen Wende, im Jahr 1990, zog die Familie Wagner aus ihrer Wohnung aus, die Kampfgruppe wurde aufgelöst, und auch das Rechenzentrum hatte keinen Arbeitgeber mehr. Bald kam ein Gastwirt auf die Idee, im linken Teil des Verwaltungsgebäudes, was der frühere Kohlenschuppen war, eine kleine Wohngebietsgaststätte einzurichten. Nach anfänglich gutem Erfolg lief die Bewirtschaftung unrentabel und wurde geschlossen, die Immobilie blieb sich selbst überlassen. Vandalisierende Jugendliche steckten den Dachstuhl des hinteren Werkgebäudes (Generatorgasanlage) in Brand und destruierten das Anwesen. Aber auch die Natur nahm sich dem kleinen Stückchen Erde an und begann es mit wachsendem Erfolg, in ein Dornröschenschloss zu verwandeln. Im Sommer bei ausgewachsenem Laub sind die Gebäude inmitten des fast undurchdringlichen Grüns kaum noch bemerkbar.

Einige Leser der LR fühlten sich begeistert und verpflichtet, etwas von ihrem Wissen zur Gaswerkgeschichte beizusteuern und meldeten sich. Zur Bearbeitung dieser Beiträge wird doch noch ein wenig mehr Zeit benötigt, was eine kurze Unterbrechung der Artikelreihe notwendig macht. Es muss hier und da gesucht und auch die eine oder andere Erinnerung aus dem Gedächtnis hervor gekramt werden. Für die Mithilfe möchte ich mich sehr bei der Familie Deckert, Enkel des langjährigen Gaswerkdirektors Herrmann Erhard, bedanken.


Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 02.12.2010


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E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 06.12.2010


 

Die Generatorgasanlage, in der später das Rechenzentrum des Glaskombinates „Lausitzer Glas“ eingerichtet wurde. 
Fotos: privat