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Weißwassers industrieller Aufschwung kam mit Joseph Schweig
Vor 127 Jahren übernahm der jüdische Unternehmer aus Bretzenheim die Braunkohlenwerke Weißwasser

VON WERNER SCHUBERT


Nur fünf Loren am Tag verließen 1881 die "Braunkohlenwerke Weißwasser O.L.", bevor sie am 1. April jenen Jahres Joseph Schweig als Geschäftsführer übernahm. Bisher haben die Freunde von der Waldeisenbahn noch nicht heraus bekommen, wie viele Kilogramm eine Lore fasste. Leider ließ sich bisher auch keine Abbildung dieses wichtigen Transportmittels finden. Deshalb lässt sich nur sagen, dass nur noch wenige Bergleute in den Gruben tätig waren, die der Muskauer Anzeiger als «darnieder liegend» bezeichnete.

Aber Mitte der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts waren es 250 und damit auf jeden Fall erheblich mehr als 1881. In diesen anderthalb Jahrzehnten hatten sich in dem Niemandsland zwischen dem alten Weißwasser, dem Alten Dorf, und Hermannsdorf vier weitere Glashütten angesiedelt, dazu eine Porzellanmanufaktur, ein Elektrizitätswerk, einige noch handwerklich orientierte Zulieferer. Die Einwohnerzahl war von vielleicht 50, die verstreut in Heide und Wald gelebt hatten, auf 2500 angestiegen. Die Industriesiedlung bezeichneten Zeitgenossen deshalb auch als Kolonie- oder Neuweißwasser.
Sie wollten damit ausdrücken, dass ein neuer Ort zwischen dem Wendendorf Weißwasser und Hermannsdorf entstanden war, der, was nahe lag, den Namen der Bahnstation erhielt.

Wem die Bürger in erster Linie das Verdienst für diese Entwicklung zuschrieben, sang ein Chor am 4.11.1894 bei der Einweihung des E-Werkes :

«Es» «hat mit ernstem Wollen
Ein Mann dies Werk vollbracht,
Dass Dich aufs Neu zum vollen,
Zum ganzen Städtchen macht!»


Sänger und Gäste würdigten damit die unermüdliche und ideenreiche Arbeit eben des Mannes, der an einem Apriltag des Jahres 1881 seinen Fuß in den Sand der Muskauer Heide gesetzt hatte. Damit hatte er eine risikoreiche Entscheidung getroffen. Er verließ mit dem Weinort Bretzenheim an der Nahe und der Stadt Kreuznach eine Gegend des Deutschen Reiches, wo Juden relativ frei und gleichberechtigt lebten. Seit der Französischen Revolution waren dort alle Beschränkungen gefallen.

Hier in Ostelbien, in der Standesherrschaft Muskau, herrschte dagegen ein erzkonservativer Gutsbesitzer, der seine polizeilichen und juristischen Privilegien weidlich zu seinen Gunsten und auch in politischer Hinsicht ausnutzte. Dass Schweig mit Familie, mit Frau und zwei kleinen Kindern hier eintraf, zeigt deutlich, dass er eine neue Heimat gewinnen wollte. Sein Schwager Emil Meyer hatte die «darnieder liegenden Braunkohlenwerke Weißwasser» auf 30 Jahre gepachtet, und der neue Grubendirektor sollte etwas daraus machen. Auch das war mit einem Risiko verbunden, war doch in unmittelbarer Nähe nur ein Abnehmer vorhanden, die älteste Glashütte von Wilhelm Gelsdorf.

Schweigs ökonomische Linie bestand deshalb darin, weitere Verbraucher in unmittelbarer Nähe anzusiedeln. Nur so hatte die minderwertige Braunkohle Absatzchancen.

Mit der Hütte «Hirsch, Janke & Co.» brachte er 1884 acht Leute mit Geld und Sachverstand zusammen, was erhebliches Verhandlungsgeschick und die Fähigkeit voraussetzte, den Beteiligten die Hoffnung zu vermitteln, dass diese Entwicklung Zukunft haben würde.

War der Aufschwung nach 15 Jahren schon unübersehbar, verführte er Zeitgenossen nach 25 Jahren zu enthusiastischen Äußerungen, die alle darauf hinausliefen, Joseph Schweig sei der Begründer von Weißwasser. Wenn man sich die Generalkarte der Standesherrschaft von 1830 ansieht, die sich in den 50 Jahren danach kaum verändert hatte, ist das durchaus glaubwürdig.

Der Aufschwung, der Preußen-Deutschland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts grundlegend verändert hatte und der an unserer Region buchstäblich vorbei gegangen war, hatte das Terrain zwischen Weißwasser, dem Alten Dorf, und Hermannsdorf erreicht und eine Industriesiedlung entstehen lassen, deren Ziel es bereits damals war, Stadt zu werden. Mit elf Glashütten und etwa 10 000 Einwohnern konnte sie diesen Anspruch durchaus erheben.

Dass es noch drei Jahrzehnte dauern sollte, ist hauptsächlich den feudalen Gegenkräften zuzuschreiben. Darüber hat sich die Gemeindevertretung seit 1900 immer wieder beschwert. Denn Weißwasser zählte seit dieser Zeit zu den «bedeutendsten Glasorten Deutschlands» und «seine Blüte verdankt der Platz in erster Reihe dem weitausschauenden Blick, der Initiative, der Energie und rastlosen Tätigkeit des Herrn Joseph Schweig» . Durch ihn und seine vielen Mitstreiter «bekam der verhältnismäßig kleine Ort Weltklang» .

Schweig war aber nicht nur Industriemanager. Seit 1885 förderte er als Gemeindevertreter die Infrastruktur und das 38 Jahre lang bis zu seinem Tod. Die gesellschaftliche Integration der hier aus ganz Europa zusammengeströmten Glasmacher machte erhebliche Fortschritte durch seine Vereinstätigkeit. Seit 1885 stand er dem Militärverein vor, heftig bekämpft von den Konservativen und 1893 sogar zum Rücktritt gezwungen. Bei der Neuwahl im Dezember gaben 79 Militärkameraden in geheimer Abstimmung ihm ihre Stimme, nur eine erhielt der konservative Gegenkandidat K., nämlich seine eigene.

1885 gründete Schweig mit weiteren Sportbegeisterten den Turn- und Rettungsverein, der bald über 100 Mitglieder zählte. Ihrer sportlichen Leistungen wegen war Weißwasser in Schlesien bald als «Sportort» in aller Munde. Die Mehrzahl der Bürger, nicht nur die Militärkameraden und Sportfreunde, auch die Mitglieder der anderen Vereine, die Schweig gegründet hatte, waren eins mit ihm.

Damals kam der Ehrentitel «unser Joseph» auf. Eine Episode aus dem Jahr 1932 zeigt, dass ihn auch noch nach seinem Tod 1923 die Glasmacher als einen der ihren betrachteten. Der Kolbenmacher U. saß mit seinem tschechischen Kumpel beim Bier, als der Tscheche plötzlich aufsprang und in den Gastraum brüllte: «Schweig, ja der Schweig, der war ein Übeltäter!» Als sich allgemeiner Unmut lautstark breit machte und einige den Schreier am Kragen packten, fiel dem plötzlich ein, was er eigentlich hatte sagen wollen. Als Vater von sieben Kindern war oftmals Not in der Familie, da habe Schweigs Frau Henriette und später er selber immer wieder geholfen. Er sei also ein Wohltäter gewesen, «jawohl ein Wohltäter!»

Viele Unternehmer seiner Zeit machten ihren Frieden mit der hurrapatriotischen Front ihres kaiserlichen Herrn, förderten aktiv die Aufrüstung und die konservativen Parteien. Nicht so Joseph Schweig. Er schwamm gegen den politischen Strom und kämpfte für demokratisch-rechtsstaatliche Verhältnisse, sehr zum Leidwesen seiner konservativen Gegner, die ihn zeitlebens mit der antisemitischen Keule wehrlos machen wollten.
Noch 1911 verteufelte ihn der konservative Reichstagsabgeordnete Dr. H. in Hoyerswerda mit den Worten: «Herr Schweig ist ein Fremder, der nicht zum deutschen Volk gehört.»

Aus dem Zweikaiserdenkmal von 1893, das er auf dem Marktplatz aufstellen ließ, haben wir einen steinernen Zeugen seiner politischen Überzeugung. Ein Fundamentstein hat die Zeiten überdauert und seinen berechtigten Platz vor dem Rathauseingang gefunden. Schweig wählte als Inschrift ein Wort des Kaisers Friedrichs III: «Die erste Aufgabe des Gesetzgebers bleibt in meinen Augen, immer gleiches Recht für alle zu schaffen.»

Joseph Schweig gehört in die politische Tradition des Rechtsstaates Bundesrepublik Deutschland. Die Stadträte von Weißwasser haben ihn deshalb mit Recht im September 2006 mit dem Titel «Ehrenbürger» ausgezeichnet.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 03.04.2008


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Aktualisierung: 04.04.2008


 

Joseph Schweig
Foto: privat