Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
G
lasmuseum Weißwasser !

Museum

Service

Mitgliederbereich

Wie Weißwasser von Industriekultur profitiert
Können verschwundene Glashütten Touristen in die Region locken? Die Überlegung hat zumindest Potenzial.

VON Irmela HENNIG



Das stehen sie, ziegelrot und scheinbar endlos – die Bauten der einstigen Vereinigten Lausitzer Glaswerke in Weißwasser. Sie sind ein Relikt der früher florierenden und international anerkannten Glasproduktion. Anfang des 20. Jahrhunderts galt die Stadt im Norden der Oberlausitz mit ihren 30 Glasschmelzöfen in elf Betrieben als „größter glasproduzierender Ort der Welt.“ Tausende fanden Arbeit in der neuen Branche. Das einstige Dorf wuchs von einst kann 400 (im Jahr 1825) auf 13000 und später auf 38000 Menschen an.

Viel geblieben ist davon nicht. Lediglich zwei Unternehmen produzieren noch. Der Wirtschaftszweig schafft nur wenige Jobs. Doch noch gibt es die Relikte Hochzeit. Die Bauwerken, die Produkte und Menschen, die sich an die großen Jahre erinnern. All dies ist Material, um mit Industriekultur neu zu punkten – mit Museum, Veranstaltungen in toten Industrieparks, mit erlebbarer Geschichte. Was in Knappenrode mit der Brikettfabrik öffentlichkeitswirksam gelingt, sollte doch auch in Weißwasser machbar sein. Vielleicht, sagt Dirk Schaal von der Koordinierungsstelle für Industriekultur in Sachsen bei der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen. Für die SZ denkt er durch, was Sinn machen könnte.

Der Ansatz: Glas gehört mit zur Identität der Region

Was fällt einem Weißwasseraner zuerst ein, wenn er an seine Stadt denkt? Ist es Glas, oder doch Braunkohle? Vielleicht auch das rasante Anwachsen und nun das extreme Schrumpfen der Stadt? Um herauszufinden, wie es den Menschen hier mit Glas geht, stellt Dirk Schaal von der Koordinierungsstelle für Industriekultur in Sachsen ganz konkrete Fragen. Wissen die Leute noch, wer Wilhelm Wagenfeld ist, jener große Produktdesigner und Bauhaus-Schüler? Hat das Thema nicht nur einen Bezug zur Vergangenheit, sondern auch zur Gegenwart? Immerhin gibt es ja noch einen Rest Glasindustrie, es gibt die touristische Vermarktung mit Glasmuseum und Verona Gröschner alias Glaskalfaktor als Personifikation der Glasherstellung.

Die Einwohner: Begeisterung ist nötig, keine Bevormundung

Wenn Glas wirklich etwas ist, mit dem die Menschen auch heute noch etwas anfangen können, dann kann man das Thema anpacken. Und dann braucht es ein Bekenntnis der Menschen zu Industriekultur. „Das darf keine alleinige Idee von Stadtmarketingexperten sein“, sagt Fachmann Dirk Schaal. So etwas könne man nicht von oben verordnen. Ein Ansatz dabei sind Vereine und bürgerliches Engagement – das Museum lebt es mit seinem Förderverein vor. Einfach zu bekommen sei ein Bekenntnis nicht, 18000 Menschen unter einen Hut zu bekommen. Hinzu kommt der Frust über den Niedergang der Industrie und den Verlust von Tausenden Arbeitsstellen – statt die Freude über ein Museum.

Die Region: Weißwasser hat Potenzial bis Rietschen und darüber hinaus

Steht das Bekenntnis zum Potenzial der gläsernen Industriekultur, muss das historischen Erbe mit Bausubstanz, Sammlungen, Werten und Wissen geordnet werden. Wie kann sowas erlebbar sein? Dirk Schaal hält es für wichtig, Akteure zu finden, die Glas nicht als abgeschlossenes Thema betrachten und nur die historische Dimension ausleuchten, sondern das Erbe lebendig halten, pflegen. Man müsse beispielsweise prüfen, ob die Unternehmen, die noch Glas produzieren, einen historischen Bezug zur Geschichte der Stadt haben. Stölzle Oberglas ist Teil eines Österreichischen Unternehmens, geht allerdings hervor aus den Lausitzer Glaswerken und bekennt sich zur Geschichte. Die Telux Spezialglas GmbH ist Teil der Region, hat nach einer überstandenen Insolvenz aber wohl andere Herausforderungen als Industriekultur.

Wichtig sei, die noch vorhandenen (leeren) Industriebauten auch gewerblich zu nutzen, so dass man nicht nur von öffentlichen Geldern abhängig ist. Da solle man sich die alten Inhalte wegdenken und offen sein für Neues. Die Krux für Weißwasser ist, dass es nicht gelungen sei, eine der alten Firmen samt Anlagen zum Museum zu machen oder wenigstens zu erhalten, sagt Friedrich Reichert, Vorsitzender vom Sächsischen Museumsbund. Da habe Knappenrode mit der Brikettfabrik bessere Karten.

Die Alternative: Auch Kohle ist ein Zugpferd für Industriekultur

Kohle habe vielleicht mehr Zukunftspotenzial für Weißwasser, vermutet Dirk Schaal. Denn Tagebau ist erlebbar. Der Wandel der Landschaft wird die Menschen noch über Jahrzehnte begleiten. Das Seenland in der Bergbaufolgelandschaft ist etwas Bleibendes. Nun müsse man dafür sorgen, dass man sich in 40 Jahren noch an Tagebau, Kumpel und Kohle erinnert. Sowas könne man langfristig vorbereiten, durch Projekte mit Schülern, durch Zeitzeugenbefragungen, in dem man den Verlust von Dörfern durch den Tagebau erlebbar macht.

Das Ziel: Wie es richtig geht, hat Zittau mit Robur gezeigt

Also, keine Chance für das Glas? Doch, sagt Dirk Schaal. Und nennt als Beispiel die Stadt Zittau, die mit interessanten Projekten einen mittlerweile vom Vergessen bedrohten einst glänzenden Industriezweig wiederbelebt: Die Fahrzeugproduktion der Phänomen- und später Roburwerke. Die hatten in der Zittauer Region die Bedeutung, die Glas in Weißwasser zukam. Vor zwei Jahren haben Kulturschaffende ehemalige Arbeiter zusammengeholt, Zeitzeugengeschichten gesammelt, daraus Theater gemacht und das am historischen Ort aufgeführt. Mit Riesenerfolg. 2013 soll es eine Fortsetzung geben. Mit den Einheimischen sammelt man Material für eine Ausstellung zur Geschichte der Automobilität in Zittau. Ein Projekt auf breiten Schultern sei das, getragen vom Museum, Theater, Soziokulturzentrum, Stadt und Bürgern.

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 03.04.2013


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 03.04.2013


 

Einst waren die Schornsteine ein sichtbares Zeichen für blühende Industrie.