Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
G
lasmuseum Weißwasser !

Museum

Service

Wissen:
Das Geheimnis des Lausitzer Kristallglases

Unser Planet ist voller Geheimnisse. Wer mit wachen Augen durch die Lausitz fährt, wird sich oft fragen: Was ist das denn? Warum steht das dort? Was macht das? Wir lüften Geheimnisse. Heute: die Herstellung von Kristallglas in Weißwasser/Oberlausitz.

Von Daniela Kühn


Bevor wir unsere Gläser erheben und Wasser, Wein, Sekt oder Bier genießen können, mussten unsere Trinkgefäße durchs Feuer gehen. In der Lausitz geschah das schon vor hunderten von Jahren sehr professionell. Noch heute werden am Standort Weißwasser erfolgreich Gläser produziert. Die müssen nicht nur den hohen Qualitätsansprüchen der Kunden genügen, die weltweit mit den Lausitzer Kelchen anstoßen, sondern auch denen der 420 Mitarbeiter der Stölzle Lausitz GmbH. Täglich entstehen in der Glashütte mitten im Stadtzentrum bis zu 130 000 Kristallgläser. Fast 350 verschiedene Produkte umfasst das Sortiment: Kelche, Dekanter, Karaffen und Vasen – rund und eckig, robuste Bierseidel und filigrane Champagnerkelche, mit langem Stiel oder ohne, brillant durchsichtig, mit farbigen Akzenten oder komplett schwarz. „Die sollen nicht nur leicht und ausgewogen in der Hand liegen, die jeweiligen Aromen betonen und optisch überzeugen, sondern sie müssen auch hart im Nehmen sein, spülmaschinengeeignet und bruchsicher“, sagt Marketingleiter Thomas Schulz. Gut 90 Prozent der Bestellungen gehen an Kunden im Hotel-, Restaurant- und Cateringbereich. Neben dem Vertrieb in mehr als 120 Länder gibt es die Gläser online und im Werksverkauf in Weißwasser.

Geheimrezept für Kristall

Die außergewöhnliche Stabilität erreichen die Lausitzer Kristallglas-Profis durch die Rohstoffe und das besondere Verfahren des „gezogenen Stiels“. „Das ist eins unserer markanten Qualitätsmerkmale und ein Grund für unseren Erfolg“, weiß der Glastechnologe Dr. Olaf Seidel. „In dieser Nische sind wir Marktführer weltweit.“ Gearbeitet wird Tag und Nacht, denn die Öfen aus feuerfestem Stein sind wahre Dauerbrenner. Das Feuer in ihnen darf nicht erlöschen, weil sie einem Erkalten und erneutem Anfeuern nicht standhalten würden. Deshalb läuft die Produktion unaufhörlich und nicht nur für das eigene Label, sondern auch für zahlreiche Firmen, darunter weltbekannte Marken. Für das spezielle Kristallglasrezept braucht es den hochwertigen Lausitzer Sand. Daneben sind Soda, Pottasche, Kalkstein, Glasbruch aus der eigenen Produktion und weitere hochreine „Zutaten“ nötig. Die Rohstoffe werden im Gemengehaus zwischengelagert, bevor sie chargenweise gemischt über ein Förderband ins benachbarte Produktionsgebäude gelangen und kontinuierlich in die Schmelzwanne eingelegt werden.

Zwei Tage im Feuer

Dort bildet das Gemenge einen Teppich auf dem schmelzflüssigen Glas und wird langsam von unten abgeschmolzen. Die Flammentemperaturen erreichen mehr als 2000 Grad Celsius, das Gemisch erhitzt bis auf 1500  Grad Celsius. Zwei Tage bleibt es in der Schmelzwanne, bevor die Masse als Strang durch „Speiser“ zu den Formgebungsmaschinen geführt und in Tropfen geschnitten wird. Zwischen 25 und 38 Tropfen entstehen so pro Minute, aus denen theoretisch ebenso viele Gläser werden könnten. „Praktisch sind es weniger, da einige zu Bruch gehen und andere nicht durch unsere Qualitätskontrolle kommen“, ergänzt Thomas Schulz. Nicht jeder Tropfen eignet sich für jedes Gefäß. „Wir stellen das Gewicht der Tropfen mittels Glastemperatur und keramischer Werkzeuge individuell ein, je nachdem welches Glas wir produzieren wollen“, erklärt Dr. Seidel.

Auf den Zapfen kommt es an

In Weißwasser werden verschiedene Verfahren der Formgebung angewandt, darunter auch das Press-Blas-Verfahren. Bei diesem wird der Tropfen bei etwa 1100 Grad Celsius geschnitten und fällt in eine Vorform aus Metall, die sich mit anderen auf einer Art Karussell befindet. In dieser Press-Blas-Maschine durchläuft der Tropfen in Sekundenschnelle mehrere Stationen und entlässt dann den Kelch mit einem „Stummelstiel“ – dem Zapfen – auf ein Förderband. Doch zuvor zwingt ein Metallstempel den heißen Glastropfen in die Form eines Trichters, wobei überschüssiges Glas als Kappe nach außen gepresst wird. Das dabei entstehende Halbzeug wird auch Külbel genannt. An diesem befindet sich der Zapfen, aus dem später der eigentliche Glasstiel gezogen wird. Der Külbel verlässt die Vorform, wird im nächsten Schritt von einer zweiteiligen Fertigform umschlossen und bei gleichmäßiger Rotation gegen die Formwand ausgeblasen. Diesem rotierenden Einblasen und einem hauchdünnen Schutzfilm aus Wasserdampf zwischen Wand und Glas verdanken die Kelche aus Weißwasser ihr makelloses Aussehen, denn obwohl die Form aus zwei Teilen besteht, gibt es keine Naht in dem nun fast fertigen Kelchoberteil.

Der „gezogene Stiel“

Gleichzeitig entstehen in einer benachbarten Presse die Bodenplatten für die späteren Gläser. Auch hier fallen die Tropfen in metallische Formen und werden mit einem Stempel ausgepresst. In der Verschmelz- und Ziehmaschine vereint sich dann die Bodenplatte mit dem Oberteil. Dafür werden beide Teile über den Zapfen miteinander verschmolzen. Kleine Brenner erhitzen gezielt den Stiel, bis er wieder verformbar ist, und ziehen die Bodenplatte von dem Kelch weg. „So können wir beliebig lange und filigrane Stiele ziehen“, verrät Thomas Schulz. Im Anschluss durchlaufen die Gläser eine „Kühlbahn“, einen riesigen Tunnelofen, in der sie innerhalb von 90 Minuten schonend auf Raumtemperatur abkühlen. Auch dort erweist sich das in der Formgebung überschüssige Glas – die Kappe – als äußerst nützlich, denn sie ermöglicht den Gläsern kopfüber einen standfesten Transport. Dann sprengt ein Laser die Kappe ab, deren noch unebener Mundrand im Anschluss geschliffen, poliert, gewaschen und vollendet wird. Es folgt die Qualitätskontrolle, sowohl über spezielle Computer, was Gewicht und Größe angeht, als auch per Hand und mit Augenmaß, um Festigkeit, Verarbeitung und Brillanz zu überprüfen. „Unser Anspruch ist es, dass unsere maschinell hergestellten Kelche von mundgeblasener Qualität kaum zu unterscheiden sind“, so Thomas Schulz.

Einst Zentrum europäischer Glasproduktion

● Mit der Bahnstrecke Berlin-Görlitz ab 1867 und dank der reichlichen Rohstoffvorkommen an Ton, Quarzsand, Holz und Kohle entwickelte sich Weißwasser im 19. Jahrhundert zum Glasmacherort und mit elf Glashütten bald zum europäischen Zentrum der Glasproduktion. Zu den renommierten Firmen zählten die „Oberlausitzer Glaswerke J. Schweig und Co.“, die seit 1889 Hohlglas anfertigten. Vor 131 Jahren mit Medizin- und Bonbongläsern gestartet, wechselte das Unternehmen später zu Trinkgläsern.

● Von 1937 bis 1945 war Wilhelm Wagenfeld, der bekannte Bauhaus-Schüler und Produktdesigner, Künstlerischer Leiter des Glaswerkes. Der Pionier des Industriedesigns hat das Verständnis für Qualität und Form bis heute geprägt. Zu DDR-Zeiten war die Glashütte der Kombinatssitz der Oberlausitzer Glaswerke, später VEB Lausitzer Glas, und landesgrößter Kelchglasproduzent. Nach der Wende mussten viele Hütten schließen, Tausende Mitarbeiter verloren ihre Arbeit

●1996 übernahm das österreichische Unternehmen Stölzle Oberglas AG das ehemalige Kombinat, gründete daraus die Stölzle Lausitz GmbH und modernisierte die Hallen und Produktionslinien. Heute ist es ein eigenständiges Unternehmen und autonomer Hersteller an der Spitze der deutschen Kelchglasindustrie.

Heute nichts mehr bleifrei

Kristallglas weist gegenüber herkömmlichem Glas einen höheren Lichtbrechungsindex und damit eine höhere Brillanz auf. Bleikristall – früher ein Qualitätsmerkmal – wird heute im Zusammenhang mit Lebensmitteln wie Getränken nicht mehr verwendet. Blei ist gesundheitsschädlich und es ist theoretisch möglich, dass Bleikristallgläser geringe Mengen Blei an die darin aufbewahrten Lebensmittel abgeben. „Die Gläser der Stölzle Lausitz GmbH sind vollkommen bleifrei und damit für die Gesundheit unbedenklich“, betont Thomas Schulz.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 03.04.2020


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail:
info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 17.04.2020


Daraus wird ein Sektkelch: hier ist der Tropfen, kurz bevor er in die Vorform aus Metall fällt, gepresst und geblasen wird
© Foto: Stölzle Lausitz/M. Handrek-Rehle
 
 
 
.