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Ferdinand und die Marschmusik

Von Lutz Stucka


Der Glasmachermeister Ferdinand Pankratz (1835 – 1909) entstammte einer traditionsreichen Glasmacherfamilie aus der Grafschaft Glatz, war viele Jahre in der Glashütte Jämlitz bei Muskau tätig und liebte die Marschmusik. In Weißwasser gelang es ihm, unter den zugewanderten Glasmachern weitere Interessenten zu finden, die mit ihm eine Marschkapelle gründeten.
Um 1900 war die Pankratz´sche Kapelle nicht nur in Weißwasser ein beliebter Klangkörper, sondern auch in den umliegenden Dörfern genossen die Musiker aus dem Glasmacherort gehöriges Ansehen.

Ferdinands Sohn Max (1872 – 1914) war als Glasschleifermeister tätig und betrieb in Weißwasser die ,,Glasraffinerie Pankratz & Co.''. Über diesen Handwerksbetrieb ist nur wenig bekannt. Einige Hinweise lassen jedoch bescheidene Rückschlüsse zu, die den wahrscheinlichen Entwicklungsweg der Firma grob darstellen. Aus familieninternen Mitteilungen geht die Vermutung hervor, dass die Glasraffinerie mit Hilfe finanzieller Mittel aus einem Lottogewinn gegründet werden konnte. Giesela Pankratz (1867 – 1918), wahrscheinlich Max Schwester, soll zu damaliger Zeit 10 000 Mark gewonnen haben und diese dem Unternehmen zur Verfügung gestellt haben.

Konjunkturflaute

Die Konjunkturflaute in der Glasbranche zu Beginn des 20. Jahrhunderts könnte die Ursache gewesen sein, dass sich das Unternehmen schon bald mit der größten Weißwasser Glasraffinerie Menke & Co. zusammenschloss, um überleben zu können. Ab dem Jahr 1903 wurde Max Pankratz als Direktor und nicht mehr Inhaber seiner Firma genannt. Auch das Unternehmen Menke meldete, dass sie ab dieser Zeit an zwei Standorten in Weißwasser Rohglas veredele. In einer Pressenachricht wurde auch die Adresse des Zweigbetriebes in der Mittelstraße 3/4, heut Getränkehandel Lindner und Klempnerei Hoffmann, genannt. Ein weiterer Hinweis kann diese Theorie unterstützen, denn im Jahr 1908 hatte Giesela Pankratz auf dem Betriebsgrundstück in der Mittelstraße ihren Wohnsitz. Damit erschöpfen sich schon die Hinweise auf die Pankratz´sche Glasraffinerie.

Der Hauptsitz der Firma Menke befand sich in der Görlitzer Straße neben der Spiegelfabrik von Joseph Schweig. Menke war Mitinhaber der im Jahr 1897 gegründeten Glashüttenwerke „Union“ Menke, Mudra & Co. KG in Weißwasser. Ein Jahr später wurde die ,,Schlesische Glasmanufaktur Menke & Co. GmbH'', gleich vis a vis der Glashütte „Union“ , gegründet.

In Weißwasser gab es damals unzählige dieser Glasveredlungsbetriebe, die Rohglas aus den Hütten aufkauften, bearbeiteten und anschließend weiter veräußerten. Die Stadtchronik vermerkt: „Das wohl größte Unternehmen der Branche im Ort war die „Schlesische Glasmanufaktur Menke & Co. GmbH“. Sie wurde im Jahr 1898 gegründet und beschäftigte an zwei Standorten, einmal in der Mittel- und zum anderen in der Görlitzer Straße, 25 Arbeiter, die Trinkbecher und Beleuchtungsgläser aller Art veredelten.“

Die Firma unterhielt Geschäftsbeziehungen zu Kunden in der ganzen Welt und genoss einen guten Ruf. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges verließ das Unternehmen Weißwasser und verkaufte die Produktionsstätte in der Görlitzer Straße an Josef Lustig (1869 bis 1931), welcher diese am 15. März 1919 in die ,,Schlesische Glasmanufaktur, Lustig & Co.'' umfirmierte. Der neue Inhaber war Ehemann von Maria Lustig, geborene Pangratz (1870-1947), die wahrscheinlich eine weitere Schwester von Max Pankratz war. Das lässt nun den Schluss zu, dass die Familie Pankratz seit 1903 als Companion oder stille Teilhaber in der Firma Menke & Co. GmbH. fungierte, denn Geschäftsführer waren weiterhin J. Menke und L. Müller. Die Produktionspalette wurde verringert und man spezialisierte sich auf die Veredelung von Glasbechern. Diese wurden als Rohmaterial aus den Glashütten übernommen, hier poliert und verschmolzen, glatt gelassen, guillochiert, graviert, mit Sandgebläse dekoriert, Silber- und Goldrand aufgelegt oder mit bunten Bildern und Emailleschildern versehen, gut verpackt, versandt und verkauft.

Nach dem Ableben des Firmenchefs führte seine Witwe das Unternehmen unter ihrem Namen ,,Glasraffinerie Hildegard Lustig'' weiter. Mit Beginn des zweiten Weltkrieges wurde die Glasraffinerie geschlossen und ein Teil der Maschinenfabrik und Schlosserei Nippraschk aus der Friedrichstraße hier untergebracht. Es war die ,,Glasformenfabrik Herta Nippraschk''. Diese benötigte nicht alle Betriebsräume der Lustigschen Glasraffinerie und so kam ab 1942 eine Unfallstelle darin unter. Die bisherige Meldestelle in der Polizeistation im Rathaus war räumlich unzureichend geworden. Als auch die Glasformenfabrik Nippraschk ihre Arbeit einstellte, ließ Dora Wenderoth, Ehefrau des Bürgermeisters von Weißwasser, hier ein Hilfskrankenhaus für die Verteidiger der Stadt im Frühjahr 1945 einrichten.

Den Standort in der Mittelstraße übernahm Anfang der dreißiger Jahre, der ab Mitte der zwanziger Jahre auf dem benachbarten Betriebsgelände der Glasraffinerie Menke & Co. in der Görlitzer Straße seine Schuh- und Pantoffelfabrik betreibende Anton Spiller, heut Getränke Lindner. Anfang der fünfziger Jahre unterhielt in diesen Betriebsräumen Otto Popel eine Hausschuh- und Pantoffelfabrikation mit Vertrieb von Schuhmacherbedarfs- und Orthopädieartikeln. Im Nachbargeschäft unterhielt der seit 1919 in Weißwasser ansässige Tabak- und Zigarrenhändler Max Lindner seinen Laden. Der zweite Teil der ehemaligen Pankratzschen Glasraffinerie, heut Klempnerei Hoffmann, war bereits an einen Fuhrunternehmer veräußert.

Schockspiegelherstellung

In der der Glasraffinerie Menke benachbarten Spiegelfabrik wurde, mehr versuchsweise, ab 1907 für fast zwei Jahre eine frühere Art der Flachglasherstellung praktiziert. Es wurden Schockglasspiegel mit besonders planerzeugtem Flachglas hergestellt. Schockglas ist eine besonders zähe und widerstandsfähige Flachglasart und eignete sich besonders als Dünnglas zur Spiegelherstellung. Dazu kam noch, dass das Material als durchsichtiges weißes Glas besonders klar und rein war. Schon ab dem 18. Jahrhundert wurde es zur Herstellung von Galanteriewaren, wie gläserne Medaillons mit Herrscherportraits, Schmuckstücke zum einarbeiten in Metallgegenstände usw. verwendet. Später nannte man dieses Material Salinglas, oder Bilderglas.

Hier waren besonders klare, schlierenfreie, gut durchsichtige und dünne Glasplatten gefragt. Dieses Schock- oder Salinglas wurde in einer Stärke bis 1,8 Millimeter produziert und musste bruchsicher, kratzfest und als Gebrauchsgegenstand elastisch sein. Ab 1966 wird Flachglas aller Art zu 95 Prozent im Float-Verfahren besonders oberflächenglatt, ohne Einschlüsse und in vielen verschiedenen Stärken hergestellt.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser,  vom 03.12. 2009


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Aktualisierung:
03.12.2009


 

In diesem Haus an der Görlitzer Straße in Weißwasser war einst die ,,Schlesische Glasmanufaktur Menke & Co.'' beheimatet.
Archivfotos: privat
Max Pankratz