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Der heimliche Herr der Gelsdorfhütte

Weißwasser ist besonders und soll es bleiben. Entdeckungen und Gedanken zu einer Stadt zwischen den Welten.


VON GREGOR SCHNEIDER

 


Neulich suchte ich nach einem Bild der Gelsdorfhütte. Heute ist das, was von Weißwassers erster Glashütte noch Wind und Wetter trotzt, unansehnlich: ein paar krumme Schlote, der windbrüchige Giebel des "Ofen-1"-Gebäudes, die Ruine des Kontor-Hauses - und auch die des Pförtnerhäuschens. Ich fand ein paar alte Bilder. Und die Erwähnung, dass dort vor 93 Jahren ein Portier namens Adolf Niesel sein 50. Dienstjubiläum feierte. Äußerst bemerkenswert: 50 Jahre auf ein und demselben Posten - werkann das von sich behaupten?

 Niesel kam vermutlich 1877 mit Wilhelm Gelsdorf und den 26 Familien aus dem Glatzer Land nach Weißwasser. Vielleicht kam er auch von anderswo. aber jedenfalls war er seit 1877 Portier in der Gelsdorfschen Glashütte. Er sah Generationen von Glasarbeitern kommen und gehen. erlebte Kaiserreich. Weltkrieg. Spanische Grippe und Weimarer Republik bis hin zur Weltwirtschaftskrise auf seinem Posten. Niesel war da, als Wilhelm . Gelsdorf 1908 von einer Zugfahrt nicht lebend zurückkehrte und fortan seine Witwe Emilie die Betriebsleitung übernahm. Auch als ihr Sohn Edmund 1925 neben dem Kontor-Haus sein Wohnhaus errichten ließ - die Gelsdorf-Villa, das heutige Glasmuseum - hütete Niesel noch die Pforten der Glasfabrik. Er war wahrscheinlich für viele das Gesicht des Betriebes in den Jahren 1877 bis mindestens 1927. Von da stammt eine Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Gelsdorfhütte, in der Niesels Dienstjubiläum geehrt wird.

Wie mag es wohl sein. über jede Veränderung der Belegschaft. des Betriebes. der Konjunktur und der Stadt hinweg diese eine Arbeitsstelle gehabt zu haben? Herr Niesel, auf den man in keiner noch so guten oder schlechten Zeit verzichten wollte. war Augenzeuge .mehrerer Strukturwandel. Ringsum Veränderung; er blieb. war das vertraute Gesicht, gab den Leuten die Hand. Und Orientierung. Er war der heimliche Herr der Hütte.

 Leute wie NieseI gab und gibt es vermutlich viele in und um Weißwasser: „die Unerwähnten“. Die, ohne deren Dasein kein großes Getriebe - und kein Wandel laufen würde; die ohne Schaum und großes Geklapper selbstverständlich ihr tägliches Werk verrichten. Niesel könnte als Stellvertreter für „die Unerwähnten“ einen Platz neben den bekannten Persönlichkeiten der Stadtgeschichte erhalten: als einer. der nicht verzagt. was da auch komme; einer, der an das Morgen glaubt, ein kleiner Kapitän.

Zwischen Glasmacherbrunnen und -museum, da, wo heute die Geschichte der Glas-Stadt Weißwasser mehr mit Scham als mit Stolz erzählt werden kann, könnten alle "Unerwähnten" gewürdigt werden - im Pförtnerhäuschen. heute noch an der Forster Straße. Allerdings nicht in seiner jetzigen Gestalt, denn die heutigen Privateigentümer der Gelsdorfhütte sind zu (beinahe) nichts verpflichtet und lassen Gelsdorfhütte samt Kontor-Haus dahinsiechen. Ein Dorn im Auge Weißwassers, gegen den auch die Stadtverwaltung kaum Mittel hat. Gerade im Strukturwandel wäre dieser historisch bedeutende Ort ein Anker zwischen Tradition und Zukunft. Wohl dem, der dieses Eis brechen kann. Er oder sie soll dann keinesfalls unerwähnt bleiben!

Unser Autor Gregor Schneider ist gebürtiger Weißwasseraner und Rückkehrer. Der Stadtplaner begleitet aktiv die Transformation der Heimatregion. Hier äußert er seine privaten Gedanken zum Stadtgeschehen.

 

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 04.03.2020


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Aktualisierung: 05.03.2020


 
 
 
 
 
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