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 Heinz Schade – einzigartig in seinem Fach
Weißwasseraner Glaskünstler entdeckt verzierte Kristallgläser aus seiner Bärenhütten-Zeit im Bayerischen Wald

VON GABI NITSCHE


Auch als 75-Jähriger kann es Heinz Schade nicht lassen. Es zieht ihn stets und ständig in seine kleine Werkstatt und dann bringt der Glasschleifer und Graveur aus Weißwasser Muster auf kristallene Vasen, Becher und Schalen, dass dem Betrachter schwindlig vor Augen wird, und er das Gefühl nicht los wird, das funktioniert nur mit Zauberei. Doch es ist Kunsthandwerk.

Heinz Schade beherrscht die Diatret-Kunst bravourös. Wie ein Chirurg, der am offenen Herzen operiert und der genau weiß, wenn der nächste Schnitt nicht akkurat sitzt, kann das den Tod für den Patienten bedeuten. Bei dem Weißwasseraner ist es das Glas, das zerbersten würde, wenn er es an seinem Werkzeug falsch ansetzt.

„Eine falsche Bewegung und Hunderte Stunden waren umsonst“, so Schade. Zwischen 330 und 350 Stunden Sisyphusarbeit stecken in einer Diatret-Vase, in die er Durchbrüche schleift, die nur noch mit hauchdünnen Stegen am Glaskörper gehalten werden. Auf den Laien wirkt es gerade so, als wäre das Muster darauf gesetzt worden. Denn es ist einfach unvorstellbar, sich mit jedem Schliff dermaßen ins Kristallglas vorarbeiten zu können, um dann auch am Hintergrund zu schleifen.

90 Stunden für eine Schale

Heinz Schade lächelt bei dem Vergleich, streift sich weiße Stoffhandschuhe über seine Hände, öffnet die Vitrine und greift nach einer kleinen Schale. „Das ist mein neuestes Stück“, sagt er und hält die zerbrechliche Schönheit gegen das Licht – das leuchtende Rot des Glaskörpers ist verziert mit einem gläsernen grobmaschigen Netz. Schade spricht von zwölf Millimetern Stärke und dass etwa 90 Stunden Arbeit in der kleinen Schale stecken.

Was wird das nächste Projekt sein? Eine Diatretvase? „Das ist schwer zu sagen. Manchmal kommen mir nachts die Einfälle, dann drehen die Rädel.“ Er steht dann zwar nicht auf, aber wenn er sein Vorhaben erst einmal aufgezeichnet hat und dann beginnt, „dann sitze ich auch Stund um Stund.“ Wohl bemerkt auch mit 75 noch ohne Lupe.

Eins stimmt den freundlichen Weißwasseraner aber nachdenklich. „Zu meinem Werkzeug gehören Handstücke, wie sie Zahnärzte benutzten. Die habe ich seit etlichen Jahren. Nun gehen sie langsam kaputt. Ich habe also den Hersteller angeschrieben und einen Katalog erhalten. Als ich da reingeschaut habe, dachte ich, ich werd' nicht mehr – vier Rädchen kosten 500 Euro.“ Doch ohne diese Teile kann er nicht schleifen, sagt Schade. Damit sitzt der Künstler sozusagen in der Zwickmühle.

Halbes Jahrhundert Bärenhütte

Gelernt hat Schade Glas zu schleifen in der Bärenhütte. „Seit 1950 war ich dort - fünfzig Jahre. Die Hütte hat auf mich wie ein Magnet gewirkt. Dass sie jetzt abgerissen ist, darüber bin ich lange nicht hinweggekommen. Ich weiß noch, wie mir jemand sagte: Du, Heinz, die reißen deine Hütte ab. . .“

Im vergangenen Jahr ist Heinz Schade mit einer viel beachteten Personalausstellung im Glasmuseum Weißwasser anlässlich seines 75. Geburtstages und seines 60-jährigen Berufsjubiläums geehrt worden. „Das war wunderschön, und die Resonanz einfach super“, erzählt er. Seine Frau Helga kann das nur unterstreichen. „Ich hab gestaunt, dass so viele Leute kamen. Auch der frühere sächsische Wirtschaftsminister Thomas Jurk.“ Gern erinnern sich Schades an eine Ausstellung im Wirtschaftsministerium in Dresden, die auf Jurks Initiative möglich wurde. „Das war kurz nach meinem 70. Geburtstag.“

Die Zeit vergeht, vieles ändert sich. Doch was unzertrennlich bleibt, das sind Heinz Schade und einige Mitstreiter aus all den Bärenhütten-Jahren – „die alte Truppe“. Mit Peter Bresagk, Günter Schäfer, Uli Jando, Wolfgang Weiß, Roland Marusch zum Beispiel trifft sich Schade nach wie vor gern. „Dass wir viel über die Zeiten in der Hütte reden, versteht sich.“

Eins bedauert Schade sehr: „Es ist nicht gelungen, Weißwassers Zukunft als Glasstadt zu sichern. Trotz aller Traditionen auf dem Gebiet gibt es heute keinen Nachwuchs, der das fortführt.“ Darum hat er die Glasstandorte im Bayerischen Wald schon oft beneidet. „Seit Jahren machen wir beide dort gern Urlaub. Wir waren jetzt erst eine Woche im Glasdorf Arnbruck bei Bodenmais. Und soll ich Ihnen mal was verraten? Dort haben sie auch noch Gläser von mir aus der Bärenhütte“. Als Heinz Schade das erzählt, strahlen nicht nur seine Augen vor Stolz, es ist das ganze Gesicht. Dann erklärt er: „Dafür habe ich 1989 eine Goldmedaille auf der Leipziger Messe bekommen. Der Schliff auf Kristallgläsern heißt Natalie, nach meiner Enkelin.“

So wie er in der Manufaktur Weinfurtner im Bayerischen die Erzeugnisse betrachtet und nach dem, was er dazu sagt, daran würden die Fremden schon oft den Fachmann erkannt haben. Schade gibt es dann gern zu. „Warum soll ich auch verschweigen, dass ich wirklich einer bin. . .?“



Heinz Schade

  • war als Musterschleifer in der Bärenhütte Weißwasser sehr produktiv, hat 800 Schliffe und Dekore entwickelt oder mitentwickelt.

  • Die Gläser mit diesen Schliffen gingen in 36 Länder der Welt. Hinzu kamen zahlreiche Sonderanfertigungen.

  • Als einziger Künstler in Weißwasser erhielt er bereits 1970 die Genehmigung für ein nebenberufliches Teilgewerbe als Kunsthandwerker und Graveur.

(Quelle: Glasmuseum Weißwasser)

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser  vom 04.06.2011ews290411.htm


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E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 04.06.2011


 

Heinz Schade hält sein jüngstes Diatret-Kunstwerk in der Hand. Er ist in den neuen Ländern der Einzige, der diese Kunst beherrscht. 
Foto: G. Nitsche