Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
G
lasmuseum Weißwasser !

Museum

Service

Informationen

  • Patente
  • Normen
  • Monographien
  • Glasindustrie NBL
  • Zulieferer und Dienstleister
  • Forschung

Mitgliederbereich

Die Suche nach dem Optimum
Wie sich das Glaswerk Drebkau mit einfachen Mitteln rentabel macht und Zukunft sichert

Von Beate Möschl


Das Werk Drebkau (Spree-Neiße) gehört nach Aussage der Eigentümer zu den strategisch wichtigen und rentablen Standorten der irischen Ardagh Glass. Das ist mit einfachen Mitteln erreicht worden, wie Werkleiter Matthias Wirth betont. Im Mittelpunkt habe nicht der Abbau von Arbeitsplätzen gestanden, sondern die Motivation der Mitarbeiter. Die neue Ordnung haben alle gemeinsam eingerichtet – deshalb halten sie sie auch täglich ein.

Wer Glasbetriebe einmal von innen sieht, der behält vor allem die Hitze und den faszinierenden Anblick rot glühenden Glases in Erinnerung. Im Glaswerk Drebkau der irischen Ardagh Glass fällt jedoch ins Auge, wie sauber, aufgeräumt und hell es hier ist. Das Werk unterliegt als Verpackungsmittelproduzent für die Lebensmittelindustrie zwar besonderen Auflagen, doch die erfordern nicht, dass man hier förmlich vom Fußboden essen kann. Diesen «Luxus» haben sich die Drebkauer aus eigenem Antrieb gegönnt. Dafür sind sie täglich auf Achse – mit Reinigungswagen, Besen, Schaufel und Putztuch – und konsequent beim Ordnung halten. «Es war anfangs ungewohnt, immer penibel auf alles zu achten und die neue Ordnung einzuhalten» , sagt Schichtleiter Andreas Mattern und betont: «Wir hatten ja schon immer ein festes Regime, was das Reinigen, die Formenwechsel und die Qualitätskontrolle betrifft. Aber jetzt ist vieles leichter und klappt besser.»

Dichter dran am Geschehen

Mattern hat seinen wichtigsten Computerarbeitsplatz heute nicht mehr in der abgeschotteten Kabine, sondern nahe an der Verarbeitungslinie. Ein Glasschutz schirmt ab gegen Hitze. Auf dem Bildschirm zeigen Diagramme, wie die Produktion läuft. Schlagen die Zacken zu weit nach oben oder unten aus, kann Mattern eine andere Darstellung wählen und sehen, ob es sich um ein kritisches Problem handelt, bei dem er eingreifen muss. «Eingreifen heißt, die Fahrweise der Linie oder die Geschwindigkeit der Bänder zu korrigieren» , schildert der Welzower, der vor 13 Jahren aus dem Kraftwerk ins Glaswerk wechselte. In der Regel sei das selten erforderlich, weil die Mannschaft viel Erfahrung habe und das nötige Gespür.
«Die moderne Kontrolltechnik lässt jedoch Trends eher erkennen und damit ist schnelleres Eingreifen möglich» , erklärt Prozessoptimierer Alexander Cal. Jeder könne den Stand der Produktion und die Qualität des Glases am PC ablesen, ob am heißen Ende – den drei Verarbeitungslinien für das flüssige Glas – oder am kalten Ende – der Qualitätskontrolle. «So kann im Fall des Falles am heißen Ende sofort eingegriffen und Ausschussproduktion vermieden werden, die ansonsten erst eine Stunden später am kalten Ende erkannt würde.» Schichtleiter Mattern nickt. Er könne in so einem Fall den Kontrolleuren genau sagen, welche Gläser sie aussortieren müssen.
Bei einem Ausstoß von rund 500 Gläsern pro Minute scheint das Herauspicken genau der angekündigten drei oder neun Gläser schier unmöglich. «Ach wo» , sagt Qualitätskontrolleurin Gabriele Ruppenstein lachend, «jedes Glas hat auf dem Kühlband seinen Platz, den zähle ich ab, so einfach ist das.»
«Die Abstimmung ist super jetzt» , sagt die Neupetershainerin, die sich ihre Verantwortung von der Technik nicht abnehmen lässt. «Die Computer zeigen auch kleinste Abweichungen an, die den Gebrauchswert des Glases am Ende aber nicht mindern» , erklärt sie. An der Stelle sei menschliche Erfahrung maßgebend und die Entscheidung des Kontrolleurs.
Die Qualitätskontrolleure sind als letztes Glied in der Produktionskette der konsequenten Auslese verpflichtet. «Ihre Ausbeute dokumentiert, wie produktiv die Linien sind» , betont Werkleiter Matthias Wirth. Das im September 2007 in Drebkau eingeführte System der Prozessoptimierung mache die Abläufe im gesamten Werk transparent und für jeden nachvollziehbar, sodass die Produktivität schon im Vorfeld optimiert werden könne. «Wiederkehrende Schwachstellen werden so besser erkannt und können optimiert werden» , sagt Wirth und betont: «Das, was wir hier haben, ist eine gelebte Ordnung und Struktur. Denn die Mitarbeiter haben mitbestimmt.»
So hätten sie beispielsweise bestimmt, wo Lampen installiert werden, um die Arbeitsplätze an den Verarbeitungslinien heller und freundlicher zu gestalten. Die Fachleute der Werkstatt, die die Formen instand halten und für den Sortimentswechsel bereitstellen, haben ihre Abläufe analysiert und ehrgeizig neue Zeitvorgaben entwickelt. «Wir haben geschaut, welche Wege fallen an, welche Werkzeuge haben wir, gibt es bessere, was können wir im Vorfeld tun, um die körperlich schwere Arbeit zu erleichtern, denn beim Formenwechsel sind immerhin bis zu vier Tonnen Gewicht zu bewegen» , schildert der Werkleiter. «Dann haben wir Wege verkürzt, den Werkzeugen feste Plätze zugeordnet, sodass sie immer vollständig bereitliegen, das spart Zeit» , zählt er auf. «Das kommt auch unseren Mitarbeitern zugute. Sie sind pro Schicht acht Stunden auf Arbeit. Das ist Lebenszeit.»

Die Mühen werden belohnt

Dass die Drebkauer so akribisch schauen, wie sie noch besser werden können, liegt daran, dass sie keine Massenproduzenten sind, die an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr ein und dieselben Gläser oder Flaschen produzieren. «Wir haben 80 verschiedene Sortimente für Konservengläser im Programm und ein kleineres Flaschen-Sortiment für Alkopops und Gewürzsoßen. Und für jedes einzelne Sortiment werden die entsprechenden Formensätze bereitgehalten» , berichtet Wirth.
Drei bis fünfmal pro Woche seien Sortimentswechsel nötig. Das heißt dann, 48 bis 72 Formen zu wechseln – so schnell wie möglich, bei höchster Präzision, denn Stillstand bedeutet Umsatzausfall, wie der Werkleiter betont. «Wir stehen im Wettbewerb mit allen 22 Werken der Ardagh Glass und der internationalen Konkurrenz. Je besser wir abschneiden, desto sicherer sind unsere Arbeitsplätze.» Dass sich die Anstrengung lohnt, haben die Drebkauer im Frühjahr erlebt, als ihnen die Konzernleitung grünes Licht für die Rekonstruktion der Schmelzwanne gab. «Damit ist die Zukunft des Standortes mit derzeit 135 Arbeitplätzen für mindestens zwölf bis 15 Jahre gesichert» , sagt Wirth.

Hintergrund 
Behälterglas-Spezialisten

Das Werk Drebkau (Spree-Neiße) hat im Juli 1994 unter Leitung des Familienunternehmens Lüner Glas die Produktion aufgenommen. Im Januar 2003 übernahm die britische Rexam-Gruppe das Werk. Diese wiederum verkaufte ihre europäischen Behälterglaswerke im Frühjahr 2007 an die irische Ardagh Glass Group Plc. Sie gilt mit 22 Werken, circa 7000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 1,3 Milliarden Euro als Nummer drei unter den Behälterglasproduzenten weltweit.
Die Glasindustrie in Deutschland umfasst rund 330 Betriebe mit circa 50 000 Beschäftigten. In der Lausitz sind zwei Behälterglasbetriebe aktiv: Das Werk Drebkau und das Werk Bernsdorf (bei Kamenz) des US-Konzerns Owens Illinois (O-I). Dort werden grüne Spirituosenflaschen produziert. O-I gilt mit 30 000 Beschäftigten in 100 Werken und einem Umsatz von sieben Milliarden Dollar (10,9 Milliarden Euro) als Weltmarktführer .

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 04.07.2008


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 07.07.2008


 

Alles im Blick: Schichtleiter Andreas Mattern (l.) und Maschinenführer Hartmut Franz im Werk Drebkau der Ardagh Glass Germany GmbH an einem Arbeitsplatz zur Qualitätssicherung direkt an der Verarbeitungslinie
Foto: M. Helbig