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Fasziniert vom Werkstoff Glas

VON BEATE MÖSCHL
 



Vier deutsche Glaswerke der weltweit tätigen Ardagh-Gruppe erhalten das Siegel "best place to learn" als Berufsausbilder mit Klasse. Das Behälterglaswerk Drebkau gehört zu den Ausgezeichneten.

Wer ist Lehrling, wer ist Ausbilder? Auf den ersten Blick lassen sich die beiden Männer an der Verarbeitungslinie 13 im Glaswerk Drebkau (Spree-Neiße) kaum unterscheiden. Sie tragen die gleiche Arbeitsschutzausrüstung, aber unterschiedliche Verantwortung.

Karsten Glass (49), Ausbildungsverantwortlicher für die künftigen Glastechniker und Ausbildungskoordinator des Werkes, hat sich Franz Völker (20) zur Seite genommen und geht mit ihm noch einmal die Qualitätsprüfung am heißen Ende durch.

Der Spremberger ist Auszubildender im 2. Lehrjahr. Er erlernt den Beruf des Verfahrenstechnikers für Glastechnik. Zu Ardagh Drebkau ist er eher durch Zufall gekommen nach dem Abitur. Durch einen Bekannten, der als Quereinsteiger im Glaswerk angefangen hat, erzählt Frank Völker am Rande. Nach dem Probearbeiten sei für ihn schnell klar gewesen, das ist es. "Mechaniker kann man überall lernen, aber Glastechnik, das ist was anderes", sagt er begeistert und voller Respekt.

Respekt ist auch das Erste, was jeder lernen muss, der ins Glaswerk kommt, wie Karsten Glass schildert. Respekt vor dem Werkstoff Glas, der bei einer Schmelztemperatur von 1300 Grad Celsius aus Quarzsand, Soda und Pottasche entsteht und von automatisierten Maschinen und Anlagen zu Flaschen und Gläsern geformt wird.

Je nach Artikelgröße laufen bis zu 590 Stück pro Minute vom Band. Im Sekundentakt fallen rot glühende Glastropfen in Formen. Kurze zischende Geräusche signalisieren: Jetzt wird Luft in die Formen gedrückt, was aus den Glastropfen Hohlkörper macht. Und schon stellen Greifer wie im Handumdrehen rotglühende Flaschen aufs Band.

"Das sind Beck's Bierflaschen aus UV-stabilisiertem Weißglas. Die werden wir hier noch drei Wochen produzieren, den Rest des Jahres wird auf der Linie normales Weißglas gefahren", erklärt Karsten Glass. Sein Blick wandert über die Flaschenreihe und zu Franz Völker. Der nickt. "Die größeren Fehler sieht man gleich, die kleinen nicht", sagt er und zeigt auf den Computerbildschirmplatz an der Verarbeitungslinie. Hier laufen die Betriebsdaten der Anlage zusammen. Abweichungen werden signalisiert. "Dann muss man die Daten zu interpretieren wissen, erkennen, was für ein Fehler es ist, und was zu tun ist", schildert Glass.

Noch muss Franz Völker hier keine Entscheidung treffen und verantworten, aber im 2. Lehrjahr muss er schon mal eine Prognose wagen. Mit der Greifzange holt er eine Flasche vom Band und stellt sie in die Lehre. "Wir haben hier das Eichzeichen 330 Milliliter. Es ist eine Beck's Bierflasche, die darf 295 Gramm wiegen", sagt er. Die Maße stimmen, die Achse ist auch im Lot. Kann hier überhaupt etwas schiefgehen? "Klar, das liegt in der Natur des Werkstoffs. Die Flaschen kommen mit einer Temperatur von 850 Grad aus der Maschine. Die können immer noch krumm werden, wenn etwas nicht richtig eingestellt ist", antwortet Karsten Glass.

Das Glaswerk lebt von und mit gut ausgebildeten und erfahrenen Fachleuten. In die Produktion sind die Azubis deshalb von Anbeginn gut eingebunden. "Ein junger Lehrling darf Fehler machen. Wichtig ist, dass er lernt, wie es richtig geht und es umsetzt", sagt Karsten Glass. Er selbst hat 1984 im Glaswerk Bernsdorf Instandhalter gelernt und dann als Maschinenführer gearbeitet. Er weiß aus eigenem Erleben, wie wichtig es ist, den Jungen etwas zuzutrauen.

Als er 1994 nach Drebkau wechselte, war er sofort gefordert. Du wirst Produktionsspezialist, habe sein damaliger Chef zu ihm gesagt. "Er kannte mich aus Bernsdorf und war überzeugt, dass ich der Rchtige für diese Aufgabe bin", erzählt Karsten Glass und gibt zu: "Das war eine Herausforderung für mich, denn das hieß den Maschinentechnologen machen und die Meisterschule besuchen." Ob er es bereut hat? "Nö", sagt er, "ich bin gewachsen daran."

Schon ab dem kommenden Lehrjahr wird das Werk Drebkau die Schlagzahl in der Ausbildung erhöhen. Von zwei bis drei Lehrlingen pro Ausbildungsjahr auf drei bis vier. "Wir werden neue Wege gehen und Ausbildung auch neu denken müssen", sagt Werkleiter Matthias Wirth. Präsenz auf überregionalen Ausbildungsmessen und in sozialen Netzwerken, in denen junge Leute unterwegs sind, gehören dazu, erläutert er und fügt an: "Wir werden uns auch auf 26- bis 30-Jährige einrichten, die als Quereinsteiger oder Studienabbrecher eine neue Perspektive suchen. Sie bekommen eine Chance bei uns."

Wer einmal hier angekommen ist, der bleibt offensichtlich gern. "Unsere Fluktuationsrate ist sehr gering, sie liegt bei einem Prozent", berichtet Wirth. Das spricht für ein gutes Betriebsklima von der ersten Stunde an. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich so einen tollen Betrieb finde", sagt auch Lehrling Franz Völker.

160 Mitarbeiter sind im Glaswerk Drebkau beschäftigt. Im Vier-Schicht-Betrieb sichern sie rund um die Uhr die Glasproduktion. An 365 Tagen im Jahr. Rund 430 Millionen Flaschen und Gläser umfasst die Jahresproduktion - vom kleinsten Babybrei-Glas und Gläsern für Spreewälder Gurken bis zur großen Spirituosenflasche. "Da ist noch viel zu lernen", weiß der Spremberger Franz Völker. Und auch, dass er dranbleiben wird. Der Werkstoff Glas fasziniert ihn.

Zum Thema:
Das Glaswerk Drebkau gehört zur Ardagh-Gruppe, einem weltweit führenden Anbieter für Verpackungen mit Sitz in Luxemburg. In Deutschland betreibt die Ardagh-Gruppe acht Glaswerke. Den Qualitätsaudit zur Berufsausbildung haben vier der acht deutschen Ardagh-Glaswerke durchlaufen. Für das Qualitätssiegel "best place to learn" wird die Berufsausbildung nicht von außen begutachtet, sondern von innen durch individuelle Einschätzungen von allen an der betrieblichen Ausbildung Beteiligten im Wege einer Umfrage zu 71 Qualitätskriterien. Die Kriterien wurden von der Aubi Plus GmbH entwickelt. Von 612 möglichen Punkten hat das Werk Drebkau 511 erreicht und ein "gut" erhalten. Die Beteiligung an der anonymisierten Online-Befragung lag in Drebkau bei 100 Prozent. Im Behälterglaswerk Drebkau können Interessierte eine Ausbildung zum Industriemechaniker, Mechatroniker, Elektroniker für Betriebstechnik, zur Fachkraft für Lagerlogistik oder zum Verfahrensmechaniker Glastechnik absolvieren. Das Bewerbungsverfahren für das Jahr 2018 startete Ende September 2017. (moe)

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 04.10.2017


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Aktualisierung:
08.10.2017


 

 Ist die Flasche im Lot – und hat sie das richtige Gewicht? Azubi Franz Völkel (vorn) geht mit Ausbildungskoordinator Karsten Glass im Ardagh-Glaswerk Drebkau die Schritte der Qualitätsprüfung durch.
Foto: B. Möschl