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 Die Initiative von Adolf Hirsch
Das Gaswerk der Stadt Weißwasser (Teil 2)


Von LUTZ STUCKA


Im Jahr 1609 erfuhr ein flämischer Alchimist bei seinen Experimenten, dass aus erhitztem Holz sowie auch aus Torf und Kohle ein „wilder Geist“ entströmt. Bald wurde dieser „Geist“ als „Chaos“ bezeichnet, wovon sich das Wort „Gas“ ableitete. Ende des 17. Jahrhunderts kam erstmals dieses Medium in England für Beleuchtung zur Anwendung.

Die erste kommerzielle Verwendung dieses Brennstoffes erfolgte im Jahr 1812 in London. Dreizehn Jahre später wurde auch in Deutschland, in Hannover, erstmals ein Gaswerk in Betrieb genommen.

Gleich zu Beginn des Jahres 1901 begannen im neuen Gaswerk in Weißwasser sechs bis acht Arbeiter unter Direktor Bewig mit der Herstellung von Steinkohlengas. Die Brennstoffgewinnung erfolgte in zwei kleinen Gaserzeugungsöfen mit zehn Retorten. Das waren drei bis vier Meter lange keramische Röhren, welche mit der Schaufel von Hand befüllt wurden. Jede dieser Retorte fasste bis zweihundert Kilogramm zermahlene Steinkohle und wurde unter Luftabschluss von Koksfeuer auf 1200 Grad vier bis sechs Stunden erhitzt. Auch hier konnte keine Braunkohle eingesetzt werden, die Verbrennungstemperatur war ebenfalls zu gering. Die so erhitzte Steinkohle gab ihr Gas frei, was über Rohrleitungen zum Wasserkühler geleitet und weiter über mehrere Filteranlagen von unerwünschten Zusatzstoffen gekühlt und gereinigt wurde. Das verwendungsfähige Leuchtgas, auch Stadtgas genannt, strömte über einen Teleskopgasometer, ein Speicher, von dem der Brennstoff unter Druck gesetzt wurde, durch Rohrleitungen zum Endverbraucher. Die unerwünschten Zusatzstoffe wie Teer, Wasser, Ammoniak, Kohlensäure und Schwefelwasserstoffe wurden in den Filtern zurück gehalten und abgeschieden. Diese Stoffe fanden anderweitige Verwendung.

Nach der Entgasung entfernten Arbeiter die noch glühende Steinkohle, jetzt Koks genannt, aus den Retorten, ließen ihn in metallene Karren gleiten und fuhren diese unter den Kokslöschturm. Hier wurde die Glut mit Wasser abgelöscht und somit der Verbrennungsprozess unterbrochen. Anders wäre der Koks vollständig verbrannt und für die Weiterverwendung als Heizmaterial nicht mehr nutzbar. Ein Teil des Kokses diente der erneuten Beheizung der Steinkohle im Gaserzeugungsofen, der andere wurde verkauft. Den Transport der Kohle übernahmen anfangs Pferdegespanne vom Güterbahnhof Weißwasser zum Gaswerk, bis im Jahr 1904 ein Bahnanschlussgleis verlegt wurde.

Zwei Jahre später ging ein dritter, kleinerer Gaserzeugungsofen mit nur drei Retorten zur weiteren Erhöhung der Brennstofferzeugung in Betrieb.

Der stetig steigende Gasbedarf der Industrie- und Privatkunden erforderte eine Erweiterung der gesamten Gaserzeugungsanlage. Ein zweiter Gasbehälter mit dem doppelten Fassungsvermögen gegenüber dem ersten, welcher 800 Kubikmeter aufnahm, entstand im Jahr 1908. Aber auch diese Betriebsvergrößerung konnte den Gasbedarf nicht decken.

Als das Gaswerk im Jahr 1901 mit seiner Arbeit begann, wurden 390 000 Kubikmeter Gas erzeugt und zehn Jahre später hatte sich die Produktionsziffer fast verdoppelt. Im Jahr 1927 waren es dann 1 120 000 Kubikmeter des begehrten Heiz- und Leuchtmittels, die das Werk verließen.

Dieses rasche Wirtschaftswachstum des Betriebes machte auf sich aufmerksam und Unternehmen mit hoher Gewinnerwirtschaftung waren bei den Geldanlegern begehrt. So kam es, da solche Aktien einen hohen Kursanstieg erahnen ließen, dass sie fleißig gekauft wurde. Im Jahr 1911 ging das Gaswerk in der Aktienmehrheit an die Diskontogesellschaft Bremen über, die auch fortan den Direktor stellte, wogegen Adolf Hirsch weiterhin Aufsichtsratsvorsitzender blieb. Neue Investitionen folgten rasch. Im Jahr 1912 waren 19 Kilometer Gashauptrohrleitungen in Betrieb, womit 36 Straßenlampen, 3 300 private Gaslampen, 728 Gaskocher und 590 Heizgeräte neben der Industrie mit Brennstoff versorgt wurden. Der Preis für einen Kubikmeter Leuchtgas betrug 18 Pfennige.

Während des ersten Weltkrieges kam durch den Mangel an Arbeitskräften die Gasherstellung fast völlig zum Erliegen und konnte erst wieder zu Beginn der zwanziger Jahre forciert werden.

Der rasche Wirtschaftsaufschwung in jenen Jahren machte weitere Investitionen nötig. Bedingt durch den wachsenden kommunalen Gasverbrauch wurde Bürgermeister Otto Lange zum Aufsichtsratsvorsitzenden bestellt. Gemeinsam mit den Glashüttenunternehmern Edmund Gelsdorf, Adolf Hirsch und Friedrich Weckerle ließ er in den Jahren 1926 bis 1928 umfangreiche Rekonstruktionen im Werk durchführen. Einige Gebäude wurden erneut vergrößert und das Leitungsnetz abermals erweitert. Eine separate Gasleitung zu den Glasbetrieben und ein dritter Gasbehälter mit fünftausend Kubikmeter Fassungsvermögen entstanden. lzs1

Zum Thema:
1908. Die Anlage eines Brunnens, sechs Meter tief, erfolgt. Der Wasserbedarf für den Gasherstellungsprozess ist hoch und kann durch das Oberflächenwasser des benachbarten Kulewatschigteiches und des Kulewatschikgrabens nicht gedeckt werden. Der Tiefgang ist so gewählt, dass ausreichend Wasser stets zur Verfügung steht. 


Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 04.11.2010


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Aktualisierung: 05.11.2010


 

Weißwassers Gaswerk in einer zeitgenössischen Darstellung
 Archivfoto: privat