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Das Kriegerdenkmal als Friedensdenkmal
Weißwasser besitzt ein einzigartiges Bauwerk


Von WERNER SCHUBERT  


Es war am 16. Juni 1922, als von dem Kriegerdenkmal auf dem Bahnhofsvorplatz, im Volksmund bald «Glasmacherbrunnen» genannt, die Hüllen fielen und den Streit beendeten, der um seine Gestaltung entbrannt war. 

Otto Lange als Bürgermeister, Joseph Schweig als Vorsitzender des Militärvereins und seine Kameraden hatten durchgesetzt, dass den 432 Toten des Ersten Weltkrieges ein Monument errichtet wird, welches ihren Tod nicht zum Heldenopfer verklärt, sondern an ihr Leben und Schaffen erinnert. Die Gegenpartei, Konservative und der Kriegerverein Kameradschaft, hatte eines der üblichen Denkmäler gewollt, die in Deutschland gerade wie Pilze aus dem Boden schossen, mit militärischen Symbolen, fallenden Helden, obendrauf den kaiserlichen Adler mit der Weltkugel in den Fängen.

Sie hatten das Weißwasseraner Friedensmal auch deshalb nicht gewollt, weil die Initiative wieder einmal vom falschen Verein und noch dazu von einem Deutschen jüdischen Glaubens ausgegangen war. Dem setzte die Friedenspartei entgegen: den Brunnen als Symbol des Lebens, die vier arbeitenden Glasmacher als Symbol aufbauender Arbeit und die Säule, seit der Antike ein Symbol der Macht, die dem Leben und der Arbeit gehören muss.

Damit besitzt Weißwasser ein einzigartiges Monument, das im Betrachter friedliche Gedanken weckt, statt ihn zu ermahnen, sich auf den Opfertod im nächsten Krieg vorzubereiten. Genau das ist nämlich der Sinn des Heldenkults, der schon in der Kaiserzeit grassierte. Genau in diesem unseligen Geist waren nach dem Ersten Weltkrieg in fast allen Orten Deutschlands solche Kriegerdenkmäler entstanden.

Ganz in diesem revanchistischen Geiste erklärte ein Zeitungsschreiber am 10. September 1921, das Denkmal sei den «freudig in die Krieg gegangenen Bürgern gewidmet, die ihr Leben für das Vaterland gelassen haben» . Ganz verschont blieb Weißwasser also nicht von diesem unseligen Denken.

Auf dem Friedhof schufen sich die konservativen Verfechter dieser Strömung einen «Heldenhain» . Das Eingangtor ist verschwunden, aber die kleine Erhöhung ist noch betretbar. Die markigen Reden, die am Heldengedenktag ab 1933 dort und zuvor im Gloria-Palast gehalten wurden, erklärten es immer wieder zur vaterländischen Pflicht, den toten Helden nachzueifern.

Dem Weißwasseraner Friedensdenkmal geht eine lange Geschichte voraus, die die weltanschauliche Entwicklung des Militärvereins, seines Vorsitzenden und eines erheblichen Teil der Bevölkerung nachzeichnet. 1903 fasste man den Plan, dem fünf Jahre zuvor verstorbenen «Kanzler der Einheit» Otto von Bismarck ein Denkmal zu errichten, einen etwa 30 Meter hohen klotzigen Turm am höchsten Platz, etwa dort, wo heute der Wasserturm steht. Zur Finanzierung hatte der Landrat eine Tombola mit komplizierten Auflagen genehmigt, gegen die der konservative Verleger des «Anzeigers für Weißwasser» Ehlers Anzeige bei der Görlitzer Staatsanwalt erstattete. Die wies diesen Vorwurf ab. Aber die Frau des Zeitungsmannes holte sich ihren Gewinn ab – in der Villa des Herrn Joseph Schweig.

Lange rührte sich nichts. Im Januar 1914 gab es einen neuen Beschluss. Zum 100. Geburtstag Bismarcks, am 1. April 1915, sollte ihm nun ein Denkmal gewidmet werden. Als Standort hatte eine Kommission den Bahnhofsvorplatz bestimmt. Als im Oktober 1914, der Erste Weltkrieg war gerade ein Vierteljahr alt, der eben gewählte Bürgermeister Otto Lange mit dem Landrat von Lucke und Joseph Schweig einen Rundgang durch die Gemeinde machte, kamen sie auch am Bahnhof vorbei. Hier wies der Landrat den neuen Bürgermeister darauf hin, wie der Platz gestaltet werden solle, mit einer Büste des Eisernen Kanzlers. Die Ziegel für das Fundament wollte der Standesherr kostenlos bereit stellen. Immerhin war Traugott Hermann Graf von Arnim persönlicher Sekretär Bismarcks gewesen.

Der Krieg verhinderte dieses Denkmal, an dessen Stelle bis Ende 1918 ein belgisches Festungsgeschütz dem sinkenden Kriegwillen aufhelfen sollte.

Am 16. Juni 1922 war es dann soweit. Die Bezeichnungen «Ehrenmal» und «Kriegerdenkmal» gerieten bald in Vergessenheit. Sie wichen dem durchaus angemessenen Begriff «Glasmacherbrunnen» . Wir sollten aber seine eigentliche Bestimmung «Kriegerdenkmal» nicht vergessen, denn damit besitzt Weißwasser ein in Deutschland einzigartiges Friedensmonument.

Wer meint, es sei einfach ein Brunnen zur Erinnerung an die große Zeit der Glasindustrie, sollte die Inschrift lesen. Sie widmet das Denkmal den Toten des Weltkrieges. Und wer sagt, die meisten Toten seien eben Glasmacher gewesen, den frage ich: Stehen ringsum Bauern oder Waldarbeiter auf dem Podest? Und wem gebührt die Ehre in Guben, in Forst und in Cottbus, wo die Tuchmacher die Mehrheit stellen? Erst durch diese Vergleiche wird deutlich, welche weltanschaulich-geistige Leistung die Denkmalschöpfer in Weißwasser vollbrachten, aber auch, dass es einem barbarischen Akt gleichkam, das Denkmal 1974 abreißen zu lassen. Angeblich wegen der Verkehrsgestaltung. Der heutige Zustand beweist, dass dazu keine Notwendigkeit bestand.

Dem Förderverein Glasmuseum und der Denkmalskommission gebührt unserer besonderer Dank für die Wiederherstellung. Sie haben seit 1999 mit dem damaligen Stadtrat in jahrlanger und mühevoller Arbeit Spenden und Fördermittel gesammelt und die Rekonstruktion geleitet.

Am 9. Juni 2002, 80 Jahre nach der Urfassung, wurde das Friedensdenkmal erneut der Stadt übergeben.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 05.06.2008


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 05.06.2008


 

Der Glasmacherbrunnen in Weißwasser ist ein einzigartiges Friedensdenkmal.
Foto: Brinkop