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Gebrauchsanweisung für Weißwasser
Künstler planen zum Bauhaus-Jubiläum ein besonderes Projekt in der Glasmacherstadt.

Von Torsten Richter-Zippack
 


Im Jahr 2019 jährt sich die Gründung der Bauhaus-Architektur zum 100. Mal. Neben Weimar, Dessau und Berlin gilt Weißwasser als eines der Zentren dieses Stils. In der Glasmacherstadt gibt es eine ganze Anzahl von Gebäuden, die während dieser Epoche entstanden, beispielsweise Neufert-Bau und Volkshaus. Allerdings führen diese bislang ein Schattendasein. Um dies zu ändern, haben sich mehrere Künstler unter Federführung des Neufert-Bau-Vereins zusammengefunden. Das Ensemble aus Theater, Tanz, Musik, Installation und Film möchte gemeinsam mit den Weißwasseranern die verborgenen Schätze heben. „Modellfall Weißwasser – Das Masz aller Dinge“ lautet der Titel dieses Vorhabens, das von der Kulturstiftung des Bundes und vom Freistaat Sachsen gefördert wird. Das Ziel: eine „Gebrauchsanweisung für Weißwasser“ erstellen.

Doch der Reihe nach. Der 3. Oktober 2018 dürfte in die Geschichtsbücher der Glasmacherstadt eingehen. Und das nicht nur, weil an jenem Mittwoch der 28. Jahrestag der Deutschen Einheit gefeiert wurde. Sondern weil an jenem kühlen, teils verregneten und stürmischen Tag die Professoren Ernst Neufert und Wilhelm Wagenfeld nach 71-jähriger Abwesenheit in die Stadt ihres einstigen Wirkens zurückgekehrt sind. Natürlich nicht in echt, denn die Herren wären, würden sie noch leben, bereits jeweils 118 Jahre alt sein. Stattdessen schlüpfen die Schauspieler Sebastian Straub (Neufert) und Heiner Bomhard (Wagenfeld) in die Rollen des Architekten und des Designers. Sie treffen via Eisenbahn in Weißwasser ein und beschreiten prozessionsartig ihren Weg durch die Stadt zur Telux. Dort befand sich einst die Zentrale der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG), deren künstlerische Leitung Wilhelm Wagenfeld ab dem Jahr 1935 innehatte. Ernst Neufert war zwischen 1934 und 1944 Hausarchitekt der VLG.

Sebastian Straub und Heiner Bomhard sind die beiden Hauptakteure im jetzt angelaufenen Kunstprojekt zum Bauhaus-Jubiläum. Straub, gebürtiger Unterfranke, hat sich bereits durch zahlreiche Kurzfilme und Theaterauftritte einen Namen in der Szene erarbeitet. Bomhard, ebenfalls aus Franken stammend, ist auch als Autor und Komponist bekannt. So komponierte der 33-Jährige die Musik zum Theaterstück „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ unter der Regie von Rosa von Praunheim am Deutschen Theater in Berlin.

Darüber hinaus gehört ein weiteres halbes Dutzend Künstler zum Projektstab vom „Modellfall Weißwasser. Dazu zählen unter anderem die Sängerin Bernadette La Hengst, Balletttänzer Jochen Roller, Filmautorin Constanze Fischbeck sowie Bühnenbildner Hendrik Scheel. Als künstlerischer Leiter fungiert indes der freiberufliche Berliner Regisseur Stefan Nolte. Der Experte für großformatige theatralische Recherchen mit Schauspielern und Vor-Ort-Zeitzeugen hat das ganze Vorhaben gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Neufert-Bau-Vereins, Holger Schmidt, ins Leben gerufen, sagt er selbst. Ihn fasziniere das gewaltige Potenzial an Industriegeschichte in Weißwasser. „Wir wollen deren Geschichte erzählen sowie eine Gebrauchsanweisung für zukünftige Nutzungen erarbeiten“, umreißt er seine Vision.

Zunächst wollen die Protagonisten in Weißwasser bis Ende 2018 auf Recherche gehen. Dazu wird direkt am Rathaus der „Masz-Laden“ als Projektbüro eröffnet, der dienstags und donnerstags einlädt. „Außerdem planen wir die Befragung von Zeitzeugen“, kündigt Stefan Nolte an. Von Januar bis Juni 2019 gibt es Kunstwerkstätten, an denen die Weißwasseraner gern teilnehmen können. Das Ergebnis des Ganzen soll dann an zwei Wochenenden im Juni 2019 als theatralischer Stadtspaziergang einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden. Hauptziel: „Wir wollen den Bauhaus-Schatz in Weißwasser heben. Das ist etwas, auf das die Einwohner sehr stolz sein dürfen“, erklärt Nolte. Ernst Neufert und Wilhelm Wagenfeld wollen indes mindestens bis zum kommenden Sommer in der Glasmacherstadt aktiv sein. Schließlich habe sich in den sieben Jahrzehnten ihrer Abwesenheit so viel verändert, dass erst mal erkundet werden müsse. Zumindest das zu DDR-Zeiten entstandene Neubaugebiet Süd haben die beiden honorigen Herren bereits ins Herz geschlossen. Schließlich erinnert die Platte aufgrund ihrer gleichen Formen und Normen, so Neufert, ebenfalls nicht unerheblich an den Bauhaus-Stil. Kein Wunder, dass auch gerade dieses Neubaugebiet in den beabsichtigten theatralischen Stadtspaziergang eingeschlossen werden soll.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 05.10.2018


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Aktualisierung: 06.10.2018


 

Begrüßung von Wilhelm Wagenfeld (Heiner Bomhard, l.) und Ernst Neufert (Sebastian Straub) an historischer Stätte. Denn vor rund 80 Jahren wirkten beide Professoren auf dem Gelände der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG), dem heutigen Telux-Gelände.
Begrüßung von Wilhelm Wagenfeld (Heiner Bomhard, l.) und Ernst Neufert (Sebastian Straub) an historischer Stätte. Denn vor rund 80 Jahren wirkten beide Professoren auf dem Gelände der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG), dem heutigen Telux-Gelände.
Ulli Teichert führt mit seiner Konzertina die Wagenfeld-Neufert-Prozession vom Bahnhof zur Telux quer durch Weißwasser an.
Ein Teil der Künstler des Modellfalls Weißwasser beim Prolog in der Telux.
Fotos: T. Richter-Zippack