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Das neue Glaslexikon – Für und Wider

REZENSION VON Dietrich Mauerhoff


Auf der Herbstsitzung der FA V der DGG hatte ich mir das „Glaslexikon“ von Thomas Berg gekauft. Es war schon sehr erstaunlich und bewundernswert, dass ein Autodidakt wie Thomas Berg sich an das so spezielle Thema „Glas“ als Allein-Autor heranwagte. Unheimlich viel Fleiß und Zeit steckt dahinter. 15 Jahre hätte er , wie mir Thomas Berg telefonisch versichert, an dem Werk gearbeitet. Natürlich ist für viele Glasfreunde, und nicht nur für diese, ein Glaslexikon ein willkommenes Nachschlagwerk. Das zeigen auch erste Rezensionen durch Dr. Franz Ohlms im „Glasfreund“ (Heft 41, 2011) und durch die Redaktion im „dgg-journal“, 6/2011. Hier wurde das Glaslexikon vorwiegend positiv beurteilt. Trotzdem sind einige kritische Bemerkungen angebracht, die sich nicht nur auf Druckfehler beziehen. Bereits im September 2011 hatte ich Herrn Kieselbach vom Kolme k-Verlag und Autor, Herrn Berg telefonisch auf verschiedene Ungenauigkeiten hingewiesen . Dazu hatte ich vorgeschlagen, die erste Auflage noch nicht verkaufter Exemplaren zurückzuziehen oder ein Korrekturblatt nachzuliefern. In einer zweiten Auflage sollten dann gravierende Fehler ausgetilgt sein. 

Wie Thomas Berg selbst in seinen biografischen Notizen bemerkte, hat er sich ab 1978 als Glassammler mit Geschichte und Technologie von Glas befasst. Ein Studium der Glas- oder Silikattechnik, der Kunstgeschichte oder ein gleichgelagertes Studium hatte er also nicht absolviert. Ebenso war er in seiner berufliche Tätigkeit nie in der Glasindustrie, im Kunstgewerbe oder in Museen, die Glas als Thema haben, tätig. Man fragt sich also, woher habe Thomas Berg sein Wissen hergeholt. Museumsbesuche und Exkursionen in glasherstellenden sowie in glasbe- verarbeitenden Firmen machen es auch nicht. Die Antwort gab er selbst. Am Ende seines Buches stellt er eine „Literaturliste“ , gegliedert in 8 Hauptunterteilungen, vor. Es wurden insgesamt 247 Titel von Einzel- und Gemeinschaftautoren genannt und auf 3 Zeitschriften als „Periodika“ hingewiesen. Thomas Berg hat also, so kann man daraus schließen, auch für das Lexikon vorwiegend einschlägige Fachliteratur studiert, ausgewertet und angewendet. Das ist eigentlich kein Kritikpunkt, vorausgesetzt, man verweist auf verwendete Unterlagen. Es wäre also ein Akt der Fairness gegenüber den vielen Autor gewesen, statt „Literaturverzeichnis“, „Quellenverzeichnis“ zu schreiben. Jeden Begriff mit Fußnoten, eckigen Klammern u.ä. zu versehen ist in einem Lexikon nicht üblich. Mit einem Satz in der „Einleitung“ wie: „Neben meinen eigenen Nachforschungen habe ich für die Stichworte eine umfangreiche Literaturauswertung aus der am Ende des Buches angeführten Literatur-Zusammenstellung vorgenommen“, wäre alles gesagt worden. Als Beispiel wie man so was macht, sei auf das „Silikat-Lexikon“, Akademieverlag Berlin 1985 oder auf die neuerschienen Bände „Glastechnik“ des Deutschen Museums München verwiesen. Dass Berg einiges aus der Literatur verwendete, bekennt er in einigen Bilder, wo er Herkunft oder Autor in der Bildunterschrift nannte. 

Erkennbar sind aber auch gleichlautende Sätze aus anderen Veröffentlichungen. Darauf  komme ich noch einmal zurück.
Zusätzlich kann ich mich der Feststellung von Dr. Ohlms: „Nur im achtseitigen Literaturverzeichnis wird der Liebhaber manches Werk vermissen.“, nur anschließen. Damit meine ich nicht nur einige historische Standardwerke zur Glastechnologie ( u.a. Verfassernamen wie Dralle, Keppler, Kitaigorotski, Scholze, Beyersdorfer, Vogel. ) sondern auch Fachzeitschriften aus Vergangenheit und Gegenwart ( „Glastechnische Berichte“, „Sprechsaal“, „Glasrevue“ usw.). Besonders wunderte mich , dass Th. Berg die „pressglas-korrespondenz“, die er seit 1998 von S. Geiselberger bezieht, unerwähnt ließ. Gerade hier ist im letzten Jahrzehnt eine Fülle von Informationen entstanden, die weltweit beachtet werden.

Als ich das neues Lexikon zur Hand nahm, schaute ich nach Begriffen, über die ich selbst gut Bescheid wusste. Ich wurde sofort mit Fehlern überrascht. 

Beispiel: 
„Walther & Söhne,August, (Sächsische Glasfabrik AG)
Richtig begonnen wurde dass, Carl Gottlieb Walther (im Lexikon als Karl G. Walther geschrieben) 1865 eine Glasfabrik gründete. Alles danach Geschrieben ist ungenau und meistens falsch! Der geschichtliche Ablauf ist konfus und unkorrekt. Zum besseren Verständnis zitiere ich nachfolgend noch einiges Falsches, dass Berg unter dem Begriff „Walther….“auf Seite 230 geschrieben hat:

„..Sie übernahm 1886 die Glasfabriken Berthod & Hirsch und Max Hirsch & Co, beide in Radeberg. Ab 1888 leitet der Sohn des Gründers, August W. die Firma unter dem Namen August Walther & Söhne-Sachsenglas…1931 wurde die Firma in eine AG umgewandelt und fusionierte 1931 mit der Glasfabrik Brockwitz AG, der Glasfabrik in Bernsdorf und der Sächsischen Glasfabrik Walther & Söhne in Radeberg zur Sächsischen Glasfabrik August Walther & Söhne AG. 1945 wurde das Werk in VEB Sachsenglas Ottendorf-Okrilla umbenannt…“

Eine Fusion mit den weltbekannten Glasfabriken in Brockwitz und Bernsdorf ist ausgesprochener Blödsinn.
Mit seiner Darstellung auf Seite 4 „Aktiengesellschaft für Glasfabrikation…“ und Seite 93 „Hoffmann, Gebrüder… widerspricht sich Berg dann auch selbst. 
Außerdem wurde Pressglas nicht mit …“den neusesten amerikanischen Glaspressen hergestellt.“ Zu dieser Zeit gab es bereits zahlreiche einheimische Maschinenbaufirmen, die Glaspressen nach amerikanischem Vorbild nachbauten.

Unter dem Stichwort „Walther & Söhne, August “ müsste z.B. (nach Korrektur im Lexikon) stehen:

„in Moritzdorf (heute Ottendorf-Okrilla) 1865 von Carl Gottfried Walther gegründete Glasfabrik. Zwei weiter Glashütten in Moritzdorf, am benachbarten Standort folgten. Ihre Besitzer wechselten mehrmals. 1894 vereinigte August Walther (Sohn von C.G.Walther) alle drei Glashütten zur Fa. August Walther Hohl-und Pressglashütten Moritzdorf. 1903 traten die Söhne ins Unternehmen ein. 1915 entstand aus der Firma die „August Walther & Söhne AG“. Nach 1925 übernahm die Dresdner Bank die Aktienmehrheit und schloss 1931 diese AG mit der ihr bereits gehörenden „Sächsische Glasfabrik AG Radeberg“ zur „Sächsischen Glasfabrik August Walther & Söhne AG“ in Ottendorf-Okrilla zusammen. 1941 in „Sachsenglas AG Ottendorf-Okrilla“ umbenannt, 1945 enteignet, 1947 Trennung vom Radeberger Betriebsteil und ab 1948 volkseigen, als „VEB Sachsenglas Ottendorf-Okrilla“ waren die weiteren Entwicklungen in den Folgejahren und in der DDR. 
1992 liquidierte die „Treuhand-Anstalt“ die Sachsenglas GmbH. Damit endete dieser traditionsreiche Glashüttenstandort.“

Ebenso ist die Erwähnung, dass Muster der Fa. Moser von Walther kopiert wurden unangebracht. Auf Seite 154 des Lexikons unter „Oroplastik-Dekor“ ist alles gesagt. In der Geschichte der Firmen „Loetz“, Seite 126 und „Oertel“, Seite 152 wird darüber nicht mehr berichtet. Zufall? Die Muster ähneln sich, aber die Herstellungs-Technologie bei Walther unterschied sich. Einen erfolgreichen Rechtsstreit für Moser gab es nicht. 
Praktisch kann man jede Glasfabrik mit Musterübernahmen konfrontieren. Die Beispiele würden schon allein ein Lexikon füllen. Frage: Warum ähneln sich die modernen PKW? Richtig: Es ist eine Moderescheinung. Einer hat eine Idee und alle anderen machen Ähnliches nach. 

Das Glaswerk „Sächsische Glasfabrik AG“ hat bis 1931 seine eigne Geschichte. 1873 gründete W.Hirsch in Radeberg die Fa. „Berthold & Hirsch“, 6 Jahre später sein Bruder Max das „Glashüttenwerk Max Hirsch“ ebenfalls in Radeberg. Beide Glasfabriken vereinigten die Brüder 1886 zu der „Sächsischen Glasfabrik AG“.
(Der Name „Hirsch“ und die zahlreichen Glashüttengründungen unter diesem Namen wären schon ein eigenständiger Begriff im Lexikon gewesen)

Auffallend ist, dass vor allem ostdeutsche Glashüttenstandorte, die im 19. bzw. 20. Jahrhundert entstanden, mit ihren vielen Glashüttengründungen im Lexikon fehlen. Neben Brockwitz gibt es keinen Hinweis u.a. zu Döbern, Schwepnitz, Hosena, Schönborn, alles bedeutende Glaswerke für Wirtschaftglas. Die sächsische Glasindustrie befand sich nicht nur in Dresden und Umgebung oder die Glasindustrie der Lausitz nicht nur in Weißwasser. Unglücklich ist auch die Wahl der Stichworte. Einiges wird unter Firmennamen abgehandelt wie im Stichwort „Aktiengesellschaft für Glasindustrie“ Seite 4 , oder wie im Stichwort „Weißwasser“ Seite 233 . Der Begriff „Dresden“ wird nur mit der „Ostra-Glashütte“, Seite 155 identifiziert wird. Hier wären auch die Angaben von Seite 4 angebracht gewesen. Wie weit sich dieses Stichwortdurcheinander auf mir nicht bekannte Glaswerke und Standorte bezieht habe ich nicht geprüft.

Wie ich bereits erwähnte, betrachte ich das Lexikon als Literaturauswertung. Wenn man viele Begriffe, die in der Literatur genau definiert wurden mit eignen Worten neu formulieren muss, dann kann es schon passieren, dass fremder und eigner Text nicht mehr unterschieden werden kann. Zufällig bemerkte ich das in diesem Lexikon bei meinen Recherchen zu maschinellen Flachglas-Verfahren beim Vergleich der Aussagen im „Glaslexikon“ und im „ABC Glas“ (Autorenkollektiv , VEB Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie Leipzig, 1983) 

Im Lexikon fand ich unter Libbey-Owensverfahren eine auffällige gleiche Wortwahl wie im ABC Glas.
Berg: „…Das Verfahren lässt relativ dünne Glasbänder bis zu 0,6 cm Dicke zu…wegen der Notendigkeit die Umlenkwalzen in kurzen Zeitabständen wechseln zu müssen, hat das Verfahren keine weitreichende Anwendung gefunden.“
ABC Glas: „…Das Verfahren gestattet relativ dünne Glasbänder (bis zu 0,6 mm Dicke)… Außerdem muß die Umlenkwalze alle zwei Wochen gewechselt werden. Aus diesen Gründen hat das Verfahren keine umfassende Anwendung gefunden.“

Das kann Zufall sein, aber bei anderen Definitionen bemerkte ich ebenso auffällige Übereinstimmungen.

Beispiel „Auftreiben“:
Berg: „Auftreiben, trichter- oder kegelförmiges Öffnen und Erweitern einer Glasblase oder eines Glasrohres…“
ABC Glas: „Auftreiben – trichter- oder kegelförmiges Erweiternder Öffnung von Rohren oder Hohlkörpern…“

Beispiel „Bülvern“
Berg: „Bülvern, kurzzeitiges Erzeugen vieler großer Blasen in der Glasschmelze zur Unterstützung der Läuterung und Homogenisierung bei der Hafen- und Tageswannenschmelze. Die aufsteigenden großen Blasen wirbeln die Schmelze gut durcheinander. Häufig verwendet werden feuchte Holzklötze (Buche), saubere Rüben, Kartoffeln u.a.“
ABC Glas: „Bülvern – kurzzeitiges Erzeugen vieler großer Blasen in der Glasschmelze im Läuterstadium zur Unterstützung der Läuterung und der Homogenisierung bei der Hafen- und Tageswannenschmelze. Die aufsteigenden Blasen wirbeln die Schmelze gut durcheinander…Häufig verwendete Stoffe: feuchte Holzklötzchen (Buche), saubere Rüben, Kartoffeln u.ä. … 

Beispiel „Durchlaß“
Berg: „Durchlaß, Verbindungskanal zwischen Schmelz- und Arbeitsbassin eines Wannenofens. In ihm kühlt die Schmelze auf die Verarbeitungstemperatur ab…...“ 
ABC Glas: Durchlaß – Verbindungskanal zwischen Schmelz- und Arbeitsbassin eines Wannenofens…Die Aufgabe der D. ist die Abkühlung des Schmelze und Unterdrückung starker Austauschströmumgen…“ Den letzten Satz hat Berg falsch verstanden. Der Durchlaß bringt die Schmelze nicht auf Verarbeitungstemperatur.
Weiter Beispiele erspar ich mir.

Nach über 45 Jahre praktischer Tätigkeit in der Glasindustrie und dazu vorangegangener Berufsausbildung sind mir einige Gebiete der Glastechnik und Glaschemie sehr vertraut. Vielen Fachbegriffen, die im Glaslexikon genannt werden, stehe ich deshalb kritisch gegenüber. Ihre Definition sind teilweise von moderner Forschung überholt, unvollständig aufgenommen, die Bedeutung nicht erklärt oder sie werden bei unterschiedlichem Namen nicht mit gleichem Inhalt interpretiert. Um einige Beispiele anzugeben, nenne ich Borosilikatglas, Borax, Hafengrößen, Hafenofen, Büttenofen, Regenerativsystem (Rekuperativ fehlt), Pfeife, Eisenoxid, Fritte, Rubingläser, Netzwerkbildner-Glasbildner…….

Außerdem wunderte ich mich, dass Berg chemische Formeln weitgehend meidet. Glasrohstoffe oder Chemikalien nennt er nur mit Namen. Traut er seinen Lesern so wenig einfache chemische Kenntnisse zu? 
Zu den vielen kunst- und kulturgeschichtlichen Begriffen maß ich mir nicht an, ein Urteil zu fällen. Ich habe dazu viel zu wenig gelesen oder anderswie mir dazu nicht das nötige Wissen angeeignet, deshalb habe ich Begriffe im Glaslexikon aus Glaskunst, Design, Glaskunstgeschichte usw. nicht mit Texten aus der Literatur verglichen. 

Druckfehler bleiben nie aus:

Beispiele: Ein Thermometerglas wurde von O. Schott 1855 nicht erschmolzen. Zu der Zeit war er Kind. Wahrscheinlich meinte Berg das Thermometerglas 16III, das Schott 1885 erfand.

Das Fourcault-Verfahren wurde 1922 in Deutschland eingeführt und nicht 1925.

Ein Glaslexikon zu verlegen, verfasst durch einen Allein-Autor, ist für einen Kleinverlag wie den Kolme K-Verlag schon sehr mutig. Fachkundige Lektoren wird wahrscheinlich dieser Verlag nicht beschäftigen können. Die finanziellen Probleme für Verfasser und Verlag möchte ich hier nicht ansprechen. Ich kenne diese auch nicht. Vor dem Druck des Lexikons wäre es wünschenswert gewesen, die Arbeit einigen „Fachleuten aus der Welt des Glases“ zur Prüfung und möglicher Weise zur Korrektur vorzulegen. Noch besser wäre es gewesen, hätte sich Thomas Berg entschlossen, nicht nur Autor, sondern auch Herausgeber zu sein. Durch die Mitwirkung von Experten aus den verschiedensten Wissensgebieten zu Glas wäre eine fachlich fundiertere Arbeit möglich gewesen. 


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Aktualisierung:
06.01.2012