Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Der die Stadtgeschichte lebendig hält
Bei Facebook gibt es eine Gruppe, die sich mit der Historie von Weißwasser beschäftigt. Gründer ist Marcus Henschel.

Von SABINE LARBIG


Was verbindet Weißwasser und Vilsheim bei Landshut (Niederbayern)? Eishockey. Irgendwie. Vor allem aber eine 2018 gegründete Facebook-Gruppe mit Namen „Alte Zeiten – Neue Seiten/Weißwasser und Umgebung“. Betrieben wird die Gruppe, die sich an stadtgeschichtlich Interessierte wendet, von Marcus Henschel, einem waschechten Weißwasseraner, der wegen seiner beruflichen Ausbildung im Jahr 2004 seine Heimat verließ, nach München zog und heute mit Frau und Kindern in Vilsheim lebt.

Die Liebe und das Interesse an der Heimat verlor er nie. So, wie über 2.000 Gruppenmitglieder. Darunter viele, die es von Weißwasser in die ganze Welt verschlug. „Es gibt Mitglieder in Kanada, Australien, Israel, Schweden, den USA. Einige kenne ich noch aus der Schulzeit“, erzählt Marcus Henschel, dessen Frau Anja auch von hier ist. Da viele Verwandte, Freunde und Bekannte noch in und um Weißwasser leben, besucht die Familie regelmäßig die Glasmacherstadt. Die Verbindung wird aber auch durch die Hobbys von Marcus gehalten. Schon als Schulkind interessierte er sich dafür, wie Weißwasser einmal aussah. Ausschlag gab ein Schulprojekt, bei dem Postkarten für einen nachempfundenen Stadtrundgang zu sammeln waren. „Ich ging damals zu einer Nachbarin, von der ich wusste, dass sie Unmengen Postkarten hat. Beim Anschauen war ich fasziniert, wie anders die Stadt, Plätze und Straßen einst aussahen“, erinnert sich der heute 36-Jährige, den die Faszination für das alte Weißwasser seither nicht mehr losließ.

Weit über 20.000 Fotos

Inzwischen hat der Ex-Weißwasseraner etwa tausend eigene Bilder und insgesamt über 20.000 Fotos mit historischen Stadtansichten. Die Vorlagen, Postkarten oder Privataufnahmen erhielt er von Bürgern zum Digitalisieren und Verwenden. Erst kürzlich kamen 400 Digitalfotos aus einer Privatsammlung dazu. Denn es hat sich längst rumgesprochen, dass Marcus nicht nur die Facebook-Gruppe täglich mit einem neuen Foto erfreut, über dessen Motiv meist heftig diskutiert und gegrübelt wird, bevor das Geheimnis gelüftet wird. Er hat mit seinen Stadtansichten von einst und heute auch schon vier Ausstellungen in Weißwasser und 3D-Rundgänge zu städtischen Gebäuden und Plätzen für den Stadtplan EGON – darunter einen durch das inzwischen durch Brand zerstörte Volkshaus – gestaltet sowie drei Bücher veröffentlicht.

Seit 2020 bringt Marcus Henschel zudem Jahreskalender von und für Weißwasser heraus. Verkauft werden sie im Laden von Cindy Wollmann an der Bahnhofsbrücke. „Sie unterstützt mich, wo sie kann. Das ist toll.“ Mit dem Kalenderverkauf wird der Tierpark Weißwasser unterstützt. Je Kalender fließen 1,50 Euro. In diesem Jahr konnte Marcus das Geld wegen Corona noch nicht offiziell übergeben. Dass gerade der Tierpark mit Verkaufserlösen unterstützt wird, hat nichts mit dessen schwieriger Corona-Lage zu tun. Es ist Ergebnis einer einst erfolgten Befragung der Facebook-Gruppe, die sich unter mehreren Vorschlägen für die Einrichtung entschied.

Dennoch hat Corona auch bei dem Ex-Weißwasseraner Spuren hinterlassen. Besuche in der Heimat sind seit der Pandemie selten, Vorhaben liegen mehr oder weniger auf Eis. Beispielsweise ein in Zusammenarbeit mit Denkmalpfleger Andreas Scheffer geplantes Buch. „Er traf mal den Mühlroser Maler Hans Klei und war von dessen fotorealistischen Bildern, wie vom abgebaggerten Urwald, so begeistert, dass nun daraus ein Buch entstehen soll.“

Abgesehen davon unterstützt Marcus Henschel auch Schülerprojekte, für die er gerne Fotos und Informationen aus seinem Fundus bereitstellt, weshalb auch regelmäßig Anfragen kommen. Dadurch, mit Büchern, Ausstellungen und Kalendern habe sein Hobby ja Sinn und Wert, sagt er. „Die Sachen verstauben nicht im Privatarchiv, sondern werden der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und der Nachwelt zur Geschichtsbewahrung erhalten“, begründet Henschel, der aktuell den Kalender 2022 vorbereitet. „Vielleicht werden es die 1970/80er-Jahre, nachdem sich die anderen Kalender mit der Vorkriegszeit befassten.“

Auf die Frage, ob er bei allen Fotos inzwischen weiß, was sie zeigen, meint er: „Es gibt ein Foto von der Mittelschule am Bautzener Berg, da wusste ich nicht, um was es sich handeln könnte. Oft steht ja nichts auf Postkarten. Da hilft die Gruppe, deren Mitglieder von 16 bis über 80 Jahre sind, mit Tipps und Hinweisen.“ Apropos Facebook-Gruppe. Deren Mitgliederzahl stieg seit Corona. Vielleicht auch, weil in ihr nicht über Weißwasser gewettert und gemeckert wird. „Weißwasser ist eine schöne, saubere und gepflegte Stadt. So empfinde ich es mit Abstand und aus der Ferne. Mein Rat ist daher: Hört auf zu schimpfen!“

Würde er mit der Familie zurückkehren? „Ja, wenn wir entsprechende Arbeitsangebote hätten“, bekennt der Leiter Security am Flughafen München, der im September nochmals Vater – und trotzdem seine Hobbys und Projekte weiterführen – wird. „Meine Familie unterstützt mich sehr und ich bin in der komfortablen Lage, langfristig viel vorbereiten zu können. Die Bilder für Facebook habe ich beispielsweise bis Mitte des Jahres schon fertig.“

Und: Nach der Pandemie wird Marcus wieder zum einen oder anderen Eishockeyspiel der Lausitzer Füchse in Landshut gehen. Mit einem Freund und Landshut-Fan. Dass er da auffällt mit blau-gelbem Schal oder wenn er stehend jubelt, während sein Umfeld enttäuscht ist – daran hat er sich gewöhnt. „Ich bin und bleibe Lokalpatriot.“

Kontakt/Infos: foto-von-oben.eu


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 08.05.2021


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Aktualisierung:
13.05.2021


Marcus Henschel bei seiner Ausstellung in den Räumen des Ateliers „Sichtbar“ in der Schmiedestraße in Weißwasser im Jahr 2017.
 © Foto Archiv: C. Knappe
Diese historische Postkarte der einstigen Mittelschule am Bautzener Berg bereitete Marcus Henschel einst viel Kopfzerbrechen. Die Karte weist, außer dem Schriftzug „Mittelschule“, nämlich keinerlei Hinweise auf den Standort aus. © Foto Repro:
M. Henschel
 
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