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Erstaunliche Verwandlung einer Stadt
Der Parcours zum Bauhausjubiläum in Weißwasser ist Geschichte. Was bleibt? Eine persönliche Nachbetrachtung.

Von Anett Böttger



„Běła Woda, gib mir Magie.
Běła Woda, verwandel’ mich in Poesie.
Běła Woda, deine Biografie
macht aus Ruinen Magie.“

Es sind wahrlich visionäre Zeilen, die Bernadette LaHengst über Weißwasser (mit sorbischem Namen Běła Woda) geschrieben und schließlich vertont hat. Das Lied klingt in mir nach, seit ich es beim „Modellfall Weißwasser – Das Masz aller Dinge“ mehrfach hörte. Das Kunst- und Theaterprojekt zum 100. Bauhausjubiläum fand am zurückliegenden Wochenende seinen krönenden Abschluss: mit einem Parcours, der sieben zentrale Orte in der Stadt kreativ verband und zahlreiche Menschen auf die Beine brachte.

Ich vermute, dass es manchem – aktiv beteiligt oder lediglich zuhörend – wohl ähnlich wie mir geht. Die Melodie und zumindest teilweise auch der Text des Běła-Woda-Songs blieben im Kopf hängen, einem Ohrwurm gleich. Es mag auch daran liegen, dass es die Berliner Musikerin Bernadette LaHengst durch ihre unkomplizierte, fröhliche Art verstand, Einheimische mitzureißen – ob im eigens für den „Modellfall“ gebildeten Chor der Verwandlung oder in einer Frauenband, die bis vor wenigen Wochen noch namenlos war. Die Gruppe nennt sich inzwischen „Zartbitter“ und rockte kräftig im lauschigen Garten am Volkshaus.

Es wirkte ausgesprochen angenehm, dass die engagierten Künstlerinnen und Künstler nicht mit vorgefertigten Vorstellungen nach Weißwasser kamen. Vielmehr näherten sie sich der Stadt unvoreingenommen, nahmen sich viel Zeit für Gespräche mit Einwohnern und griffen deren Anregungen auf, um sie gemeinsam vor Ort umzusetzen. Monatelang bereiteten Auswärtige mit Einheimischen die spektakulärste Veranstaltung des „Modellfalls“ vor, den Parcours an vier warmen Juniabenden.

Mit enormen Einfallsreichtum und verblüffenden Sinn für Details hatte Bühnenbildner Hendrik Scheel dafür ganz unterschiedliche Räume gestaltet, etwa im Neufert-Bau, in der Glasfachschule und auf dem Telux-Gelände. Von Choreograf Jochen Roller ließen sich Line-Dancer des Tanzclubs Kristall zu einem Scherbentanz animieren, indem sie zersprungenes Glas unter ihren Stiefeln zermahlten. Regisseur Stefan Nolte probte mit Schülern der Bruno-Bürgel-Oberschule. Die Kinder hatten zuvor wenig Bezug zum Volkshaus, das auf Wiederbelebung wartet. Zum Parcours statteten sie dem Gebäude als „Die Schauspieltastischen“ einen berührenden Krankenbesuch ab.

Auch die Theatergruppe, die Anfang 2019 im Soziokulturellen Zentrum Telux gegründet worden war, hatte beim „Modellfall“ ihren ersten Auftritt. Ebenfalls angeleitet von Stefan Nolte, bewegten sich die Mädchen und Frauen als ganz in Weiß gekleidete Normwesen durch den Neufert-Bau. Um die 200 Mitwirkende und Helfer konnte das Team um Projektleiterin Christine Lehmann für die Vorbereitung und Gestaltung des Parcours mobilisieren, so dass es schwer fällt, einzelne Beispiele herauszugreifen.

Wohltuend zu sehen war, dass sich Weißwasser an den vier Parcours-Abenden deutlich belebter zeigte. Die Straßen schienen angenehm verwandelt – durch Menschen, die sich mit dem Stadtplan im Programmheft ihren Weg durch die Stadt suchten. Mitunter hörte man auch Bedauern, dass es in gut drei Stunden schlichtweg unmöglich war, alle Stationen an einem Abend zu schaffen.

Letztlich zählten die Veranstalter knapp 700 Besucher mit gekauften Tickets oder Freikarten, also durchschnittlich rund 170 pro Abend. Nicht in der Statistik erfasst sind Leute, die zufällig an Orte kamen, wo man auch ohne Eintritt verweilen konnte, beispielsweise auf dem Boulevard oder im Volkshausgarten, wo neben „Zartbitter“ auch Elvira Slawinski als singende Wirtin auftrat.

Die Künstler haben Weißwasser inzwischen wieder verlassen. Räume für Auftritte und Installationen sind geräumt, ebenso wie der Maszladen am Marktplatz, der im zurückliegenden Jahr Kommunikations- und Treffpunkt für den „Modellfall“ war. Bleibt zu hoffen, dass Impulse des Projekts nachwirken. In „Zartbitter“ wahrscheinlich. Vielleicht lässt sich der Volkshausgarten gelegentlich als Ort für kleine Veranstaltungen nutzen? Und wäre es denkbar, Telux-Hallen mit noch vorhandenen Anlagen zur Glasproduktion in einen Ausstellungsort zu integrieren?

Schon gespannt sein darf man auf die Präsentation des Films, der den „Modellfall“ dokumentiert. Die Videokünstlerin Constanze Fischbeck hat die Etappen des Projekts mit der Kamera begleitet, so auch den Frühjahrsputz im April. Im Spätherbst wird der Film in Weißwasser Premiere haben und dann sicher noch einmal viele Akteure zusammenbringen.

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 08.07.2019


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Aktualisierung:
09.07.2019


 

Mit Schürze und Handschuhen ausgestattet, wurden Parcours-Besucher auf dem Telux-Gelände zum „Kollektiv der Werktätigen“.
Vorlesung in der Glasfachschule: Sebastian Straub (links) und Heiner Bomhard traten als Architekt Ernst Neufert und Glasgestalter Wilhelm Wagenfeld auf.
Fotos: Modellfall Weißwasser/
D. Baltzer