Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Visionär am Rand
Er will seiner Stadt nicht beim Sterben zusehen

Von Miriam Schönbach


Weißwasser kämpft seit 30 Jahren mit dem Strukturwandel. Jetzt kommt der Kohleausstieg. Doch Bürgermeister Pötsch hat die Stadt noch lange nicht aufgegeben.

Ein bisschen wirkt die ehemalige Glasfachschule wie Dornröschens vergessenes Schloss. Hinter hohen Bäumen versteckt sich der leerstehende Denkmalbau aus den 1950er-Jahren. Scheiben sind zerbrochen. Dabei könnte das Haus Geschichten erzählen. Unzählige Glastechnik-Ingenieure erhielten dort ihre Ausbildung. Von ihrem Wissen profitierte nicht nur der örtliche VEB Oberlausitzer Glaswerke als größte Glashütte der DDR. Deren Ende besiegelte den Untergang der Glasspezialisten in Weißwasser. „Strukturwandel der ostdeutschen Wirtschaft“ heißt es in offiziellen Papieren. „Abgewickelt“ nennen es Betroffene. Seit nunmehr 30 Jahren sucht die Stadt am Rand des Tagebaus ihren neuen Weg. Deutschlands Kohleausstieg bringt ihr erneut Sorge und Hoffnung zugleich.

Für Optimismus steht Weißwassers Oberbürgermeister Torsten Pötzsch. Der 48-Jährige kennt die Facetten seiner Stadt, ihrer Geschichte und Geschichten wohl wie kaum ein anderer. An diesem ersten kühlen Septembermorgen hat er seinen frühesten Termin in der Sporthalle in der Brunnenstraße nur wenige Schritte von der ehemaligen Glasfachschule entfernt. Ein Hauch von DDR-Charme und der dazugehörige Geruch weht durch das Gebäude, wo Drittklässler aus der Grundschule nebenan für einen Kindersprint-Wettbewerb trainieren. „Bis vor Kurzem stand hier noch mein Dreier-Hopp-Rekord an einer Tafel“, sagt das Stadtoberhaupt und feuert die Knirpse an.

Über das alte Parkett läuft die Zukunft der Stadt – ziemlich schnell, ziemlich gezielt und mit ziemlich viel Spaß. Torsten Pötzsch geht nach draußen. Mit einem Rundumblick kehrt er in die Kindheit zurück. „Da unten habe ich im Hochparterre gewohnt. Mein Vater lebt noch dort“, sagt er und zeigt auf einen Neubaublock älteren Jahrgangs. Sechs Monate nach seiner Geburt in Forst ziehen seine Eltern in die Glasmacherstadt, wegen der Arbeit in der Glasindustrie. Das Neubaugebiet entsteht erst, in das frisch hochgezogene Haus zieht die Familie Ende 1973 ein. Glaswerker wohnen über Glaswerkern, Grubenarbeiter über Grubenarbeitern und Kraftwerker über Kraftwerkern.

Das ist seinerzeit der industrielle Klang der Stadt, die einst aus den beiden sorbischen Dörfern Weißwasser und Herrmannsdorf und auf Geheiß Hitlers 1935 Stadtrecht erhielt. Wie so viele Städte erlebt der Ort durch den Bau der Eisenbahn seinen Aufstieg. Es ist das Jahr 1872, fünf Jahre später kommt der Unternehmer Wilhelm Gelsdorf aus Schlesien in das verschlafene Niemandsland. Im Schlepptau hat er 26 Glasmacherfamilien. Sie finden in Weißwasser mit Ton, Quarzsand, Holz und Kohle alles für die Glasproduktion. Diese Einwanderer bringen den Wohlstand.

Binnen kürzester Zeit wächst die Stadt auf über 11000 Einwohner an. Von ihnen sind um 1900 drei Viertel in elf Glashütten beschäftigt. Weißwasser – heute eine Stadt am Rand der Tagebaugrube, am Rand des Kreisgebietes, am Rand des Freistaates Sachsen und am Rand Deutschlands – wird zur weltweit bekannten Glasmetropole. Heute ist eine Glasfabrik übrig. Die Stölzle Lausitz GmbH produziert mit knapp 400 Mitarbeitern 40 Millionen Gläser im Jahr.

Die zweite Hoch-Zeit erlebt Weißwassers Glas nach dem Zweiten Weltkrieg. Der innovative Industriezweig lockt Menschen aus allen Himmelsrichtungen, zudem brauchen Braunkohletagebau und das Kraftwerk Schwarze Pumpe Tausende Mitarbeiter. Bald gilt Pötzschs Heimat als eine der jüngsten Städte der DDR. „Jetzt sind wir bei einem Altersdurchschnitt von 50,5 Jahren“, sagt er und setzt sich ins Auto. Die Linden vor seinem Kindheitsblock sind groß geworden, sein bester Freund, mit dem er über ein selbstinstalliertes Haustelefon mit Leitungen quer über die Balkons der Nachbarn Schach spielte, betreibt am Ort eine Orthopädieschuhmacher-Werkstatt.

Die beiden Mittvierziger sind geblieben, geht man durch Weißwasser, fällt auf, dass diese Generation fehlt. Die Statistik ist erbarmungslos. Während 1990 noch 36.000 Einwohner in Weißwasser wohnten, sind es jetzt nur noch 16.000 Menschen. „Aber die Anzahl der Bewohner ist an sich nicht ausschlaggebend“, gibt sich Torsten Pötzsch kämpferisch. Er will seiner Stadt nicht beim Sterben zuschauen, sondern Aufbruch gestalten.

Deshalb gründete er vor 15 Jahren eine Wählervereinigung und bewirbt sich 2010 auf den Rathausposten – als Außenseiter mit den viel zu langen, wilden, lockigen Haaren. Sie sind bis heute sein Erkennungszeichen. „Es ist einfach, zu gehen. Wir wollen zeigen, dass man – auch unter schwierigen Rahmenbedingungen – was machen kann“, sagt er.

An seinen ersten Tag im Rathaus erinnert sich Torsten Pötzsch gut. Er geht auf eine Demonstration gegen die angekündigte Schließung der Post-Filiale in Weißwasser. Der Protest hilft nicht, vielleicht spornt er, wie so vieles andere, was auf der Haben-Seite der Stadt steht. Der Rückbau von 5.000 Wohnungen ist so ein Beispiel. „Fünf Kilometer fünfgeschossige Wohnungen“, sagt der Oberbürgermeister. Er kennt Zahlen und Fakten als ehemaliger Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft und bei seinen Erzählungen schwingt sogar etwas Stolz mit. Bei teils voller Vermietung habe man die Häuser saniert, der Leerstand sei bei 19 Prozent. Das soll auch so bleiben, um Wohnungen für potenzielle Rückkehrer vorhalten zu können.
Am Boulevard ist es schwierig, langfristige Mieter für die Läden im Erdgeschoss zu finden. Dass es hier noch viel günstigen Wohnraum gibt, ist Absicht – für Rückkehrer.

Der Stadtumbau ist für Pötzsch eine Erfolgsgeschichte, Stadtplaner aus Deutschland wie aus Amerika kommen in die halbierte Stadt, um von den Machern zu lernen. Er hält vor einem Haus in der „Hockey-Town“ gleich gegenüber dem neuen Eisstadion. Drei Etagen hoch zeigt die Fassade einen Eishockeyspieler, für seinen Kopf blieb bei der Sanierung sogar ein Stück der vierten Etage stehen. In der ersten Idee sollte ein Torwart die Hauswand zieren. Pötzsch hätte das für ein falsches Zeichen gehalten. „Wir wollen doch angreifen“, sagt er schmunzelnd. Deshalb nun der Stürmer.

Das Autotelefon klingelt. Der Oberbürgermeister wird im Gewerbegebiet gebraucht. Ein Unternehmen will sich erweitern, aufgrund besserer Förderung aber Richtung Thüringen verabschieden. Torsten Pötzsch verspricht, sich zu kümmern, im Zweifel muss er in die Staatskanzlei. Dort müsse er sich beim Pförtner nicht mal ausweisen, so oft sei er durch diese Tür gegangen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat schon mehrfach Post aus dem Rathaus Weißwasser bekommen. Vor drei Jahren schreibt der Parteilose zum ersten Mal. Er fordert von ihr, dass es keinen weiteren Strukturbruch wie 1990 in der Region geben darf, von dem sie sich bis heute nicht erholt habe. Stattdessen müsse eine Modellregion entstehen, an der sich andere ein Beispiel nehmen könnten.

In Dresden, Berlin, ja sogar in Brüssel wirbt Torsten Pötzsch mit Diplomatie. „Man kann immer noch lauter sein. Aber was erreicht man damit?“, fragt er. Mitte Oktober geht es für ihn wieder nach Brüssel, dieses Mal hat er eine Erklärung der europäischen Kohle-Regionen für die EU-Kohleplattform im Gepäck. Mitte September trafen sich deren Vertreter unter anderem in Weißwasser auf Einladung der WWF, eine der größten internationalen Umweltschutzorganisationen.

Keiner von ihnen kann wie in Deutschland auf ein Milliarden-Paket für den Strukturwandel zurückgreifen. Deshalb fordert das Papier der Bürgermeister den sozialen Ausstieg aus der Braunkohle in ganz Europa. Pötzsch weiß als sächsischer Sprecher der Lausitz-Runde – einem Bündnis von 23 Kommunen in der Region –, Strukturwandel braucht keine egoistischen Einzelkämpfer, sondern gut vernetzte Teamplayer.

Zurück im Rathaus sind Weißwassers jetzige Probleme zu spüren. Das Gebäude versprüht einen Hauch DDR-Charme. Im Haushalt klafft ein großes Loch. Vor allem die Personalkosten drücken, trotz eisernem Sparkurs muss Geld für Standortfaktoren bleiben, damit das Leben lebenswert bleibt. Gleichzeitig sucht die Stadtgesellschaft nach ihren gekappten oder nie vorhandenen Wurzeln. Ein bisschen muss sich das Stadtoberhaupt wie Sisyphos vorkommen, der einen Stein immer wieder den Berg hinauf rollt – bis der ihm wieder entgleitet.

Auch aus diesem Grund fällt es Pötzsch zuweilen schwer, Optimist zu bleiben. Einer seiner Teilerfolge ist, dass Weißwasser als Hauptsitz der Strukturentwicklungsgesellschaft des Freistaates vorgesehen ist, von der aus in Zukunft die Weichen für die Lausitz gestellt werden sollen. Das Büro der Außenstelle der Sächsischen Staatskanzlei wartet aber noch auf seinen Mitarbeiter. Das Schild ist da, das Büro ist unbesetzt. Dafür sorgen Görlitz und Hoyerswerda für positive Schlagzeilen. Mit dem Casus-Institut bekommt die Neißestadt zum Beispiel ein neues Wissenschaftszentrum, in Hoyerswerda plant Sachsen einen IT-Campus als Außenstelle der TU Dresden.

Weißwasser bleiben vorerst unzählige Ideen. Eine davon ist die Wiederentdeckung des Bauhaus-Erbes. Um den Erhalt des einzigartigen Neufert-Baus, dem ehemaligen Zentrallager aller Glasbetriebe in Weißwasser, kümmert sich ein Verein. Das denkmalgeschützte Industriedenkmal liegt nur ein paar Schritte vom Rathaus entfernt. Auch das heute leerstehende Volkshaus ist ein Bauhausbau. In diesem Thema sieht Pötzsch genauso wie in der Glastradition zukunftsfähige Konzepte für Weißwasser und dafür schaut er über Grenzen. Gerade sind Gäste aus der tschechischen Glasstadt Kamenicky Senov eingetroffen. Die Stadt bei Liberec hat die älteste Glasfachschule der Welt.

Eine Unterschrift der beiden Oberbürgermeister besiegelt wenig später ihre Glas-Kooperation. Das Weißwasseraner Stadtoberhaupt verspricht sich von dieser Zusammenarbeit nicht nur eine Wiederentdeckung der fast vergessenen Glastradition seiner Stadt. Vielleicht nutzen ja die Glasfachschul-Absolventen die neu geschaffenen Arbeitsräume des einstigen Telux-Werks als Kreativort, wie ein Airbrush-Künstler und eine Holzdesignerin es jetzt schon zeigen. Arbeiten, wohnen und Kultur sollen sich in der einstigen Glasfabrik miteinander verschmelzen.

Seit zwei Jahren ist das dortige soziokulturelle Zentrum Anlaufpunkt für Einheimische wie für Rückkehrer und Zuzügler. „Möglichkeitsräume“, nennt es Torsten Pötzsch. „Wir haben Platz, preisgünstige Räume. Wer Interesse hat, kann hier etwas bewegen.“ Manche Neuankömmlinge suchen genau diese Freiräume. 500 Neu-Weißwasseraner wurden im Vorjahr begrüßt, alle bekommen ein Willkommenspaket und am Rückkehrer-Telefon den Oberbürgermeister zuweilen persönlich an die Strippe. Seit vier Jahren steht der Apparat im Büro neben seinem Arbeitszimmer. Kleine Pflänzchen brauchen Zeit zum Wachsen.

Die Mittelständler aus der Region greifen gern auf die Liste der Weißwasser-Interessierten zurück, auch in der Stadt am Rand können längst nicht mehr alle Stellen besetzt werden. Rückkehrer würde ihre Erfahrungen mitbringen. „Wir müssen ihre Fachkompetenz abzurufen“, sagt der zweifache Vater. Und die Bemühungen der Stadt um Weggezogene tragen Früchte. Das Glasmuseum leitet ab 1. Oktober eine Rückkehrerin, im Soziokulturellen Zentrum Telux machen Rückkehrer das Programm. Ein Rückkehrer soll als neuer City-Manager die Einzelhändler unter einen Hut bringen.

In seiner Jugend war Torsten Pötzsch ein hervorragender Kurzstreckenläufer. „Alles bis 800 Meter, vier Mal die Woche Training“, sagt er. Bei diesen Runden im Stadion hat er Ausdauer gelernt. Deshalb will er – auch – die Glasfachschule aus dem Dornröschenschlaf wecken. „Die Stadt ist der Eigentümer. Es gibt die Idee, dort Institute und Labore unterzubringen und Gespräche mit der TU Cottbus und der Bergakademie Freiberg“, sagt er. Sein Vorzimmer ist schon verwaist, auch die meisten Mitarbeiter sind längst zu Hause. Weißwassers erster Mann aber beugt sich über einen Stapel Akten. Er hat gelernt, wie man sich die Puste einteilt und trotzdem dranbleibt – in der Stadt am Rand.

Quelle: Sächsische Zeitung, 08.10.2019


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Aktualisierung:
09.10.2019


 

Der 48-Jährige Torsten Pötzsch ist Weißwassers Oberbürgermeister.
Foto: W. Wittchen
Torsten Pötzsch im Neufert-Bau, einem alten Bauhaus-Gemäuer, dem der Bürgermeister wieder neues Leben einhauchen will.
Foto: W. Wittchen
Abriss von Plattenbauten im Jahr 2004.
Foto: Wikimedia Commons/Matthias Döll
Am Boulevard ist es schwierig, langfristige Mieter für die Läden im Erdgeschoss zu finden. Dass es hier noch viel günstigen Wohnraum gibt, ist Absicht – für Rückkehrer.
Foto: A. Schulze
Torsten Pötzsch auf der Aussichtsplattform vom Turm am Schweren Berg. Im Hintergrund sieht man den Tagebau mit dem Kraftwerk Boxberg.
Foto: W. Wittchen
Die alte Glasmacherschule in Weißwasser.