Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
G
lasmuseum Weißwasser !

Museum

Service

Mitgliederbereich


Reichspogromnacht in Bad Muskau und Weißwasser

Die Folgen von Hass und Hetze

Von Christian Köhler
 


Der 9. November ist ein geschichtsträchtiger Tag. Das gilt für Deutschland und auch für Bad Muskau und Weißwasser. Eine Erinnerung. Von Christian Köhler

Ein Zeitzeuge berichtet Historiker Werner Schubert von folgendem Erlebnis auf einer Zugfahrt von Rietschen nach Weißwasser am Morgen des 10. Novembers 1938: „Ein SA-Mann aus Daubitz, der bei der NS-Zwangsgewerkschaft DAF im Weißwasseraner Volkshaus arbeitete, sagte: Die kann heute was erleben.“ Mit „die“ ist die Frau von August Schweig, Neffe von Joseph Schweig, Weißwassers erstem Ehrenbürger, gemeint. Das jüdische Ehepaar Regina und August Schweig hat seinerzeit die Oberlausitzer Porzellanmanufaktur gegründet und betrieben.

Hintergrund dieser Geschichte sind die Ereignisse am 10. November 1938, die im Zuge der Reichspogromnacht im gesamten damaligen Deutschland vonstatten gingen. Auch in der Region Weißwasser wurden Juden angegriffen und ihre Habseligkeiten zerstört, wie Werner Schubert berichtet. Jene Ereignisse geschahen vor 80 Jahren:

Witwe Regina Schweig wohnte in der Berliner Straße in Weißwasser, als am Vormittag des 10. Novembers auf ihr Haus ein SA-Trupp zustürmte. „Regina wurde von ihrem Sohn gewarnt und hielt sich nicht im Wohnhaus auf“, sagt Werner Schubert. Und trotzdem: Das Inventar des Hauses wurde zerstört, auf der Straße stand eine Menschenmenge, die laut schimpfte. Am Nachmittag kamen zwei SA-Männer in die Porzellanfabrik, verwüsteten das Büro des Direktors Willy Schweig, dem Sohn von Regina Schweig. Die wiederum floh am 11. November 1938 nach Berlin, wurde später nach Theresienstadt deportiert und dort 1943 ermordet. Die Porzellanfabrik verlor Willy Schweig am 18. April 1939 per Gerichtsbeschluss. Die Arisierung der Industrie begann damals mit Behördenhilfe.

Fünf SA-Trupps, so Schubert, die von der NSDAP-Kreisleitung in Rothenburg organisiert wurden, trieben weiter ihr Unwesen. „Der SA-Führer von Schlesien hatte die Pogrome in Weißwasser und Bad Muskau angeordnet“, sagt Werner Schubert. Dabei hatten sich Hetze und Hass bereits lange vor der Pogromnacht am 9. November auch in Weißwasser gezeigt. Dass sich beispielsweise Richard Pietsch aus Weißwasser von Dr. Hermann Altmann behandeln ließ, veranlasste das nationalsozialistische Hetzblatt „Der Stürmer“ 1938 dazu, den Weißwasseraner öffentlich anzuprangern. Er ließ sich von einem Juden behandeln, „und das gehört sich einfach nicht“, hieß es in der Gazette. Den Artikel über ihren Großvater hat Monika Börner aus Weißwasser aufgehoben. Auch Herbert Metko aus Gablenz erinnert sich, dass er an einem Leistenbruch litt, den seinerzeit der „Armenarzt“ Altmann diagnostizierte. Hermann Altmann war bei den Weißwasseranern beliebt, ein guter Arzt. Immerhin fast 40 Jahre praktizierte er in der Glasmacherstadt. Dr. Hermann Altmann nahm sich 1940 das Leben.

Die Praxis von Dr. Altmann, sie befand sich in der Bismarck-Straße 9, der heutigen Straße der Glasmacher, wurde von der SA am 10. November 1938 verwüstet, Möbel waren auf die Straße geworfen worden. Nicht nur der Mediziner ist dabei ein Opfer geworden – er verlor seine Approbation bereits im September 1938 –, sondern auch die Wohnung vom jüdischen Ehepaar Magarethe und Max Pese im Weißwasseraner Knappenweg und den Bettfedernladen des Salo Hirschhorn in der Straße des Friedens. Hirschhorn selbst war als polnischer Staatsangehöriger bereits Ende Oktober 1938 von den Behörden nach Lodz abschoben worden. „Als sich August Scheffler der SA entgegen stellte, wurde er sechs Wochen ins Stadtgefängnis gesperrt“, berichtet Ortschronist Lutz Stucka weiter.

In Bad Muskau verwüstete die SS die Wohnung „von Sally und Rosa Teitelbaum am Grünen Weg und trieb sie in den Selbstmord“, berichtet Werner Schubert weiter. Das jüdische Ehepaar, dass aus Preußen während des Ersten Weltkrieges in die Region gekommen war, erhängte sich noch am selben Tag an einem Fensterkreuz seiner Wohnung. Die Leichen wurden auf einem Abfallhaufen an der Friedhofsgärtnerei verscharrt. Eine Opfertafel auf dem Nordfriedhof erinnert an Sally und Rosa Teitelbaum.

„Es ist wichtig, sich diese Ereignisse – gerade heute – ins Gedächtnis zu rufen“, mahnt Werner Schubert. Wieder werde gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen gehetzt, gegen Zuwanderer und Ausländer. Es seien zunächst belanglose Stereotype, aus denen dann verhärtete Vorurteile entstehen. „Zuerst verroht die Sprache, und dann verrohen die Taten“, ist sich der Historiker sicher. Oft mit fatalen Folgen. Wie im Falle von Hermann Altmann, der sich von jenem Pogrom in Weißwasser nicht mehr erholte. Er beging am 4. November 1940 Selbstmord.


Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 08.11.2018


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail:
info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 08.11.2018


 

Das Foto von 1938 zeigt den Blick in die Bismarckstraße in Richtung Marktplatz und dem ehemaligen Osramwerk. Im Zweiten Weltkrieg ist im hinteren Bereich auf Höhe des Marktplatzes eine Bombe gefallen, die auch die Praxis von Hermann Altmann zerstörte.