Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
G
lasmuseum Weißwasser !

Museum

Service

Mitgliederbereich

 Pogrom mit „gemischten Gefühlen“

VON DANIEL PREIKSCHAT


Auch in Weißwasser schuf die Propaganda der Nationalsozialisten ein antijüdisches Klima, das in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Wie eine Arbeit von Heimatforscher Werner Schubert zeigt, standen Weißwasseraner den Verfolgten in ihrer Stadt aber auch bei.

So richtig zufrieden war Weißwassers Bürgermeister Karl Wenderoth nicht mit der Reaktion seiner Bürger auf die Pogromnacht, in der jüdische Mitbürger terrorisiert wurden. Die Bevölkerung Weißwassers habe „diese Aktion mit etwas gemischten Gefühlen aufgenommen“, teilte Wenderoth im November 1938 dem Landrat in einem Lagebericht mit. In seiner Studie „Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 in Weißwasser“ konnte Heimatforscher Werner Schubert aufgrund von Archivmaterial und Zeitzeugen-Aussagen aber sogar rekonstruieren, dass jüdischen Mitbürgern in Weißwasser vor und nach der Pogromnacht von 1938 auch geholfen wurde.

In den Genuss solcher Hilfe kamen zum Beispiel Porzellan-Fabrikant Willy Schweig und der Mediziner Hermann Altmann. Die antijüdische Propaganda nach den Nürnberger Gesetzen vom September 1935 schüchterte zwar auch in Weißwasser die Menschen ein. Bis zum Pogrom konnten sich Schweig und Altmann jedoch frei in der Stadt bewegen und Besuche empfangen, wenn auch meist heimlich.

Während der Pogromnacht konnte die Familie Schweigs dann dank der Hilfe von Bekannten zumindest Leib und Leben retten. Willy Schweig versteckte sich bei seinem Rechtsanwalt in Görlitz, so die Recherchen Schuberts. Schweigs Familie holte ein Hausmeister in eine leer stehende Villa in der Hermannstraße. Derweil die Schweig-Wohnung in der Berliner Straße 2 von SA-Leuten verwüstet wurde. Für die anschließende Flucht der Schweigs nach Berlin über den Bahnhof in Schleife besorgte der Gärtner Fritz Fiedler mit einem Kollegen einen Kleintransporter. Ein Lebensmittelhändler borgte den Flüchtenden eine große summe Geld, da sich keiner von der Familie Schweig noch in die Sparkasse traute.

Hilfe zuteil wurde auch der jüdischen Textilhändlerin Margarete Pese und ihrer Tochter Gerda. Bereits zum 1. November 1935, so Schubert, mussten Peses ihr Haus in der Muskauer Straße räumen. Durch Vermittlung Alfred Watzlawicks teilte der Witwer August Scheffler sein Haus im Knappenweg, in dem er mit seinen drei Kindern wohnte, mit den Vertriebenen. Als die SA Gerda und Margarete Pese in der Pogromnacht aus Schefflers Haus auf die Straße trieben und Möbel zerschlugen, schrie Scheffler das Überfall-Kommando an. Dafür musste er anschließend sechs Wochen im Stadtgefängnis zubringen.

Familie Pese bekam nach den Übergriffen Lebensmittelgeschenke, die ihnen abends vor die Haustür gestellt wurden. Ebenfalls erst nach Eintritt der Dunkelheit durfte sich Margarete Pese ein Mal in der Woche bei Fleischer Walter Urban ein Stück Schweinefleisch abholen. Ähnlich versorgt hat Schubert herausgefunden, wurde auch Hermann Altmann von Max Schmidt. Ein Mitarbeiter im Bauamt der Stadt Weißwasser ließ überdies die in Altmanns Wohnung in der Bismarckstraße zu Bruch gegangenen Fensterscheiben erneuern.

Für Heimatforscher Werner Schubert ergeben „diese Informationen zwar kein zusammenhängendes Gesamtbild“. Sie zeigten aber, dass sich in der Arbeiterstadt Weißwasser viele „nicht an die politisch-moralischen Forderungen des Systems“ hielten.

Während Willy Schweig den Holocaust in Berlin als Zwangsarbeiter überlebte und in den Sechziger Jahren in die Schweiz emigrierte, wurden Margarete und Gerda Pese im Vernichtungslager in Belzec umgebracht. Hermann Altmann beging 1940 in Weißwasser Selbstmord. 

Zum Thema:

Die November-Pogrome von 1983 markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung aller europäischen Juden im Machtbereich der Nationalsozialisten. Bei den Pogromen wurden deutschlandweit etwa 400 Menschen ermordet. 30 000 Juden wurden in Konzentrationslagern inhaftiert, Hunderte starben.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 09.22.2011


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 12.11.2011