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Unternehmer Joseph Schweig wollte gleiches Recht für alle
Der Glasfabrikant prägte die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Weißwassers. Er ist seit vorigem Jahr Ehrenbürger der Stadt. Teil 11

Von Werner Schubert


Als am 23. Juli 1893 in Weißwasser die Hülle des Zweikaiserdenkmals fiel, gab der Stifter mit diesem Monument zum ersten Mal seinen politisch-gesellschaftlichen Zielen materielle Gestalt. In Wilhelm I. bekannte er sich zur Einheit seines deutschen Vaterlandes, mit Kaiser Friedrich III. begrüßte er dessen liberale, rechtsstaatliche Grundhaltung, die zu einer demokratischen konstitutionellen Monarchie nach englischem Vorbild hätte führen können. Im Sockel des Monuments hatte er den Rechtsstaatsgrundsatz dieses 1888 verstorbenen Monarchen eingravieren lassen. Besucher des Rathauses können noch heute auf dem ehemaligen Fundamentstein lesen: „Die erste Aufgabe des Gesetzgebers bleibt in meinen Augen, immer gleiches Recht für alle zu schaffen.“ In Preußen mit seinem ungleichen Dreiklassenwahlrecht und den feudalen Privilegien war das eine Provokation. Folgerichtig blieben die adligen Honoratioren aus Muskau und Rothenburg dieser Demonstration fern.

Zwölf Jahre später versammelten sich die Mitglieder des Turn- und Rettungsvereins seitlich ihres Vereinslokals, der heutigen Volkshochschule, und enthüllten das Jahndenkmal. Es hat heute seinen Platz im Jahnpark gefunden. Im Brockhaus von 1906 wird der Turnvater noch immer als Demagoge bezeichnet, der das Volk verführt hätte. Sein Ziel, ein einheitliches deutsches Vaterland, war nach den Befreiungskriegen 1815 in Preußen Hochverrat, der Friedrich-Ludwig Jahn für Jahre ins Gefängnis brachte. Der politischen Klasse war er 1906, als das Denkmal aufgestellt wurde, immer noch suspekt. Sicher war Jahn den Turnvereinsleuten und Joseph Schweig nicht nur das Turnvater-Idol, sondern auch ein antifeudaler Einheitsapostel.

Steinerne Schillerbank

Nach 1900 entstand im Militärverein die Idee, Bismarck, dem Kanzler der Einheit, ein Denkmal zu setzen. Dafür genehmigte der Landrat sogar eine Tombola. Nebenher spielte sich eine Anekdote ab. Der Herausgeber des antisemitischen „Anzeigers für Weißwasser“ glaubte, bei der Verlosung eine Unregelmäßigkeit entdeckt zu haben, und zeigte Schweig bei der Staatsanwalt Görlitz an. Die verwarf jedoch die Anzeige. Die Frau des Verlegers aber ließ sich den Gewinn nicht entgehen. Sie begab sich in die Höhle des Löwen und holte sich das Objekt persönlich in der Villa Schweigs ab.

Lange rührte sich um das Projekt nichts. Warum, wissen wir nicht. Aber kurz vor dem Ersten Weltkrieg bildete sich eine Kommission, die den Platz vor dem Bahnhof als Standort bestimmte. Die ursprüngliche Idee, einen Riesenturm auf dem höchsten Platz des Ortes zu errichten, konnte nicht mehr verwirklicht werden, weil dort die Gemeinde 1910 den Wasserturm erbauen ließ. Nun, 1915, war daraus ein Brunnen mit der Büste des Kanzlers geworden. Bismarck war nach seinem Tode immer noch ein Symbol für Friedens- und Realpolitik, eine Spitze gegen die hasardeurhafte Weltmachtpolitik Wilhelms II. Der Standesherr wollte die Ziegel spenden, immerhin war er ja mal persönlicher Sekretär des ehemaligen Reichskanzlers gewesen. Aber auch daraus wurde nichts. Krieg und Nachkriegszeit ließen einen anderen Plan reifen.

Ein Vermächtnis Schweigs

Ein Jahr vor der Aufstellung des Jahndenkmals, im Mai 1905, versammelten sich die Mitglieder des Volksbildungsvereins am Eingang zur Arnimpromenade und stifteten die steinerne Schillerbank. Vereinsvorsitzender war Dr. Fischer, Parteifreund Schweigs, der das Projekt intensiv gefördert hatte. Anlässlich des 100. Todestages des Dichters der Einheit und Freiheit, so die allgemeine Losung des Bürgertums, fanden in ganz Deutschland solche Feiern statt. Sehr zum Leidwesen des feudalen Establishments, das Schiller nur als Dichter von Idyllen und Balladen sehen wollte. Die Feier wurde begleitet von Schillers Ode an die Freiheit, einem Musikstück des jüdischen Komponisten Mendelssohn-Bartholdy und einer Rede, in der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, Losungen der Französischen Revolution, gefeiert wurden. Die sonst bei solchen Anlässen übliche Preußenhymne auf den König von Gottes Gnaden „Heil Dir im Siegerkranze“ war durch die Schillersche Ode ersetzt worden.

Um den verlorenen Krieg 1914 bis 1918 zu retten, erfanden seine Anhänger bekanntlich die Dolchstoßlegende. Das Volk, vor allem die Arbeiter, hätten durch ihre Streiks den zum Greifen nahen Sieg verhindert. Deshalb überschwemmte Deutschland eine Welle von Kriegerdenkmälern, deren Sinn weniger in der Trauer über die verstorbenen Angehörigen bestand. Die für die kaiserlichen Weltherrschaftspläne geopferten Toten wurden zu Helden erklärt, denen man nacheifern müsse, damit dieses Opfer nicht umsonst gewesen sei. So verklausuliert, aber doch nicht zu übersehen, dienten diese Denkmale dem Versuch, die Lebenden reif zu machen für die Nachfolge, für einen nochmaligen Versuch, die Weltherrschaft zu erobern.

Wir können diese Tafeln und Stelen mit dem kaiserlichen Adler, der die Weltkugel in den Fängen hält, noch heute in vielen Orten sehen. In Weißwasser sorgte 1922 Joseph Schweig mit seinem Militärverein einem „Kriegerdenkmal“ entgegen: Das im Volksmund bald „Glasmacherbrunnen“ genannte Antikriegsdenkmal auf dem Bahnhofsvorplatz rühmte weder Kriegshelden, noch rief es zum Opfertod auf. Aus dem Brunnen, Symbol des Lebens, ragte ein Säule, Symbol der Macht, die keine kriegerischen Symbole trägt, sondern Glasmacher bei der friedlichen Arbeit zeigt. Sie und der Friede werden sich als die stärkeren Kräfte erweisen. Nach dem, was wir über Joseph Schweigs wissen, ist gerade dieses Mahnmal ein Vermächtnis seines Lebens.

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 04.01.2008


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Aktualisierung: 18.01.2008