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Attraktion Bierflasche

Von Steffen Neumann
 



Der Anfang der Flaschen-Ära: Gastwirte füllten das Jungbier in Tonflaschen ab. Das Ergebnis der Flaschengärung verkauften sie dann an ihre Gäste.
Petr Joza mit einem Selbstschänker der Deutsche Siphon Gesellschaft, Roesler & Co.G.m.b.H. aus Leipzig. „Das Partyfass mit eigenem Zapfhahn war zum Beginn des 20. Jahrhunderts auch in Böhmen sehr beliebt“, sagt Joza. Das Ausstellungsstück ergänzt die Sammlung von rund 100 Bierflaschen auf Schloss Deèín (Tetschen). Fotos: Steffen Neumann

Für Puristen ist der Anblick in der ehemaligen schwarzen Küche auf Schloss Deèín (Tetschen) in Tschechien nur schwer zu ertragen. Da sind gerade Bierflaschen aus den letzten gut 140 Jahren ausgestellt. Und da kommt ein buntes Durcheinander zusammen. Die Behältnisse sind nicht nur gewohnt braun, sondern auch grün und sogar farblos, mal von den ganz unterschiedlichen Designs abzusehen.

Ein Rundgang durch die drei Räume fassende Ausstellung zeigt: Die einheitliche Bierflasche gibt es nicht. Während unterschiedliche Formen und Verschlüsse heute eher Marketingzwecke erfüllen, waren sie in der Anfangszeit der Bierflasche vor allem der Experimentierlust sowie der riesigen Auswahl an Brauereien, Glasproduzenten und Händlern geschuldet.

„Die ersten Flaschen waren aus Ton mit Korkverschluss“, erzählt Petr Joza, der die Konzeption für die Ausstellung entwickelt hat. Joza gilt als einer der größten Kenner auf dem Gebiet. Der Deèíner Archivar befasst sich schon seit Jahren mit allem rund um die Bierflasche. Noch 2018 soll der erste Band seiner Böhmischen Geschichte der Bierflasche erscheinen. Das Aussehen der Bierflasche war demnach zu Beginn stark von den historischen Gegebenheiten beeinflusst, wie den unterschiedlichen Maßen. „Eine Bierflasche aus Sachsen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist leicht von einer aus Böhmen zu unterscheiden“, sagt Joza. Erinnern die aus Österreich und damit auch Böhmen eher an Weinflaschen, sind jene aus Sachsen von England beeinflusst und sehen gedrungener aus.

Die älteste Flasche in der Ausstellung stammt erst aus den 1870er Jahren. Dafür ist die einzige noch erhaltene Original-Tonflasche auf dem Gebiet Tschechiens zu sehen. Die Ausstellung stützt sich auf die private Kollektion eines Sammlers, ergänzt durch zwei weitere. Joza hat zwar ebenfalls einige Stücke beigetragen. „Aber ich befasse mich eher wissenschaftlich mit der Flasche und bin nicht der klassische Sammler.“ Jene tauschen ihre Schätze auf Börsen aus, wo durchaus auch mal dreistellige Beträge für ein Sammlerstück gezahlt werden. Die Ausstellung zeigt übrigens nicht nur Flaschen aus Böhmen, sondern auch eine große Auswahl sächsischer, unter anderem aus Hermsdorf, Zehista, Glashütte und natürlich Dresden. Händler wie M. Schönfeld aus Bad Schandau sind vertreten. „Die Flaschen wurden nicht in Sachsen gesammelt, sie sind von selbst zu uns gekommen“, klärt Joza auf. Das Bier wurde nach Böhmen exportiert, nachdem Zölle eingeführt wurden, kam es vor allem durch die Passagierschifffahrt nach Böhmen.

Dass die Geschichte der Bierflasche auch ein Stück Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist, wie Petr Joza sagt, wird in der Ausstellung deutlich, die sich nicht nur der Typologie der Flaschen widmet, sondern auch ihrer Produktion und Abfüllung. So brachte die Bierflasche mit dem Bierverleger einen völlig neuen Berufszweig mit sich. So wie Buchverleger Bücher verkaufen, handelte der Bierverleger mit Bierflaschen. Doch nicht nur das. „Da das Abfüllen den Brauereien zunächst eher lästig war, übernahmen das die Bierverleger“, sagt Joza. Die Flasche zierte dabei oft der Name des Verlegers und nicht der Brauerei. „Die Kunden wussten aber sehr wohl, welches Bier in der Flasche abgefüllt war.“ Um der Vielzahl unterschiedlicher Flaschen Herr zu werden, entstand ein ausgeklügeltes Umtauschsystem. Pfand wurde dagegen nicht erhoben, dafür war die Konkurrenz zu hoch.

Als in den 1870er Jahren der Patentverschluss aus Keramik entstand, rief das einen regelrechten Krieg zwischen Verlegern und Gastwirten hervor. Denn die Bierflasche konnte dadurch deutlich billiger verkauft werden und wurde für das Fassbier zur ernsthaften Bedrohung. Die Gastwirte erzwangen 1899 ein Verbot des Verschlusses auf dem Gebiet der österreichischen Monarchie, das endgültig erst 1928 aufgehoben wurde. Der Siegeszug der Flasche war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Denn schon 1899 begann sich der Kronkorken durchzusetzen. Ungefähr zeitgleich revolutionierte der Owensche Flaschenautomat aus Amerika die Flaschenproduktion und wenig später entstanden die ersten Großabfüllanlagen. Der Massenproduktion der Bierflasche stand nichts mehr im Weg. „Kleine Glasproduzenten und Abfüller konnten sich noch als Nischenhersteller halten“, sagt Joza. Doch mit dem Zweiten Weltkrieg und spätestens mit der Abschaffung des Kleingewerbes durch die Kommunisten nach 1945 war ihre Zeit endgültig abgelaufen.

Einige Eigenheiten konnten sich aber halten, wie die unterschiedliche Glasfarbe. Eine weitere war die Reliefschrift auf Bierflaschen. „Bis in die 1970er Jahre wurde bei uns das Schankbier mit zehn Grad Stammwürze ohne Etikett verkauft“, erinnert Joza. Sein geplantes Buch erscheint übrigens leider nur auf Tschechisch. „Es ist eine böhmische Geschichte. Die Geschichte der deutschen Bierflasche müsste ganz anders geschrieben werden“, spielt er auf die Flaschenvielfalt in deutschen Landen an.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 10.01.2018


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Aktualisierung: 11.01.2018


 

Der Anfang der Flaschen-Ära: Gastwirte füllten das Jungbier in Tonflaschen ab. Das Ergebnis der Flaschengärung verkauften sie dann an ihre Gäste.
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