Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Wilhelm Wagenfeld war einer der berühmtesten Designer des 20. Jahrhunderts. Vom Bauhaus kam er nach Weißwasser. Jetzt würdigt ihn eine Schau im Muskauer Schloss.

Von Frank Seibel


Max und Moritz kennt jeder. Die sind doch von Wilhelm ..., Wilhelm ... – genau: von Wilhelm Wagenfeld.

Max und Moritz sind Klassiker des Alltags und zumindest in Westdeutschland in (gefühlt) jedem zweiten Haushalt zu finden. Max gibt Salz, Moritz Pfeffer. Oder umgekehrt? Wer es genau wissen will, ruft am besten die liebe Verwandtschaft „drüben“ an, geht in den nächsten WMF-Laden oder aber ins Schloss des Fürsten Pückler nach Bad Muskau. Dort widmet sich ab morgen eine neue Sonderausstellung dem Mann, der Max und Moritz und etwa 600 weitere Dinge für den Haushalt entworfen hat. Wilhelm Wagenfeld ist einer der bekanntesten Gestalter aus der Bauhaus-Generation, und Weißwasser war in den 1930er Jahren eine wichtige Station in seinem beruflichen Leben. Von 1935 bis 1942 war er künstlerischer Leiter der Vereinigten Lausitzer Glaswerke. Das war die Zeit, als Weißwasser ein Zentrum der deutschen Glasindustrie war.

Jan Hufenbach hat sich ein Jahr lang in Leben und Werk von Wilhelm Wagenfeld hinein vertieft. Der Künstler und Werbefachmann hat gemeinsam mit seiner Partnerin Arielle Kohlschmidt die neue Ausstellung konzipiert und gestaltet, mit der ein weiterer Trakt im Pückler-Schloss eröffnet wird. Es ist nicht nur die Entdeckung dieses berühmten Glasgestalters, die den Ausstellungsmacher fasziniert. „Es ist irre, welche Bedeutung Weißwasser als Glasmacherstadt hatte“, sagt Hufenbach. Auch davon handelt die Ausstellung. „Man muss sich nur mal bei den Eishockey-Füchsen umschauen: Die Pokale sind hier nicht aus Silber oder Gold – sondern aus Glas.“

Und schon früh war die Glasmacherei hier mehr als Handwerk. Gleich im ersten Raum zeigt die Ausstellung mattbunte Vasen mit floralen Mustern. Aus Lothringen sind Glasgestalter vor gut 100 Jahren nach Weißwasser gekommen und haben hier Jugendstil-Ornamente in die Produktion eingeführt. Zu dieser Zeit hatte die Glasindustrie mit ihren zahlreichen mittelständisch geprägten Hütten aus Weißwasser eine richtige Stadt mit immerhin 12.000 Einwohnern gemacht. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts hatte sich die Bevölkerung verzehnfacht.

Bremen, Weimar, Weißwasser

Wilhelm Wagenfeld wuchs zu der Zeit an einem ganz anderen Ende Deutschlands heran, in Bremen. Dort wurde er am 15. April 1900 geboren. In der Bremer Silberwarenfabrik Koch & Bergfeld absolvierte er eine Lehre im Zeichenbüro und besuchte zugleich die Kunstgewerbeschule in Bremen. Nach der Ausbildung an der Zeichenakademie in Hanau bei Frankfurt/Main führte ihn der Weg 1923 nach Weimar, an das Staatliche Bauhaus, die Elite-Hochschule für moderne Architektur und modernes Design. Zunächst war nicht Glas sein vorrangiger Werkstoff, sondern Metall. Sein Lehrer war der Maler und Designer László Moholy-Nagy (1895 – 1946), einer der prägenden Köpfe der künstlerischen Moderne. Von ihm lernte Wilhelm Wagenfeld die Bauhaus-Tugenden: die Konzentration aufs Wesentliche, die Verknüpfung von Funktionalität und Eleganz. Die Vorliebe für Prunk und Schmuck wurde im Bauhaus radikal beendet. Stattdessen feierten die Gestalter die Geometrie. Eine frühe und zugleich eine der berühmtesten Arbeiten von Wilhelm Wagenfeld macht das deutlich. Die Tischleuchte aus dem Jahr 1924 besteht aus einem Kreis, einem Zylinder, einer Halbkugel – ganz schlicht, ganz schön und zeitlos.

Von Weimar ging Wagenfeld 1931 nach Jena, zum Glaswerk Schott. Eine heute noch hoch angesehene Adresse. Und doch ließ sich Wilhelm Wagenfeld 1935 nach Weißwasser locken. Hier konnte er werden, was es so in der Industrie noch nicht gab, sagt Jan Hufenbach, der Ausstellungsmacher. Wagenfeld wurde künstlerischer Leiter in einer Fabrik. Seine Aufgabe war es, den Gläsern, Kannen, Schüsseln und Vasen eine Linie und dem Unternehmen eine Philosophie zu geben.

Die Muskauer Schau stellt Wagenfeld als einen sehr konsequenten Künstler vor, der dennoch zu Kompromissen in der Lage war. Das war ja der Kern seines Auftrags: den Spagat schaffen zwischen der reinen Ästhetik und den Bedürfnissen des Marktes. In Weißwasser glückte der Spagat auch durch die Zusammenarbeit mit dem Maler Charles Crodel (1884 – 1973), der aus Frankreich stammte. Wagenfeld mochte keine Verzierungen auf seinen Gläsern und Vasen. Doch Charles Crodel ließ er schlichte Ornamente entwickeln, die die Klarheit der Objekte nicht zerstörten, aber doch ein Zugeständnis an den Massengeschmack waren. Dennoch widersetzte sich Wagenfeld dem nationalsozialistischen Zeitgeist, wurde zur Strafe als Soldat an die Ostfront geschickt, kehrte nach 1945 noch einmal nach Weißwasser zurück, suchte dann aber seine Zukunft im Stuttgarter Raum. Dort gestaltete Wilhelm Wagenfeld viele Alltagsgegenstände für WMF, die Württembergische Metallwarenfabrik. Auch Max und Moritz.

Erinnerung an Bad Muskau

An Weißwasser aber erinnerte sich Wilhelm Wagenfeld bis zu seinem Tod am 28. Mai 1990 gerne. Davon zeugt in der Bad Muskauer Ausstellung das Faksimile eines Briefes an den Sohn von Charles Crodel. Darin erinnert sich Wilhelm Wagenfeld auch an seine Spaziergänge im Muskauer Park und die Einkehr in einer kleinen Schenke, die es heute nicht mehr gibt. So ist das Schloss aus dem 19. Jahrhundert ein passender Ort, um an den modernen Künstler Wilhelm Wagenfeld zu erinnern.

Zur Ausstellungseröffnung morgen um 15 Uhr kommt auch Wagenfelds Tochter Meike Noll-Wagenfeld. Die Schau „Wilhelm Wagenfeld in Weißwasser“ ist bis zum 31. Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr im Neuen Schloss in Bad Muskau zu sehen.



Quelle: Sächsische Zeitung vom 10.05.2012


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Aktualisierung:
10.05.2012


 

Vier Augen richten sich auf Max und Moritz: Jan Hufenbach hält die Pfeffer- und Salzstreuer, die Wilhelm Wagenfeld (im Hintergrund) entworfen hat. Von morgen an sind Wagenfelds Arbeiten im Neuen Schloss Bad Muskau zu sehen.
Foto: A. Schulze