Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Die Lichtmacher aus Weißwasser
Die Stadt Weißwasser sucht nach einer Zukunft ohne Braunkohle. Ein Kulturzentrum in einer alten Leuchtenfabrik ist ein Ansatz.

Von Frank Seibel


Manchmal fehlt die Erleuchtung. Sogar in der alten Spezialglasfabrik. Ein bisschen fahl und grau wirkt der alte Telux-Saal in Weißwasser, obwohl er frisch saniert ist. Da fehlte an jenem Abend vielleicht nur eine Idee, den eigentlich sehr schönen Saal ins rechte Licht zu rücken.

Es war eine jener Veranstaltungen, bei denen sich eine Partei (hier die CDU) bemüht, mit möglichst vielen Menschen demonstrativ offen über Grundsätzliches zu diskutieren: die Zukunft der Lausitz in Zeiten des schleichenden Kohle-Ausstiegs. Ein junger Wissenschaftler aus dem Rheinland, modischer Anzug und Hipster-Bart, plädierte für den Mut, schon jetzt umzusteuern und nicht zu warten, bis die Bagger ihre letzte Schicht fahren. Doch die Abgeordneten aus Bundestag und Landtag wie auch der Landrat blieben skeptisch: Zukunft ohne Kohle? Schwer vorstellbar bis zur Mitte des Jahrtausends.

Als die Fabrik für Glühlampen vor über hundert Jahren gebaut wurde, spielte die Braunkohle in dieser Region noch kaum eine Rolle. Und als die kleine Glasmacherstadt in den 1970er Jahren zu einer stattlichen Industriestadt mit 40 000 Einwohnern anwuchs, von denen die meisten im Kraftwerk und in der Grube arbeiteten, da stand auch diese Glasfabrik mit Namen „VEB Einheit“ noch voll unter Dampf.

Mit Abschieden und der Suche nach neuer Zukunft kennen sich die Menschen in der Oberlausitz aus – speziell in Weißwasser, wo die Glasindustrie in besonderer Weise mit der Identität der Stadt verknüpft war. Das meiste ist in den 1990er Jahren gestorben. Plötzlich, unerwartet und für viele lange Zeit unfassbar.

Diesmal soll es nicht plötzlich und unerwartet gehen. Wenn die Kohle geht, soll alles schon vorbereitet sein. Aber wie?

Timo Schutza und Sebastian Krüger haben zumindest eine Idee. Am anderen Ende der alten Glasfabrik bauen die Kulturmanager an einem Leuchtturm – weil im benachbarten Bad Muskau einer zu erlöschen drohte. Die Turmvilla firmierte jahrelang als viertes „Soziokulturelles Zentrum“ neben der Hillerschen Villa in Zittau, dem Steinhaus in Bautzen und der Kulturfabrik in Hoyerswerda. Die Ausstrahlung der anderen drei erreichte sie aber nie. Und letztlich geriet sie auch wirtschaftlich ins Wanken, der Träger musste Insolvenz anmelden. So hingen auf einmal 80 000 bis 100 000 Euro Fördermittel aus dem Kulturraum in der Luft. „Wir wollten nicht, dass dieses Geld für unsere Region verloren geht“, sagt Timo Schutza, der Vorsitzende und Geschäftsführer des Vereins „Garage e. V.“

Die Alten hängen an der Industrie

Dieser Verein steht seit vielen Jahren in Weißwasser für Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen, aber auch für Kultur und gute Laune. Nun will der Verein sich teilweise neu erfinden. „Mobile Jugendarbeit und Soziokultur “ heißt der Verein nun im Untertitel und tritt somit die Nachfolge der Turmvilla als soziokulturelles Zentrum an – auch als Empfänger der wichtigen Fördermittel. Aber der Verein soll noch mehr sein: ein Zukunftsmotor für die Stadt, in der sich zumindest die Älteren, die vor 30, 40 Jahren eigens wegen der Kohle hergezogen sind, keine Zukunft ohne Schwerindustrie vorstellen können. Bei einer anderen Diskussionsrunde mit Sachsens SPD-Chef Martin Dulig hatten alte Kraftwerker vor einiger Zeit neue Großindustrie als Ersatz für Tagebau und Kraftwerk gefordert. Etwas anderes sei gar nicht denkbar.

Sebastian Krüger lebt schon jetzt in einer anderen Welt. Der 36-Jährige hat zwar zunächst Sinologie und später Produktdesign in Leipzig studiert, ist jedoch auch Musiker und Künstler. Vor allem aber ist er ein Rückkehrer aus Überzeugung. Krüger, der fidel einen imposanten schwarzen Bart trägt, findet in seiner Heimatstadt genau die Mischung aus Anregung, Freiraum, Überschaubarkeit und Ruhe, die er braucht, um kreativ zu leben.

Im Garage-Verein ist Krüger nun der zweite Kulturmanager neben Timo Schutza. In seiner Kindheit war Industrie für Weißwasser Gegenwart und Zukunft. Jetzt ist vieles Vergangenheit, und er gehört zu denen, die darin viele Chancen sehen. In Leipzig hat er eine alte Baumwollspinnerei kennengelernt, die nun ein „hippes“ junges Kultur-Quartier ist. Ähnliches schwebt Krüger und Schutza nun für den Garagenverein und dessen neuen Mittelpunkt vor.

Partys, Konzerte und Kabarett sind nur einige Bausteine auf dem Weg, die einstmals größte Leuchtenfabrik der Welt zu einem Mittelpunkt des kulturellen und sozialen Lebens zu machen. Ein Zentrum, das vielleicht einmal noch eher den Titel „Leuchtturm“ verdient als das frühere Soziokulturelle Zentrum im Nordosten der Oberlausitz, die Turmvilla in Bad Muskau. Krisen und finanzielle Schwierigkeiten hatten dazu geführt, dass dieses Zentrum seinen Status und somit auch das Fördergeld aus dem Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien verloren hat. „Wir wollten, dass diese 80 000 Euro pro Jahr nicht aus unserer Region verschwinden“, sagt Timo Schutza. So entsteht in Weißwasser ein ganzes Geflecht von Orten, die junges Leben pflegen.

Für Torsten Pötzsch ist das alles mehr als nur ein Hort der guten Laune für junge und jung gebliebene Weißwasseraner. Der parteilose Oberbürgermeister hat früher selbst mit seinem Freund Timo Schutza Partys und „Events“ organisiert. Nun sieht er im Soziokulturellen Zentrum einen Ansatz, den Blick der Menschen auf ihre Stadt zu verändern und eine Zukunft ohne Braunkohle überhaupt vorstellbar zu machen. Er plädiert dafür, schon jetzt die Weichen neu zu stellen und nicht darauf zu setzen, dass die Kohle die Region noch ein paar Jahrzehnte ernähren wird. „Ich kann doch nicht noch einmal einfach nur zuschauen, so wie das in den 1990ern war“, sagt Poetzsch.

Zwischen Kampfeslust und Frust

Der Oberbürgermeister gibt sich in seinem siebten Jahr im Amt noch immer kämpferisch, obwohl der Gegenwind beträchtlich ist. Seit Konzerne wie Vattenfall durch die „Energiewende“ der Bundesregierung wirtschaftlich unter Druck sind, sind die üppigen Steuerzahlungen für Städte wie Weißwasser drastisch gesunken. Nun fehlt der großen Kreisstadt sogar Geld, um den Eigenanteil für überlebenswichtige Investitionen aufzubringen. In manchen Regionen des Stadtgebietes, auch in einem Gewerbegebiet, muss dringend schnelles Internet installiert werden.

Die Staatsregierung in Dresden hat es bisher abgelehnt, dass die Stadt Kredite aufnehmen kann, um Eigenanteile für Millionenpakete an Fördermitteln aufbringen zu können. Manchmal klingt der OB ein bisschen müde und bitter, wenn er darüber erzählt. Manchmal wieder voller Zuversicht. Im Januar gibt es neue Verhandlungen.

Moderne Technologie, alte Industriekultur, dazu Eishockey, Weltkulturerbe nebenan und viel Natur zum Radeln – das alles sind Ressourcen für die Zeit nach der Kohle, sagt Torsten Poetzsch. Der Kultur-Leuchtturm in der alten Lampenfabrik ist für ihn ein wichtiges Stück Zukunft.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 07.12.2016


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Aktualisierung:
10.12.2016


 

Kopf hoch! Timo Schutza (links) und Sebastian Krüger sind Kulturmanager in einer alten Glasfabrik in Weißwasser.
© W. Wittchen