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Wirtschaft in Weißwasser:
So steckt Glashersteller Stölzle die Corona-Krise weg

Von ANETT BÖTTGER



Die Corona-Pandemie hat das Hotel- und Gaststättengewerbe hart getroffen. Die Nachfrage nach Trinkgläsern ist zwangsläufig gesunken. Doch beim Glashersteller Stölzle in Weißwasser ist von einer Flaute keine Spur. Wie schafft das das Unternehmen?

Von Flaute keine Spur: Bei der Stölzle Lausitz GmbH in Weißwasser läuft die Produktion auf Hochtouren. Alle vier Linien für die Glasherstellung sind derzeit rund um die Uhr in Betrieb. Dabei hat die Corona-Pandemie gerade das Hotel- und Gaststättengewerbe hart getroffen, so dass die Nachfrage nach formschönen Trinkgläsern zwangsläufig sank. In mehr als 120 Ländern hat das Unternehmen Abnehmer für seine Ware. Zumindest in Nordamerika und Asien hat das Geschäft nach Firmenangaben inzwischen wieder angezogen.

Glashersteller aus Weißwasser kommt mit blauem Auge davon

„Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, schätzt der technische Geschäftsführer Ronald Brieger ein. Wohl einige günstige Faktoren trugen dazu bei, dass Auswirkungen der Krise im Rahmen blieben. „Wir sind breit aufgestellt und nicht nur von wenigen Kunden abhängig.“ Im Jahr 2020 sorgte ein Großauftrag aus Frankreich wochenlang für volle Beschäftigung in Weißwasser. Eine Einzelhandelskette hatte verschiedene Artikel aus dem Stölzle-Sortiment für ihre Läden bestellt. „Unsere Produktion war damit für zwei Monate komplett ausgelastet“, schaut Brieger zurück.

Online-Geschäft von Stölzle wächst stark in der Pandemie

Auch der Online-Shop, der seit 2018 existiert, zahlte sich aus. Für private Kunden war es zuvor nur im Werksverkauf vor Ort möglich, Produkte aus Weißwasser zu erwerben. Dass die ganze Palette der Gläser inzwischen auch über das Internet bestellt werden kann, machte sich während der Pandemie deutlich bemerkbar.

Setzte das Unternehmen 2019 etwa 300.000 Euro über den eigenen Online-Shop um, war es im vergangenen Jahr bereits rund eine Million Euro. Rechnet man das Geschäft über den Versandhandel Amazon im gleichen Zeitraum hinzu, stieg der Umsatz bei online verkaufter Ware sogar von 1,9 Millionen Euro auf drei Millionen Euro.

Stölzle stellt in Weißwasser 40 Millionen Gläser pro Jahr her

Stölzle produziert in Weißwasser jährlich rund 40 Millionen Gläser. Ob für Sekt, Wein, Cocktails, Saft oder Wasser: die Palette ist dabei breit gefächert. Etwa 70 Prozent Produkte aus bleifreien Kristallglas gehen in den Export. Für den persönlichen Kontakt zu Fachkunden brachte die Corona-Krise freilich Einschränkungen mit sich. „Wir sind weniger auf Dienstreise“, sagt Brieger. Auftritte zu Messen fielen ebenfalls weg. Auf etwa zehn Veranstaltungen pro Jahr ist Stölzle ansonsten vertreten, etwa auf der „Ambiente“ in Frankfurt/Main.
Auch wenn manche Messe inzwischen digital stattfand, ist ein solches Format keine Alternative für Stölzle. „Der Kunde möchte ein Glas in die Hand nehmen“, weiß Marketing-Managerin Saskia Schimann. Stattdessen hat das Unternehmen in eine dauerhafte Art der virtuellen Präsentation investiert, indem es einen Showroom im Internet einrichtete. Ein Raum auf Schloss Wackerbarth in Radebeul bildete dabei die Kulisse für die Inszenierung zahlreicher Produkte, die sich nun über die Firmenseite aufrufen lässt.

Nur wenige Stölzle-Mitarbeiter im Corona-Jahr in Kurzarbeit

Laut Geschäftsführung musste Stölzle im Corona-Jahr nur in geringem Umfang Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Rund 400 Menschen sind am Standort beschäftigt. In der Produktion wird an allen sieben Wochentagen im Vier-Schicht-System gearbeitet. Nur für eine geplante Reparatur stand ein Teil der Anlagen mehrere Wochen still, als 2020 eine der beiden Schmelzwannen erneuert wurde. Jede davon hat 60 Tonnen Fassungsvermögen und speist zwei Fertigungslinien mit flüssiger Glasmasse.
Kontinuierlich und automatisch gesteuert läuft der Schmelzprozess bei ungefähr 1500 Grad Celsius Betriebstemperatur. „Sechs Jahre hält eine Wanne durch“, verrät Brieger. Dann wird sie komplett abgebaut und mit feuerfestem Material neu gesetzt. „Eine große Investition in sechsstelliger Höhe“, sagt der Geschäftsführer. Für die zweite Wanne steht die Reparatur in diesem Jahr an.

Stölzle erzielt Millionenumsätze

Am Standort von Stölzle in Weißwasser wird seit 1889 Glas produziert. Das Unternehmen gehört zur CAG Holding GmbH in Österreich, ebenso wie die weit verzweigte Stoelzle Glass Group. 2019 erwirtschaftete das Werk in der Lausitz allein einen Umsatz von rund 48 Millionen Euro. Zusammengerechnet mit der Trinkglassparte von Stoelzle Oberglas waren es 2020 bedingt durch Corona nur etwa 44 Millionen Euro.

Die manuelle Glasherstellung war 1995 in Weißwasser eingestellt worden. Das heutige maschinelle Verfahren ist der handwerklichen Technik nachempfunden. Dazu wird der Stiel nahtlos aus dem Kelch gezogen, so dass die Erzeugnisse filigran und wie mundgeblasen wirken. Auf diese Art gefertigte Gläser machen den größeren Anteil im Sortiment aus. Außerdem produziert der Betrieb in Weißwasser Trinkkelche, bei denen Stiel und Oberteil miteinander verschweißt sind.

Mundgeblasene Produkte bezieht das Unternehmen mittlerweile aus Polen, um sie über den eigenen Vertrieb anbieten zu können.„Jedes Glas hat seine Daseinsberechtigung“, sagt Geschäftsführer Ronald Brieger über die Vielfalt der Artikel.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 11.05.2021


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Aktualisierung: 19.05.2021


 Ronald Brieger begutachtet Weinkelche aus der Serie "Power", die trotz maschineller Fertigung wie mundgeblasen anmuten. "Unsere Artikel sind schon dicht", findet der technische Geschäftsführer in Bezug auf die handwerkliche Technik.
Bei jüngerem Publikum kommt die Stielglasserie ?Power gut an. ?Die Gläser sind universell einsetzbar, sagt Marketing-Managerin Saskia Schimann mit Blick auf einen Weinkelch, in dem sich durchaus auch ein Cocktail servieren lässt.
© Fotos: A. Böttger