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Mehr Einwohner - mehr Probleme
Das Gaswerk der Stadt Weißwasser (Teil 3)

VON LUTZ STUCKA


Die Bereitstellung von Stadtgas gewann in Weißwasser zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Haushalte benutzten Gas zum Heizen und zum Kochen. Auch die örtlichen Glasbetriebe, die durch eine separate Leitung mit Generator- oder Wassergas für höhere Temperaturen versorgt wurden, erhöhten ihren Verbrauch.

Das derart starke Anwachsen der Einwohnerzahl in Weißwasser brachte auch reichlich Probleme mit sich. Eines war die Entsorgung der Fäkalien. Die Gemeindeverwaltung hatte mehrere Varianten erprobt, aber bisher keine dauerhafte günstige Lösung gefunden. So wurde ab dem Jahr 1908 rastlos an einem geeigneten Kanalisationsprojekt gearbeitet. Das favorisierte Konzept basierte auf einem Trennsystem. Die Niederschlagswässer sollten von den Abwässern der Wassertoiletten getrennt abgeleitet werden. Die Fäkalien sollten aber in einem großen Bassin in den Kohlenmulden hinter der Ziegelei Kiesewetter, heute Gartensparte am Braunsteichweg, gesammelt werden.

Projektbeschreibung

Hier war der Projektbeschreibung nach vorgesehen: »Die flüssigen Bestandteile werden durch ein noch geheim gehaltenes, zum Patent angemeldetes, aber nach den Angaben der Erfinder äußerst billiges chemisches Produkt so verändert, dass sie den Niederschlagswässern beigefügt werden können. Die festen Bestandteile und die abgeschiedenen organischen Stoffe werden nun, und das ist das Wesentliche an der Erfindung, in großen Retorten erhitzt. Dabei entsteht ein Leuchtgas, das wesentlich besser ist als das von unserer Gasanstalt gelieferte. Die Berechnungen ergeben, dass das Gasquantum, das aus den Fäkalien von etwa zehntausend Einwohnern erzeugt werden kann, etwa 75 000 bis 80 000 Kubikmeter pro Tag ergeben dürfte. Dieses Quantum kann ungefähr genügen, um sämtliche Wohnungen in Weißwasser zu beleuchten und außerdem 22 bis 25 Glasöfen zu heizen. Die Kosten der Anlage belaufen sich auf etwa 500 000 Mark. Wenn unsere Hütten sich entschließen, ihre Öfen mit dem neuen Gas zu heizen, so könnte das für jede Wohnung zum Kochen und zur Beleuchtung nötige Gas gratis abgegeben werden.«

Rummerts Ansprache

Der Gemeinderatsvorsitzende Rummert gab jedoch zu verstehen: »So verlockend das neue Projekt uns erscheint, so möchten wir doch unsere Herren Gemeindevertreter bitten, nicht außer Acht zu lassen, welche Folgen ein Streik der Rohstofflieferanten hätte. Allerdings länger als zwei bis drei Tage könnten sich es die Lieferanten wohl nicht verkneifen, auf den großen Gewinn ihrer Tätigkeit zu verzichten.'' Obwohl so attraktiv, ausgeführt wurde dieses Projekt jedoch nicht.

Die in der Glasindustrie angewandten Bearbeitungsmethoden benötigten Gas, welches bei der Verbrennung solch hohe Temperatur erzeugte, dass damit auch Glas geschmolzen werden konnte. In einem eigens errichteten Gebäude wurde im Jahr 1923 eine Wassergasanlage aufgestellt, die braunkohlestämmiges Synthesegas für die Methanolgewinnung und anderer wichtiger chemischer Substanzen für die Chemieindustrie zusätzlich erzeugte. Dieses nach einem BASF-Patent von 1913 zusätzlich dem Wassergas gewonnene Methanol konnte gegenüber der trockenen Destillation von Holz, wie sie in der Holzessigfabrik in der Berliner Straße in Weißwasser angewandt wurde, effektiver erzeugt werden. Mit dieser Betriebserweiterung sollte das Gaswerk Weißwasser nun allen Anforderungen gerecht werden können , bemerkte eine Werbeschrift.

Für den Antrieb der Aggregate wie Gebläse, Ventilatoren, Rohstoffschredder, Förderbänder, Wasserpumpen, Elektrogeneratoren und andere waren jetzt eine Dampfmaschine, ein Gasmotor und vier Elektromotoren zuständig. Die im Jahr 1924 aufgebaute Dampfmaschine konnte mit Braunkohle beheizt werden und diente der Zerkleinerung (Schredder) der Steinkohle für die Gasgewinnung.

Die Umrüstung der Gaserzeugung von den alten Retorte- in modernen Kammeröfen, welche eine viel größere Gasmenge erzeugen konnten, erforderte den Bau eines 40 Meter hoher Schornsteins.

Handarbeit

Auch war die beschwerliche Handarbeit durch die Aufstellung dieser neuen Großkammeröfen mit modernen Anlagen wie Kühl-, Wasch- und Reinigungsapparate, weitgehend ersetzt worden. Die bei der Gasherstellung anfallenden Nebenprodukte wie Teer und Teeröle wurden ebenfalls vergast. Durch Luftzufuhr entstand ein Brennstoff, welcher sich durch Entzünden zum Antrieb eines Gasmotors nach dem System Nicolaus Otto eignete. Dieser Motor trieb einen Elektro-Generator an. Auch das in kleinen Mengen hergestellte Braunkohlengas genügte für den Gasmotor.

Da die Kohle hier reichlich in der Erde lag, konnte Elektroenergie quasi kostenlos hergestellt werden. 

Zum Thema:
Mai 1922. Der Gemeinderat holt sich ein Angebot vom Elektrizitätswerk über die Ablösung der mit gasbetriebenen Straßenlaternen durch elektrischen Betrieb ein. Grund ist die Erhöhung der Gebühr für Gasbeleuchtung. Auch ist jetzt die Leuchtkraft der elektrischen Glühbirnen wesentlich höher geworden, als noch zur Jahrhundertwende zur Betriebsaufnahme des Werkes Gasbeleuchtung bevorzugt wurde. 


Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 11.11.2010


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Aktualisierung: 11.11.2010


 

Johann Hermann Erhardt (3. Oktober 1874 bis 11. Januar 1946) war der Weißwasseraner Gaswerkdirektor vom Jahre 1904 bis zum September 1942
Foto: privat