Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Künstler warten auf Mitstreiter
Im Oktober 2018 wurde Weißwasser zum Modellfall erklärt. Bewohner sind ausdrücklich erwünscht, Ideen beizusteuern.

VON ANETT BÖTTGER


 
Allerorten wird 2019 an die Gründung des Bauhauses vor 100 Jahren erinnert. Dass auch Weißwasser mit der berühmten Kunstschule der Moderne im Zusammenhang steht, war bislang nur wenig bekannt. Im vergangenen Herbst startete ein interdisziplinäres Projekt, um das Bauhaus-Erbe der Stadt stärker ins Bewusstsein zu holen. Für den „Modellfall Weißwasser" lebten zwei namhafte Bauhaus-Schüler wieder auf, zumindest symbolisch und dargestellt von zwei Schauspielern: der Produktgestalter Wilhelm Wagenfeld (1900-1990), der als künstlerischer Leiter bei den Vereinigten Lausitzer Glaswerken (heute Stölzle Lausitz GmbH) arbeitete, und der einstige Hausarchitekt dieses Unternehmens, Ernst Neufert (1900-1986). Er entwarf ein äußerst funktionales Glaslager, inzwischen kurz Neufert-Bau genannt. TAGEBLATT sprach mit dem künstlerischen Leiter des Projekts, Stefan Nolte, über Hintergründe und weitere Vorhaben im Bauhaus-Jahr:

Wieso betrachten Sie Weißwasser als Modellfall?

Wir beziehen uns auf ein Zitat von Bauhausgründer Walter Gropius. Er schrieb 1965 an seinen Schüler Wilhelm Wagen feld; „Ich versichere Ihnen. dass Sie und Ihr Werk der Modellfall dessen sind. was das Bauhaus anstrebte.“ Weißwasser war in Wagenfelds Leben die Station. wo er am meisten umsetzen konnte und in der Industrie auf Augenhöhe mit anderen wirkte. Wir wollen Wagenfelds Ideen weiterdenken und ihn als Ratgeber für die postindustrieIle Entwicklung betrachten: Was kommt nach Glas- und Braunkohleboom. nach Schrumpfung und Rückbau?

In welcher Form soll das geschehen?

Es gibt fünf Werkstätten, in denen sich die Teilnehmer der Frage widmen. wie die vielen spannenden Orte und Geschichten der Stadt neu wahrnehmbar werden können. Künstler leiten die für jedermann offenen Gruppen in unterschiedlichen Disziplinen: Bernadette La Hengst für Musik und Chöre. Jochen Roller für Bewegung und Tanz. Hendrik Scheel für Räume und Dinge, Constanze Fischbeck für Film und Dokumentation, ich für Theater und Spiel. Alle Werkstätten tragen zur Gestaltung des Parcours bei. der im Juni an zwei Wochenenden durch die Stadt führen soll.

Welche Erfahrungen bringen die Künstler mit?

Es sind ausgewiesene Experten für Kunstprojekte im Stadtraum mit Bürgerbeteiligung. Jeder Körper hat etwas zu erzählen. Die beteiligten Künstler sind viel im Land. teilweise auch in der Welt unterwegs. Sie bringen Erfahrungen von ganz verschiedenen Orten mit, etwa aus Dresden. Berlin, Preiburg, Hamburg, Toronto. Pristina, Detroit und Lagos.

Die Werkstattleiter trafen sich im Januar zu einer Wochenendklausur in Weißwasser. Mit welchem Ziel?

Wir hatten eine sehr intensive Ortsbegehung. Dabei haben wir uns unter anderem das Volkshaus, die friihere Glasfachschule, den Neufert-Bau und das Telux-Gelände angeschaut - Orte mit viel Geschichte, die auf ihre Zukunft warten. Wir wollten von innen heraus ein Gefühl für die Qualität dieser Gebäude bekommen und klären, welcher Ort wie bespielbar ist. Wir bemühen uns darum, wenigstens Zugang zu einzelnen Teilen zu bekommen. In der Diskussion sind wir alle Orte durchgegangen und haben überlegt, was dort alles passieren könnte.

Gibt es erste Ideen?

Manche sind schon recht konkret. Thematische Ansätze entwickeln wir nun weiter. Im Neufert-Bau könnte es um die Auseinandersetzung mit Normen gehen. Ein guter Startpunkt für den geplanten Parcours wäre der Bahnhof, der sich in einen festlichen Ort der Ankunft von Neubürgern verwandelt. Weißwasser war immer ein Ort von Einwanderern. Daher freuen wir uns, dass auch der Verein Miteinander für Spätaussiedler bei unserem Projekt mitmachen will.

Sie suchen gezielt Unterstützung in der Bevölkerung. Was genau stellen Sie sich vor?

Wer Lust an Musik, Singen, Bewegung, Theater oder Filmen hat und etwas kreativ gestalten will, kann sich melden. Es gibt inzwischen eine Theatergruppe in der BrunoBürgel-Oberschule. Der Stadtchor probt bereits. Wir suchen Lotsen für den Parcours durch die Stadt. Es geht darum, Orte auszustatten, Kulissen zu bauen oder zu bemalen. Willkommen ist auch jeder, der sich für Geschichte und Zukunft der Stadt interessiert.

Wie werden die Ergebnisse aus den Werkstätten in der Stadt sichtbar?

Am 21. und 22. Juni sowie am 28. und 29. Juni soll Weißwasser für seine Bewohner und Gäste auf überraschende Weise erlebbar sein: bei einem inszenierten StadtRundgang mit Theater, Musik, Gesang, Tanz, Installation und Film. Entstehen könnten auch ein Open-Air-Kino und ein Biergarten an ungewöhnlichen Orten. Wir wagen einen Blick in die Zukunft, wobei Bürgerinnen und Bürger den neuen selbstgemachten Gebrauch ihrer Stadt
präsentieren.

In dieser Serie erscheinen in den kommenden Wochen Beiträge, mit denen wir Künstler und Akteure vorstellen, die am .Modellfall Weißwasser" mitwirken.

Hintergrund

Träger von "Modellfall Weißwasser - Das Masz aller Dinge" ist der Verein Neufert-Bau Weißwasser e.V. Er wurde 2014 gegründet und setzt sich für die Erhaltung der Bauhaus-Architektur von Ernst Neufert in der Stadt ein.

Unterstützung: Die Kulturstiftung des Bundes fördert das aktuelle Projekt mit 150.000 Euro. Die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen bewilligte dafür 63.000 Euro. Bei der Abschlussveranstaltung in diesem Herbst soll ein Film vorgeführt werden, der den "Modellfall Weißwasser" im Verlauf des Jahres dokumentiert.

Kontakt: Interessenten, die in einer der Werkstätten mitwirken wollen, können sich melden bei Projektmanagerin Christine Lehmann
(Telefon: 016095482060 oder per Mail: tineleki@gmx.de); Internet: www.modellfall-weisswasser.de


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 26.01.2019


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail:
info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung:
13.02.2019


 

Im Maszladen am Marktplatz von Weißwasser ist Stefan Nolte häufig anzutreffen. Der Regisseur aus Berlin und künstlerische Leiter des Projektes "Modellfall Weißwasser" kommt regelmäßig in die Stadt, auch um mit einer Theatergruppe an der Bruno-Bürgel-Oberschule zu arbeiten. Foto: J. Rehle