Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Visionen für Weißwasser
Die große Expertenrunde zum Stadtumbau ist vorbei – vorerst. Mit vielen Anregungen und Ideen, aber auch mit einer großen Sorge.

Von Tilo Berger
 



Es ist vollbracht. Die Kooperative Planungswerkstatt Weißwasser ist Geschichte. Und Zukunft zugleich, denn in zwei Jahren wollen die Stadtumbau-Experten aus Kaiserlautern, Weimar, Berlin und anderen Orten wieder nach Weißwasser kommen. Wollen sehen, was aus ihren Anregungen geworden ist – oder auch nicht. Un von diesen Anregungen gibt es eine ganze Menge; Ergebnisse zahlreicher Gespräche in der Stadt, öffentlicher Diskussionrunden mit Einwohnern und tage- wie nächtelangen Köpferauchens im März. Wer wollte, konnte die Köpfe hinter den Glasscheiben des Hauses an der Straße der Glasmacher 8 qualmen sehen.

Am Donnerstagabend kamen die Planungsteams noch einmal zusammen und präsentierten ihre Vorschläge, wie es für und mit Weißwasser weitergehen könnte. Die SZ fasst die Anregungen zusammen.

Die Stadt soll mit ihrem Image punkten und Wahrzeichen nicht verstecken

Glas und Eishockey – wenn Leute außerhalb von Weißwasser etwas über die Stadt wissen, dann das. Damit muss die Stadt punkten.

Zur Glasindustrie gehören auch die Reste der Hütten, in denen nicht mehr produziert wird. Die einstige Gelsdorfhütte zum Beispiel könnte in einem ersten Schritt abends angestrahlt werden. In einem zweiten Schritt könnte die Ruine soweit gesichert werden, dass sie etwa als Spielstätte für kleine Theateraufführungen oder für andere Veranstaltungen dient. Der dritte Schritt könnte dann darin bestehen, die Hütte als Teil des Glasmuseums wieder herzurichten, beispielsweise auch für Schauvorführungen der Glasherstellung.

Das Gelände der früheren Bärenhütte könnten sich die Stadtplaner als Wohngebiet vorstellen. „Altlasten sind kein Grund, noch 20Jahre lang in Deckung zu gehen“, sagte Stadtarchitekt Ingo Quaas aus Weimar.

Der Sportpark mit der neuen Eishockey-Arena verdient mehr Aufmerksamkeit, zurzeit ist er von der Bautzener Straße aus kaum zu sehen. Auf dieser Straße aber kommen viele Fremde in die Stadt, sie sollen die Arena sehen können. Sichtachsen zur Bautzener Straße hin und eine auffällige Beleuchtung des Areals könnten für einen Blickfang sorgen, hieß es.

Glas und Eishockey sollten sich als Fassadengemälde in der Stadt stärker wiederfinden, rieten Experten. Speziell entlang der Berliner Straße gebe es viele Hauswände, die nur auf Farbe warten.

Industriebrachen sollen nicht sich selbst überlassen bleiben

Der Anfang ist gemacht: Seit Ende März „blicken“ Ernst Neufert und Wilhelm Wagenfeld aus zwei Fenstern einer einstigen Glühlampenlagerhalle. Die Halle verdankt Weißwasser Ernst Neufert (1900-1986), einstiger Hausarchitekt der Vereinigten Lausitzer Glaswerke, wo Wilhelm Wagenfeld (1900-1990) künstlerischer Leiter war. Beide Köpfe sind auf Kunststoffplatten gebannt – und noch 148 weitere Fenster frei für bekannte Gesichter aus Weißwasser.

Das Beispiel des Neufertbaus sollte Schule machen, finden die Fachleute. Die Stadt hat schließlich noch mehr Industriebrachen, freie Flächen und leere Gebäude die sich nutzen lassen. Auf dem Gelände der früheren Schnitter-Brauerei könnten beispielsweise Sonnenblumen gepflanzt werden.

Das Volkshaus könnte als „Wächterhaus“ für Vereine, Unternehmen und Privatpersonen hergerichtet und zu günstigen Preisen vermietet werden. Sollte die Region Weißwasser 2027 wie gewünscht die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) ausrichten dürfen, würde sich der Saal des Volkshauses als Blumenhalle eignen. Die frühere Glasfachschule wäre als Seniorenresidenz oder internationales Sport-Internat für den Eishockey-Nachwuchs denkbar.

Die Stadt muss ihr Zentrum erkennen, stärken und leben


Es heißt oft, Weißwasser habe kein richtiges Stadtzentrum. Da widersprechen die Fachleute von außerhalb. Sie erkennen sowohl ein Zentrum, das mit dem Boulevard beginnt, die Geschäfte auf der Saschowa-Wiese einschließt und sich dann nördlich der Bahnbrücke nach beiden Seiten ausweitet. In der Draufsicht sieht das aus wie ein Eis am Stiel.

Eine Verbreiterung der Bahnbrücke könnte dieses Eis am Stiel schmackhafter machen, finden die Experten. Die Idee einer zusätzlichen Brücke zwischen Bahnhof und Saschowa-Wiese versehen sie indes mit einem großen Fragezeichen – es ist unsicher, ob über diese Brücke viele gehen würden, von den Kosten mal ganz zu schweigen.

Der Bahnhof selbst braucht dringend mehr Leben. Die Fachleute raten, hier eine Tourist-Information einzurichten. Und Hinweistafeln am Bahnhof sollten den Weg zu den Sehenswürdigkeiten zeigen, die es im Stadtzentrum durchaus gibt. Das Rathaus zum Beispiel, oder die kleine Kirche mit dem Labyrinth. Ein von Tafeln geführter Altstadtrundgang könnte wichtige Punkte des Zentrums miteinander verbinden, und es könnten mehr Bänke zum Verweilen einladen. Leere Schaufenster ließen sich übergangsweise für Galerien oder als Werbeflächen für Firmen nutzen.

Außerhalb des Zentrums sollte die Stadt keine größeren Handelseinrichtungen mehr ansiedeln. Und tragen sich etwa in der Südstadt Händler mit dem Gedanken, von dort wegzugehen, sollte die Stadtspitze sie ins Zentrum umlenken. Hilfreich dabei wäre die Einrichtung eines Zentrumsmanagements.

Der Worte sind erst einmal genug gewechselt. Am Freitagmorgen stiegen die Fachleute in den Zug oder ihre Autos und fuhren zurück nach Kaiserlautern, Weimar, Berlin und die anderen Orte, aus denen sie nach Weißwasser gekommen waren. Stadtumbau-Professor Holger Schmidt von der Technischen Universität Kaiserslautern, der bei dem ganzen Projekt Regie führte, sagte am Donnerstag: „Ich werde Weißwasser körperlich verlassen, aber nicht geistig. Die Stadt ist jetzt in meinem Herzen.“ Allerdings gelingt der Stadtumbau nur, wenn Weißwasser auch in den Herzen der Menschen hier ist. Diesen Rat gaben die Fachleute den Einheimischen, und es klang etwas Sorge heraus, dies könnte nicht oder unzureichend geschehen: Leben Sie Ihre Stadt!

 

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 13.04.2013


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 18.04.2013


 

Wohnhäuser und Geschäfte vor den Schornsteinen der ehemaligen Bärenhütte –warum eigentlich nicht? Die Idee dazu kam im Laufe der Kooperativen Planungswerkstatt auf den Tisch.
Foto/Montage: A. Schulz