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Geschichten aus der Glasfachschule
Frust bei Gästen am Tag des offenen Denkmals

VON Torsten Richter-Zippack


Einen turbulenten Tag des offenen Denkmals haben die Weißwasseraner erlebt. Eigentlich sollten sich, so hatte es die Stadt angekündigt, die Türen der ehemaligen Glasingenieurschule öffnen. Doch die blieben letztendlich geschlossen.

"Bitte wiederholen Sie noch einmal diesen Satz", fordert ein älterer Mann Karl-Heinz Melcher, den Vorsitzenden der städtischen Denkmalskommission, auf. "Wir können die Schule nur von außen besichtigen." Der Senior macht auf der Stelle kehrt und eilt dem Ausgang an der Bautzener Straße entgegen. Weitere Leute folgen.

Die meisten bleiben aber bei Melcher, wenn auch leise schimpfend. "Heute ist Tag des offenen Denkmals", sagt eine Frau. "Warum bleibt das Gebäude geschlossen?" Ursprünglich, sagt Melcher, sei eine Innenbesichtigung zumindest der früheren Aula beziehungsweise Mensa angedacht worden. "Aus Sicherheitsgründen" aber entschied man im Rathaus anders. Der Gebäudekomplex stehe seit sechs Jahren leer, es sei eingebrochen worden und es könnten Gefahren lauern.

So machte sich der "harte Kern" auf den Weg zur Villa, dem ältesten Haus dieses Komplexes gegenüber der Katholischen Kirche. Die nach einem früheren Fabrikanten benannte Lewinski-Villa Baujahr 1902 wurde im Zweiten Weltkrieg fast komplett zerstört, das heutige Gebäude ohne stadtbildprägenden Turm wieder errichtet. Anfang der 1950er-Jahre wurden in der Villa drei Klassenzimmer, Laborräume und die Wohnung des Schuldirektors eingerichtet.

In den Folgejahren entstand auf dem 1,5 Hektar großen parkähnlichen Areal mit den mächtigen Eichen, Linden und Buchen ein Gebäudeensemble mit vier Hörsälen. Fachkräfte für die ortsansässige Glasindustrie sollten dort ausgebildet werden. Auch ein Internat fehlte nicht. Architektonisch erinnert der Komplex an den Stil der Stalin-Zeit.

Vor den Haupteingang setzte der Potsdamer Bildhauer Walter Bullert eine Figurengruppe mit Glasmacher, Schleiferin und Wissenschaftler. Kleiner Schönheitsfehler: Die Hände des Glasmachers an seiner Pfeife sind verkehrt herum gestaltet. Das habe noch Jahrzehnte später zu hitzigen Diskussionen unter den angehenden Facharbeitern geführt, so Karl-Heinz Melcher, der die Schule selbst 1976 bis 1979 besucht hatte. Für "Theater" haben auch die für die Plastik benötigten 30 Zentner Zement gesorgt. Woher der Werkstoff letztendlich kam, sei bis heute ungeklärt.

In der Ingenieurschule wurden zu DDR-Zeiten neben Glastechnik auch Betriebswirtschaft und Automatisierung gelehrt. Um die 200 Studenten wurden unterrichtet, darunter der erste Weißwasseraner Nachwendebürgermeister Dieter Lößner.

Nach dem Ende der DDR nutzte der Landkreis das Domizil als Bildungsstätte. Nach dem Umzug in die Jahnstraße 2009 steht das Ensemble leer. Ein neuer Investor werde dringend gesucht. Zumindest das ehemalige Ofenhaus, in dem einst Glasschmelzversuche stattfanden, gehöre bereits einem Berliner. Er wolle, berichtet Melcher, dort im Bereich Werbung/Medien tätig sein. Für den Großteil der ehemaligen Glasmacherschule gebe es zwar Interessenten, aber nichts Spruchreifes.

Die Weißwasseraner hätten allerdings schon Ideen. Im Rahmen des Denkmalstages wird vorgeschlagen, dort ein altersgerechtes Wohnen zu etablieren. Oder eine Außenstelle der Freiberger Bergakademie. "Würde doch wegen dem möglichen Kupferbergbau in der Lausitz Sinn machen", begründet ein älterer Herr seine Intention.
 

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 14.09.2015


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Aktualisierung: 14.09.2015


 

Rundgang-Teilnehmer vor der Plastik am Haupteingang. Die Denkmalskommission will das Ensemble mittelfristig sanieren lassen.
Foto: T. Richter-Zippack