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„Glasmacherlehrling“ zur Kur nach Görlitz

Von Thomas Staudt


Isst ein Abschläger vorrangig bei Rangeleien auf Volksfesten zu finden? Totaliter aliter (dt. ganz anders), wie der Lateiner sagt und der Fachmann weiß. Glasmacher Dietmar Hahn klärt auf: „Mit dem Abschläger wird der fertig geblasene Kelch von der Glasmacherpfeife abgeklopft.“ Beide Utensilien – Pfeife und Schläger – gehörten ursprünglich auch zu der Figur vor der Berufsschule in der Jahnstraße. Der sogenannte Glasmacherlehrling steht nicht zufällig dort. Früher, als die Glasindustrie in Weißwasser florierte, wurden dort Graveure, Glasmacher und -schleifer ausgebildet. Die beiden Werkzeuge sind längst abhandengekommen. Auch sonst hat die Betonplastik unter der Zeit gelitten: Die linke Hand der Figur ist beschädigt, die rechte fehlt ganz. Der Kopf weist Abplatzungen auf. Um den weiteren Verfall aufzuhalten, hat Günter Segger von der Denkmalkommission schon vor Jahren eine Verjüngungskur für den Glasmacherlehrling angeschoben. Dass sie erst jetzt in Angriff genommen wird, liegt auch an der Kreisreform. Für die Schule, und damit auch für die Figur, ist der Landkreis Görlitz zuständig, der sich nach der Reform erst einmal ordnen musste. Nun soll die Figur kurzzeitig nach Görlitz umziehen.

Dort wird sie unter den fachkundigen Händen des Bildhauers und Malers Günter Schönherr ihren alten Glanz wiedererlangen. Schönherr weiß genau, wie sie aufgebaut ist. „Über einem geschweißten Gerüst aus Moniereisen wird dick angerührter Beton angeworfen und frei modelliert“, doziert er. Der pensionierte Künstler darf geradezu als Spezialist für Betonplastiken gelten. Auf seinem Kunnersdorfer Grundstück stehen Dutzende davon. Seit rund 20 Jahren lässt er Clowns oder Reiterstandbilder aus dem Nichts entstehen. Zuletzt wurde eines seiner Werke in Hagenwerder aufgestellt (SZ berichtete).

Der Entwurf für den Glasmacherlehrling stammt von Konrad Tag (1903 - 1954). Der Breslauer Glasgraveur, -schleifer und Bildhauer ließ sich 1950 in Weißwasser nieder und wirkte hier in der Werkstatt für Glasgestaltung. Laut dem Künstler Eberhard Peters, der damals eine Lehre in der Gelsdorf-Hütte absolvierte und nach eigenen Worten „als Handlanger“ am Entstehen der Figur beteiligt war, erlebte Tag ihre Fertigstellung noch, bevor er 1954 verstarb. Nun wird Günter Schönherr dafür sorgen, dass sie der Nachwelt erhalten bleibt.

Die Restaurierung des Glasmacherlehrlings wird nicht einfach, meint er. Schwierigkeiten bereitet die Haltung der beiden Werkzeuge. Denn, wie sie an der Figur platziert waren, ist nicht mehr bekannt. Um die Haltung einigermaßen realistisch darzustellen, holte sich Schönherr Anregungen bei Dietmar Hahn, der derzeit im Glasmuseum Weißwasser tätig ist. Als gelernter Glasmacher weiß er selbstverständlich, wie die Werkzeuge gehalten werden. Im Museum fanden sich auch die proportional zur Figur passenden Utensilien. Schönherr wird sie mit einem Rostschutz überziehen und an der Figur fixieren. Wenn sie erst wieder an ihrem ursprünglichen Platz steht, kann jeder Passant seine Wissenslücken auffüllen und sich selbst ein Bild davon machen, wie ein Abschläger aussieht, oder eine Glasmacherpfeife.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 15.07. 2010


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 16.07.2010


 

Günter Schönherr kürzlich bei der Begutachtung der Schäden am „Glasmacherlehrling. Der Görlitzer wird die Figur restaurieren.
Foto: J. Rehle