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Tschernitzer bereit für Solarglas-Start
Alle 154 Beschäftigten der Glasmanufaktur an Bord / Schmelzwanne wird angetempert

Von Beate Möschl


Nach knapp einem Jahr Abriss und Umbau ist es soweit: Das Feuer in der neuen Schmelzwanne in Tschernitz (Spree-Neiße) wird entfacht. Dafür legen 154 Beschäftigte der Glasmanufaktur Brandenburg (GMB) mit Hand an. Sie unterstützen die rund 200 Bauleute und Anlagenbauer, die im ehemaligen Fernsehglaswerk die Produktion von Flachglas für die Solarindustrie vorbereiten. Die Liechtensteiner Interfloat Corporation investiert rund 45 Millionen Euro in die GMB. Es ist die erste Produktionsstätte des weltweit tätigen Vertriebsunternehmens für Solarglas.

Am frisch geweißten Schornstein prangen drei große blaue Buchstaben: GMB. Sie stehen für Glasmanufaktur Brandenburg GmbH und eine neue Glasperspektive am Standort des im Juli 2007 vom südkoreanischen Samsung-Corning-Konzern geschlossenen Fernsehglaswerkes.
Im Umkreis von 200 Kilometern rund um das Werk sind etwa 90 Prozent der Solarmodulhersteller und -zulieferer Deutschlands angesiedelt. Die Tschernitzer werden die Ersten sein, die ein neues, innovatives Solarglas herstellen und das bis zu einer Tafelgröße von 2,20 mal 3,20 Metern. Die seit 26 Jahren in der Solarbranche tätige Interfloat-Corporation will eigene Forschungsergebnisse und Patente nutzen, um innovative Produkte mit höchster Qualität zur Verfügung zu stellen, «so wie sie der Markt braucht, mit hoher Leistungsfähigkeit und Haltbarkeit» . Das hatte Interfloat-Geschäftsführer Ulrich Frei im April angekündigt. Inzwischen sind die Bauarbeiten an der Schmelzwanne abgeschlossen. Am Montag werden die Investoren gemeinsam mit Landes- und Kommunalpolitikern, Bauleuten und Beschäftigten per Knopfdruck die Schmelzwanne antempern.
Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt, wenn aus der Wanne das erste breite Glasband fließt, sagt Projektleiter Günter Buder. Am 1. September soll es soweit sein und 14 Tage später eine durchgehend hochwertige Solarglasproduktion gewährleistet werden. «Das ist zu schaffen» , sagt der 58-Jährige. Der erfahrene Ingenieur, der seit 1985 in Tschernitz für die Schmelze verantwortlich zeichnete, sorgt dafür, dass alles läuft. Was er sich selbst abverlangt, das erwartet Buder auch von anderen. Die ehemaligen Fernsehglaswerker wissen das – und die Anlagenbauer haben es gelernt. So wird der «Spirit» , durchgehend auf höchstem Niveau zu arbeiten, wie Interfloat-Geschäftsführer Frei es ausdrückt, weiter gelebt. «Bei Samsung waren die Ansprüche ans Glas bereits sehr hoch, da werden wir auch den neuen Standard schaffen. Die Technologie der Glasschmelze hat sich nicht verändert» , sagt Buder.
Auch Frank Liebmann legt sich ins Zeug. Der ehemalige Vorarbeiter Qualitätskontrolle bei Samsung Corning Deutschland (SCD) gehört zu den 30 ehemaligen SCD-Beschäftigten, die vor wenigen Tagen, am 1. August, bei der GMB eingestellt worden sind, um das Team komplett zu machen. Im Moment arbeitet Liebmann bei den «Goldjungs» , wie er sagt. Das sind die Männer, die dafür sorgen, dass die Schmelzwanne mit reinem Scherbenglas gefüllt werden kann. «Bei uns sind Scherben kein Abfall, sondern hochwertiger Rohstoff» , wirft GMB-Geschäftsführer Volker Henzel ein. «Scherben sparen Energie.» Liebmann ist jeder Handgriff recht. Wie alle anderen auch packt er dort mit an, wo er gebraucht wird. Ab September wird er im Kaltbereich eingesetzt sein – an den Anlagen, die das Flachglasband in Tafeln zerschneiden und waschen. Der 55-jährige Weißwasseraner freut sich drauf. «Seitdem ich hier bin, geht’s mir wieder gut. Ich hatte schon gar nicht mehr daran geglaubt, in meinem Alter noch mal einen Job zu kriegen» , sagt er und wünscht sich, «dass es möglichst lange läuft.»
Ralf Vietzke, der die Bauarbeiten koordiniert, nickt: «Es geht voran. Wir haben die seltene Situation, dass eine Truppe ihre eigenen Arbeitsplätze mit aufbaut. Das verbindet.»
Vietzke hat nach 22 Jahren Aufbau und Rekonstruktion von Anlagen für die Fernsehglasproduktion ab September 2007 den Rückbau der Verarbeitungslinien des Kaltbereiches geleitet und sich dafür eine 36-Mann starke Truppe aus ehemaligen SCD-Beschäftigten zusammengesucht. «Der Abriss war eine Herausforderung für die Produktionsarbeiter, Schlosser und Elektriker. Sie haben sie hervorragend gemeistert. Für das Team lege ich heute noch meine Hand ins Feuer» , sagt der 50-jährige Tschernitzer, der noch viele Bauarbeiten zu koordinieren haben wird. Die Interfloat Corporation will noch in diesem Jahr eine Entscheidung über die zweite Ausbaustufe fällen, wie Henzel sagt. Das würde eine zweite Verarbeitungslinie betreffen und 100 weitere Jobs.
Die Solarglasproduktion wird ab September 365 Tage im Jahr rund um die Uhr laufen. Davon profitiert Henzel zufolge die Region. «Einzelne Handwerker und Mittelständler, die nach dem Samsung-Aus Personal abgebaut haben, stellen wieder neu ein, weil es wieder Aufträge gibt – vom Bau bis zur Instandhaltung und Logistik» , sagt er und fügt mit Blick auf die ehrgeizigen Vorgaben der Liechtensteiner Solarglas-Spezialisten hinzu: «Wir haben noch ein paar aufregende Jahre vor uns.»

Hintergrund 
Von TV zu Solarglas

Am Standort des neuen Werkes für Solarglas waren bis Sommer 2007 rund 700 Frauen und Männer mit der Produktion von TV-Glas beschäftigt. Durch Ausgliederung einzelner Bereiche wie Verpackung und Qualitätskontrolle waren davon nur noch rund 350 direkt bei Samsung Corning Deutschland (SCD) angestellt.
Für diese Mitarbeiter konnten Betriebsrat und Geschäftsführung einen Interessenausgleich und Sozialplan erwirken sowie die Finanzierung einer Transfergesellschaft.
Die Transfergesellschaft hat zusammen mit der Weiterbildungs- und Qualifizierungsgesellschaft Lauchhammer (Wequa) bereits 75 Prozent der ehemaligen SCD-Beschäftigten in neue Jobs vermitteln können – überwiegend zur GMB. Über den Verbleib der rund 350 ehemaligen Securitas- und Logi ca-Beschäftigten gibt es keine gesicherten Erkenntnisse.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 16.08.2008


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E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 16.08..2008


 

Günter Buder:
«Die
Technologie der Glasschmelze hat sich nicht verändert.»
Ralf Vietzke dokumentiert am Computer den Baufortschritt. Er betreut die Bauinvestition am Standort von einfachen Umbauten über den Straßenbau bis zum neuen Zwischenbau.
Frank Liebmann (r.) und Jürgen Kannib greifen in der Scherbenaufbereitung für die neuie Schmelzwanne zu. In den nächsten Tagen werden sie als Montagehilfsarbeiter die Anlagenlieferanten unterstützen.
Fotos: M. Arlt