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Wenn das Glas gewickelt wird
Berlinerin betreibt ein fast vergessenes Kunsthandwerk

Von Dietmar Bender


Glasbläsern kann hin und wieder über die Schulter geschaut werden, aber das Glasperlenwickeln ist eine Kunst, die kaum noch jemand beherrscht. Dagmar Brückner aus Berlin gehört zu denjenigen, die sich dieser alten Form der Glasschmuckgestaltung verschrieben haben. Sie gründete dbeads, was für kreativen Glasperlenschmuck steht. Es ist die immer selbe Frage, mit der Kunden den Glasperlen-Laden von Dagmar Brückner betreten: „Woher stammen denn diese schönen Stücke?“ Zumeist überrascht hören sie die Antwort: „Die Glasperlen stelle ich selber her.“ Beim ersten Blick in den edel anmutenden Verkaufsraum kann sich kaum einer der Kunden vorstellen, dass im hinteren Teil des Ladens die gläsernen Schmuckstücke tatsächlich in Handarbeit entstehen. Denn in der noblen Charlottenburger Akazienstraße mit ihren vielen Boutiquen und Schmuckläden ist es nicht üblich, dass die Schaufensterstücke vom Verkäufer selbst gefertigt werden. Dagmar Brückner ist eine der wenigen in Deutschland, die die Kunst des Perlenwickelns beherrscht und mit ihren eigenen Kreationen einen Laden betreiben kann.
Wenn die 43-Jährige an dem Propan-Brenner das Glas zu formen beginnt, versprüht sie eine begeisternde Leichtigkeit. In der linken Hand hält sie einen Metallstab, den Perlendorn, der später die Lochgröße der Glasperle bestimmt, in der rechten Hand hat sie einen der ein- oder mehrfarbigen Glasstäbe, den sie in der Flamme erhitzt. Das entstehende zähflüssige Glas lässt sie nun auf den Perlendorn fließen, den sie gleichmäßig dreht. Dabei wickelt sich das Glas um den Metallstab. Bis zu zwanzig Schichten trägt Dagmar Brückner auf diese Weise auf. Außerdem schmilzt sie Glasfäden oder dünne Edelmetallfolien ein und setzt Tropfen auf. Etwa vierzig Minuten dauert es, bis eine größere Glasperle als Ring oder Teil einer Kette – alle sind Unikate – fertig ist.
Um die Haltbarkeit der Perlen zu erhöhen, kommen sie nach dem Wickeln und Verzieren in einen Temper (Perlenofen), in dem die Stücke von einer Temperatur von 500 Grad Celsius aus sehr langsam abgekühlt werden. „Hierdurch kann die Spannung, die sich beim Verarbeiten im Glas aufbaut, aus meinen Perlen entweichen, und die Bruchfestigkeit des Glases erhöht sich“, erklärt die Kunsthandwerkerin.

Glasstäbe aus Murano
Als Ausgangsstoff verwendet sie fast ausschließlich venezianische Murano-Glasstäbe. Diese werden auf der Insel Murano bei Venedig seit vielen Jahrhunderten hergestellt und zeichnen sich durch besonders hohe Reinheit und Farbqualität aus.
Bereits 1250 v. Chr. gab es die ersten Glasmanufakturen im alten Ägypten. Die Blütezeit der mitteleuropäischen Glasperlenproduktion begann in Venedig im 13. und 14. Jahrhundert. Nicht nur aus Brandschutzgründen wurden alle Glasöfen auf die vorgelagerte Insel Murano verbannt. Mit diesem Schritt sollte zudem das streng gehütete Geheimnis der Glasherstellung bewahrt werden, weshalb die gut bezahlten Glasbläser und Perlenwickler auf der Insel wie Gefangene lebten. Ihnen war bei Androhung der Todesstrafe untersagt, ihr Wissen weiterzugeben. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden venezianische Glasperlen in viele Länder der Welt exportiert. Mit der industriellen Massenfertigung haftete den Glasperlen allerdings alsbald der Ruf des Minderwertigen an. Dem will Dagmar Brückner durch ihre anspruchsvolle Handwerkskunst entgegenwirken.

Auf Umwegen zu Perlen
Als junge Frau zog die gebürtige Hamburgerin über die Flohmärkte und sammelte Glasperlen, später machte sie Abitur und eine Tischlerlehre, entschied sich schließlich jedoch für die Ergotherapie. Den Schritt zur Perlenwicklerin wagte sie in New York, wo sie einige Jahre lang mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebte. „Dort gibt es das ‚Urban Glass’ in Brooklyn, eine Schule für Glasgestaltung, in der auch das Perlenwickeln gelehrt wurde. Das wollte ich unbedingt ausprobieren. Und schon nach dem ersten Kurs wusste ich genau: Das ist es“, erinnert sich Dagmar Brückner. Sie machte eine Ausbildung bei international bekannten Glaskünstlern aus den USA, Großbritannien, Italien und Japan.
Als sie im Jahr 2000 mit ihrer Familie wieder nach Deutschland übersiedelte, richtete sie sich ein Werkstatt-Atelier mit Laden in Schöneberg ein, in dem sie auch Kurse in sehr kleinen Gruppen anbietet. Im November vergangenen Jahres zog sie in ihr neues Charlottenburger Domizil. Und verblüfft weiterhin die staunende Kundschaft. w

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 16.08.2008


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Aktualisierung: 16.08..2008


 

Dagmar Brückner beim Wickeln einer Perle an ihrem Arbeitsplatz
Foto: Britta Pedersen