Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
G
lasmuseum Weißwasser !

Museum

Service

Mitgliederbereich

Ausgezeichnete Glasgeschichte
Die Pückler-Stiftung zeigt Entwürfe von Manfred Schäfer. Nun erhält er auch noch den Mitteldeutschen Historikerpreis.

Von Thomas Staudt



Auf dem Tisch liegen linierte Blätter. Ein ziemliches Durcheinander. Aber nur auf den ersten Blick. Die mit akkurater Schrift fein säuberlich gefüllten Seiten tragen Klebezettel in unterschiedlichen Farben. „Das ist meine Schreibmaschine“, sagt Manfred Schäfer und weist auf das organisierte Chaos. Dann tippt er sich an die Schläfe. „Und das ist mein Computer.“ Der Mann mit dem liebenswürdigen Humor und dem schlohweißen Haar hat in der vergangenen Woche den Mitteldeutschen Historikerpreis in der Kategorie Industriegeschichte erhalten. Die Lorbeeren, die er mit seiner Schriftstellerei erntet, freuen ihn. Aber er schreibt nicht für Ruhm und Ehre. Schäfer schreibt gegen das Vergessen. Fast alle Ehrungen für unsere Glasmacher sind anonym, sagt er und meint den Glasmacherbrunnen vor dem Bahnhof oder den Glasmacherlehrling an der Berufsschule. „Ich möchte den Glasarbeitern durch mein Schaffen ihren Namen und ihre Leistungen zurückgeben.“ Geschichte macht ihn manchmal richtig sauer. Als Ausgleich setzt er seine eigenen Geschichten dagegen. Sie sind nicht erfunden, sondern erlebt. Schließlich hat er fast sein ganzes Leben der Glasmacherei gewidmet.

Vor 77 Jahren im polnischen Günthersdorf geboren, wird er zunächst Kerameinrichter und Modelleur in Meißen. Nach einem kurzen Gastspiel in der Porzellanfabrik Lettin bei Halle an der Saale kommt er im September nach Weißwasser. Auch in der Werkstatt für Glasgestaltung ist er für die Gipsmodelle zuständig, die die Mustervorlage für die serielle Produktion bilden. Die Entwürfe gehen in alle Glasbetriebe in der Gegend. Das Büro ist schon damals mit zwei bekannten Namen verbunden, mit dem Bauhausschüler Wilhelm Wagenfeld und mit Friedrich Bundtzen, der als Assistent und Schüler Wagenfelds die Tradition schlichten Designs seit 1950 in Weißwasser fortführt. Bundtzen wird Schäfers Vorgesetzter. Jahrelang arbeiten sie Wand an Wand. „Ein eigenartiger Mensch“, sagt Manfred Schäfer heute über ihn. Aber sie verstehen sich dennoch. 1969 wird Schäfer Leiter der Erzeugnisentwicklung und legt selbst zahlreiche preisgekrönte Entwürfe vor. 2013 würdigt die Pückler-Stiftung in Bad Muskau Wilhelm Wagenfeld mit einer Personalausstellung im Neuen Schloss. Dort ist gegenwärtig die Sonderschau „Das schönste Glas der Lausitz“ mit Entwürfen von Friedrich Bundtzen – und Manfred Schäfer zu sehen.

Für seine Forschungen wälzt er meterweise Akten, die seine Frau auf die Palme bringen, wenn sie das gesamte Wohnzimmer blockieren. „Ich hab’ ja über hundert Mitarbeiter“, sagt Manfred Schäfer und stellt erneut seinen Humor unter Beweis. Gemeint sind die vielen Kollegen und Mitarbeiter von früher, die ihm über die reine Forschungsarbeit hinaus Geschichten zutragen. Gemeint sind aber auch „die beiden Keller-Kinder“, Annemarie und Rainer Keller aus Gablenz. Sie schreiben Schäfers Texte ins Reine und sorgen für die Korrekturen. Rainer Keller und der Förderverein Glasmuseum haben Manfred Schäfer für den Preis vorgeschlagen, den die Krostitzer Brauerei 2014 zum elften Mal vergibt.

Als der Historikerpreis verliehen wird, sitzt Manfred Schäfer zu Hause im Wohnzimmer. Bis Leipzig gondeln, würde er nicht mehr schaffen. Wenn er sich anstrengt, reicht es gerade noch für einen Gang auf die Straße. Es ist nicht das Alter an sich, unter dem er leidet, sondern die vier Buchstaben COPD. Die chronisch Lungenerkrankung führt zu Atemnot. Manfred Schäfer hängt seit Jahren am Sauerstoffgerät. Ein weiterer Grund, der den Rastlosen zum Schreiben treibt. Als er 1992 in den sogenannten Ruhestand wechselt, geht er in die Pilze, fährt beinah exzessiv Rad, baut Häuser und stürzt sich in die Gartenarbeit. Als das nicht mehr geht, beginnt er zu schreiben. In den letzten Jahren hat er dem Hüttenmeister Kurt Schwarz oder dem Krugmacher Sieghard Kaiser ein Denkmal gesetzt. Beiträge über Rita Brose, der einzigen Glasmacherin der DDR und Jaroslav Strobl, dem „Paganini auf dem Kelchstuhl“ sind fast fertig. Als nächstes soll eine Fortsetzung seiner „Glasigen Erinnerungen“ folgen. „Lust, Liebe und Mut hab‘ ich schließlich noch.“

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 16.12.2014


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 16.12.2014
Impressum


 

Manfred Schäfer mit einigen seiner ausgeführten Entwürfe. Als Historiker erinnert er an Menschen, die in der Glasindustrie arbeiteten.
Foto: A. Schulze