Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Laudatio anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung zu Ehren von Heinz Schade

Von MdL Thomas Jurk


Weißwasser wirbt weltweit als Stadt des Glases. Und das völlig zu Recht! Tradition und Kompetenz der Glasherstellung, -veredlung und -verzierung haben eine über 100jährige Geschichte. Ehemalige und aktuelle Unternehmen der Glasindustrie begründen einen Ruf, der wohl von Niemandem, wirklich Sachkundigen in Frage gestellt wird. Schließlich belegen das unzählige Fakten und Zahlen. Allen gesellschaftlichen Veränderungen begegnete man mit einem großen Maß an Selbstbehauptungswillen, den man nur entwickelt, wenn man an sich selbst glaubt.

Ein hervorragendes Beispiel für dieses Durchsetzungsvermögen ist Heinz Schade! Geboren im Jahr 1935, dem Jahr der Verleihung der Stadtrechte an Weißwasser, nahm er nach dem Besuch der Grundschule 1950 eine Lehre als Glasschleifer in der Bärenhütte auf. Zwei von drei Jahren Ausbildungszeit war er Schüler des Musterschleifers Alfred Görner, jener Alfred Görner, der 1954 nachwies, dass sich Diatretgläser durch Hinterschleifen anfertigen lassen. Es war auch jene Zeit, als die Gesellen nach erfolgreichem Abschluss der Lehre „getauft“ wurden. Bei dieser Taufe wurde den Gesellen in einem unerwarteten Moment ein mit Wasser gefüllter Hut über den Kopf gestülpt. Diese Prozedur erlebte Heinz Schade vor nunmehr 57 Jahren. Eine Tradition, die allerdings heute nicht mehr üblich ist.

Heinz Schade war ab 1953 Glasschleifer und Musterschleifer Bleiglas. Ende der 50er Jahre wandte er sich dem Diatretglas zu. Diatretglas wird den Römern zugeschrieben, die diese höchste Kunst der Glasveredlung bereits im 3. bzw. 4. Jahrhundert beherrschten. In Weißwasser waren es der damalige Künstlerische Leiter in den Lausitzer Glaswerken Friedrich Bundtzen und Schades Lehrmeister Alfred Görner, die den Versuch unternahmen, eine Kopie des Diatretglases herzustellen. 1954 gelang es, eine 25 cm hohe Vase als erste nachweisbare Kopie eines Diatretglases fertig zu stellen. Diese einzigartige Anfertigung dauerte sage und schreibe drei Monate. Der Lohn aller Mühen war für Alfred Görner höchste Anerkennung für diese außerordentliche Meisterleistung.

Ansporn auch für Heinz Schade. Selbst wenn der erste Versuch 1958 fehlschlug – er blieb hartnäckig bei der Sache. Danach dauerte es bis 1998, als unter seinen geschickten Händen in ca. 330 Stunden eine Diatretglas-Vase entstand. Vergessen alle Mühsal, Selbstzweifel und Enttäuschung über Misserfolge, wenn nach weit über 100 Stunden konzentrierter Arbeit ein Sprung oder Bruch alle Hoffnungen zunichte gemacht hatten! „Glück und Glas“ – wie leicht bricht das! Eine innere Besessenheit trieb Heinz Schade immer wieder voran. Voran zu einer Meisterschaft, die ihresgleichen sucht. Nur 5 Glasschleifer oder besser Glaskünstler weltweit beherrschen die Technik des Schleifens von Diatretglas

Mir war diese handwerkliche Meisterschaft Grund genug, um Heinz Schades Wirken mit einer Ausstellung im Sächsischen Ministerium für Wirtschaft und Arbeit vom 20.12.2005 bis 4.2.2006 in Dresden einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Ich erinnere mich noch, wie wir zunächst den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ministeriums als „Weihnachtsüberraschung“ verschiedene Werke von Heinz Schade näher brachten. Wer wusste eigentlich, dass Diatret, obwohl von Römern einst gefertigt, abgeleitet vom griechischen Wort „diatron“ kommt und soviel wie „durchbrochen“ oder „durchbohrt“ bedeutet.


Den Betrachtern der Ausstellung im Wirtschaftsministerium bot sich eine Schau doppelwandiger Glasgefäße, die mit kunstvoll hinterschliffenen Durchbrüchen, Ranken, Figuren und Netzwerken verziert waren, welche sich vom inneren Glaskörper abhoben. Ich weiß, dass sich Heinz Schade sehr über die Möglichkeit dieser Präsentation gefreut hat, aber ist es nicht weit richtiger festzuhalten, dass ohne Heinz Schades Meisterschaft ein solches „Event“ nicht hätte zustande kommen können.

6 Goldmedaillen bei der Leipziger Messe, drei Urkunden bei internationalen Ausstellungen und 8 Auszeichnungen des Amtes für industrielle Formgestaltung mit dem Prädikat „Gutes Design“ hat er über die Jahrzehnte hinweg erhalten. Unikate seines Schaffens gingen in die Hände von Weltmeistern und Olympiasiegern, Wissenschaftler und Künstler, Politiker wie den früheren Bundeskanzler und sogar an den indischen Staatsmann Mahatma Gandhi. Grund genug für seine Heimat, ihn zum Botschafter der Stadt Weißwasser zu berufen, Botschafter auch für die hiesige Glasindustrie. Eine Glasindustrie, die leider nach 1990 schrumpfte, Rückschläge, Niederlagen und leider auch das Wirken mancher Scharlatane erlebte. Heinz Schades Leben ist untrennbar mit der Bärenhütte verbunden. 1992 bis 1997 war er Kaltbereichsleiter in diesen Weißwasseraner Unternehmen. Das Ende der Geschichte der Bärenhütte kennen wir alle. Wenn auch die einstige Wirkungsstätte nicht mehr vorhanden ist, so hat Heinz Schade freiberuflich mit der wiederholten Fertigung von Diatretgläsern seine fachliche Klasse eindrucksvoll nachgewiesen. In einer Zeit, wo viel über Werte, Wertewandel oder gar Verlust von Werten diskutiert wird, ist es wichtig, dem gestandenen, lebenserfahre-nen Menschen Orientierung zu geben.

Für mich ist Heinz Schade ein Vorbild gerade auch für jüngere Menschen. Fleiß, Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit zeichnen ihn aus. Seine Ausstellung wird erneut Zeugnis davon ablegen.

Lieber Heinz Schade, ich gratuliere von Herzen zum 60. Berufsjubiläum. Und da man zu Geburtstagen dann gratuliert, wenn der Tag erreicht ist, möchte ich es allen sagen, die es vergessen haben könnten: Heinz Schade wird am 23. September 75 Jahre.

Ich wünsche der Personalausstellung in unserem Glasmuseum viele staunende Besucher.


Quelle: Glasmuseum Weißwasser, 17.09.2010


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Aktualisierung: 24.09.2010


 

Heinz Schade im Gespräch mit Dr. Hartmut Zschocher