Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Er brachte Messina nach Weißwasser – mit einer Zitronenpresse
Weißwasseraner Straßennamen Wer und was sich darunter verbirgt - unsere Serie wirft ein Licht darauf. Heute: Professor-Wagenfeld-Ring.

Notiert von UWE JORDAN


Das hätte sich unser heutiger Straßennamenspatron nicht träumen lassen. dass ausgerechnet eine Zitronenpresse ihn unsterblich machen würde. Hatte er nicht Großartiges geschaffen. Grundstürzendes gar; Dinge, die das Design und die Baukunst ihrer (sprich: seiner) Zeit geradezu revolutionierten und auch heute noch Kultstatus genießen? Ja, das hatte er wohl; auch wenn man gerechterweise anmerken muss, dass das "neue Wohnen". dass das Bauhaus zu entwickeln gedachte, durchaus nicht dem Geldbeutel eines Arbeiters angemessen war. Womit klar sein dürfte, dass hier nicht von der Kette „Bauhaus“ die Rede ist, die seit 1960 ausgehend vom Stammsitz Mannheim, Heimwerker mit allem Nötigen beliefert (Slogan: „Wenn's gut werden muss“). Sondern von jenen Künstlern und Visionären, die in der 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründeten Kunstschule Entwürfe liefern wollte, wie jedermann kostengünstig, gesund, praktisch, modern und ästhetisch zugleich leben könnte und sollte - vom Baukörper selbst bis zum letzten Einrichtungsgegenstand. Sei es nun ein Sessel. ein (Wand)Teppich oder eben eine Zitronenpresse. Das Bauhaus wollte den Anspruch verwirklichen helfen, dass Wohnen eine soziale Funktion ist, die zum Besten des Menschen ausgeführt werden muss; Gegenentwurf zu den trostlosen Mietskasernen, kärglichst ausgestatteten „Arbeiterschließfächern- hie - und den Prunkvillen mit jeglichem erdenklichen Luxus da. 

Wer mag, kann sich heute in Dessau in den vier „Meisterhäusern“ ein Bild vom Gewollten verschaffen. Die Stadt im Anhaltinischen war 1925 bis 1932 Heimstatt des Bauhauses, ehe es in seiner letzten Phase, von den Nazis vertrieben, bis 1933 in Berlin residierte. Und man kann sich einen Teil-Überblick verschaffen in Weißwasser! Denn einer der wichtigsten Bauhaus-Schaffenden war Wilhelm Wagenfeld.

Der blieb zwar nach 1925 in Weimar, aber die in der Metallwerkstatt am Bauhaus 1924 unter seinem Lehrer László Moholy-Nagy entworfene zeitlose Tischleuchte mit der halbkugelförmigen Glasglocke, deren Lampenschirm aus Opalglas das Licht gleichmäßig verteilt, ist die einzige wirklich wirtschaftlich erfolgreiche Hervorbringung des Bauhauses - neben den 1929 entstandenen, von Hans Fischli und Margaret Leiteritz gestalteten Bauhaus-Tapeten, von der Tapetenfabrik Gebr. Rasch in Bramsche gefertigt; das einzige Produkt des Bauhauses, das bis heute industriell hergestellt wird. Gut; es gibt den (Club-)Sessel B 3 von Marcel Breuer, Doch der wurde erst bekannt, als er von Gavina ab 1964 als "Wassily-Chair" neu aufgelegt wurde. Man kann einen „Wassily'' als Nachbau heute für ungefähr 2.200 Euro bekommen, eine Wagenfeld-Leuchte für circa 450 Euro. So viel zum Thema „volksnahe Preise für Bauhaus-Wohn-Einrichtungen“. 

Aber da ist ja immer noch die Zitronenpresse „Messina“! Die allerdings entstand schon nicht mehr im Bauhaus, denn WagenfeId übernahm 1935 die künstlerische Leitung der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) in Weißwasser/Oberlausitz. Dort legte er entsprechend dem Ur-Anspruch des Bauhauses großen Wert auf die Standardisierung seiner Entwürfe für die Massenproduktion. Und die „Messina“ datiert von 1937/38. Ihre „Nachkommen“ sind heute für circa fünf Euro zu haben. Wenigstens hier hat es mit der Verbindung von „praktisch, schön und preiswert“ geklappt, wenn auch erst rund 80 Jahre später.  

1954 gründete er in Stattgart die Werkstatt Wagenfeld, die er bis 1978 betrieb. 1990 starb Wilhelm Wagenfeld in Stuttgart. Sein Grab befindet sich in Collex-Bossy (Schweiz) - aber sein Name ist und bleibt mit Weißwasser verbunden. Sichtbarer Ausdruck dessen ist „seine Straße“.

P.S.: Das Glasmuseum Forster Straße 12 hat Wagenfelds Wirken eine würdig-schöne Extra-Abteilung eingerichtet.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 14. Dezember 2020


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Aktualisierung: 19.12
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