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Hohe technische Anforderungen
Das Gaswerk der Stadt Weißwasser (Teil 4)

VON LUTZ STUCKA


Zu Beginn der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verlangten die stürmisch wachsenden Anforderungen an die Gasproduktion durch den Beginn der Bevorzugung gasförmigen Brennstoffes gegenüber der Verwendung der Feststoffe oft übermenschlichen Einsatz. Gerade die Zeit der Inflation brachte viele finanzielle Rückschläge.

Die damals herrschende allgemeine Geldarmut trat wie ein Gespenst auf. Dennoch forderte die Weißwasseraner Industrie immer mehr den gasförmigen Brennstoff für ihre Produktion. Zur Nachbehandlung und Veredlung von Spezialglaserzeugnissen mussten zum Beispiel Oberflächen besonders gehärtet werden oder es wurden zusätzliche Materialien in die Glasoberfläche eingesetzt. Dafür waren besonders hohe Temperaturen nötig. Dieser Entwicklungsschub stellte dem Weißwasser Gaswerk Anforderungen, denen es technisch und finanziell langfristig nicht gewachsen war. In den Jahren 1923/24 erfolgte die Errichtung einer Generatorgasanlage, in welcher der glühende Braunkohlenkoks mit Wasserdampf mit oder ohne Luft durchblasen wurde. Das so erzeugte Hochtemperaturgas konnte in der Glasveredlung als Brenngas in Schmelz-, Glüh-, Härte- und Emaillieröfen verwendet werden.

Wenig später, 1925, erforderte es den Neubau des Elektro-Transformatorenhauses, welches die vermehrt eingesetzten Elektromotoren zum Antrieb der Ventilatoren, Filter, Pumpen, Schredder usw. versorgen musste. Diese Betriebsumrüstung und die Modernisierungsarbeiten erforderten reichlich finanzielle Mittel, die nur allmählich aus verschiedenen Quellen beschafft werden konnten. Die Gasversorgung, die nicht nur für die Industrie stand, sondern auch im besonderen Interesse der Kommune lag, fühlte sich der Leitung des Gaswerkes gegenüber zur Mithilfe gezwungen. Im Dezember 1926 beschloss die Gemeindevertretung, für das Gaswerk eine Bürgschaft von 300 000 Mark zu übernehmen. Die Bedingung dafür war: das Unternehmen verpflichtet sich, von dem Betrag eine Risikoprämie von einem Prozent an die Gemeinde zu zahlen und beim Ausbau möglichst viele Erwerbslose zu beschäftigen.

Anfang 1927 begannen die Arbeiten und endeten im August des folgenden Jahres. Für die Aufnahme der künftigen Mehrproduktion kam ein dritter Gasbehälter für siebentausend Kubikmeter gewonnenen Brennstoffs hinzu.

Die vollständige Inbetriebsetzung des modernisierten und erweiterten Gaswerkes im Jahr 1928 bewirkte eine Leistungsfähigkeit von siebentausend Kubikmeter Steinkohlengas in 24 Sunden. Die Filter und Zusatzapparate waren allerdings für zehn- bis zwölftausend Kubikmeter ausgelegt, sollte eine spätere, nochmalige Erweiterung notwendig werden. 28 Arbeitskräfte sorgten täglich für den reibungslosen Produktionsablauf, denn einen Ausfall des Betriebes konnte man sich allerdings nur für einen Tag leisten, wenn die Gasbehälter komplett gefüllt waren, die Speicherkapazität war eben begrenzt. Im Jahr 1928 wurde ein neuer Vertrag mit der Gaswerk Aktiengesellschaft erforderlich. Der Gemeindeverwaltung von Weißwasser oblag die Entscheidung, das Vertragsverhältnis weiter bestehen zu lassen oder das Werk durch Ankauf vollständig in das Eigentum der Gemeinde zu übernehmen. Ein Ergebnis dieser Verhandlung ist nicht bekannt. Überliefert wurde lediglich, dass Gasmeister Karl Kreisel als technischer Leiter künftig handeln werde. Kreisel war der erfahrenste Mann im Werk und seit Beginn im Jahr 1900 hier tätig.

Anfang der dreißiger Jahre wurden nun jährlich etwa 450 Eisenbahnwaggons Kohle entgast und daraus als »Abfallprodukt« etwa 210 Waggons Koks erzeugt. Die durchschnittliche Tagesleistung betrug zu dieser Zeit etwa fünftausend Kubikmeter Gas. In den, auf dem Werksgelände befindlichen Gasbehältern, konnten 6600 Kubikmeter gespeichert und nach Bedarf in das 31 Kilometer lange Hauptverteilungsnetz geleitet werden. Diese Teleskopbehälter erzeugten auch den nötigen Druck, den das Gas benötigte, um beim Verbraucher aus der Leitung zu strömen. Das hergestellte Medium, das leichter als Luft ist, gelangte in die Behälter, die mechanisch nach oben auseinandergezogen wurden. War einer dieser Speicher voll, wurde die Zuleitung geschlossen und die Abgangsleitung geöffnet. Anschließend wurden die Behälterwandungsringe von den Aufzugsseilen gelöst und diese drückten nun durch ihr Eigengewicht nach unten auf das innen befindliche Gas und gewährleisteten so einen ständig gleichbleibenden Druck auf das Medium in den Leitungen bis hin zu den Verbrauchern. Während der Gasentnahme sackten die Behälter langsam in sich zusammen. War einer leer, zog man die Kuppel wieder nach oben, die Ringe somit auseinander und es konnte erneut Gas einströmen. lzs1

Zum Thema:
1903. Der Verbraucher sollte für den Betrieb eines Beleuchtungsbrenners, welcher mit der Leuchtkraft einer etwa 60 Watt starken elektrischen Glühbirne zu vergleichen war, für jede Brennstunde drei Pfennige an das Gaswerk Weißwasser bezahlen. »Consumenten, welche Gaskocher an unser Werk angeschlossen haben, erhalten eine Flamme zum Kochgaspreise, mithin noch 30 Prozent billiger«, gab eine Werbeschrift bekannt. 


Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 18.11.2010


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Aktualisierung: 20.11.2010


 

Westseite des Gaswerkes. Rechts das Kammerofengebäude, links der Kohleschredder. Das kleine Gebäude in Bildmitte ist noch heute vorhanden.
Foto: privat