Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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lasmuseum Weißwasser !

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Von Tradition und Zukunft dieser Stadt

VON PATRICK PIRL
 



Weißwasser ist und war Glasmacherstadt. Unzählige Bezüge sind hierzu bei einem Gang durch die Stadt zu finden. Die Historie ist bekannt und reichhaltig: hervorragende Standortbedingungen für das Erzeugen von Glasprodukten – die Verfügbarkeit der Rohstoffe Sand, Holz und Kohle sowie die hervorragende Verkehrsanbindung an die Eisenbahnlinie Görlitz-Berlin 1866/67 – verhalfen Weißwasser mit der Gründung der ersten Glashütte „Zwahr, Neubauer & Co.“ zu der langanhaltenden Tradition (*1). Anfang des 20. Jahrhunderts verfügt Weißwasser über 11 verschiedene Glas-Betriebe, die Stadtbevölkerung ist zu dem Zeitpunkt von 600 auf 15.000 angestiegen, fast drei Viertel der erwerbstätigen Bevölkerung arbeiten im Glas-Sektor. Kurz vor der politischen Wende werden in der Region Weißwasser ca. 60% des Wirtschafts- und Bleiglases der gesamten DDR hergestellt, über 37.000 Menschen wohnen in der Stadt. Heute hat das Thema „Glas“ nur leider längst nicht mehr den Stellenwert, den es bis in die späten 1980er-Jahre für die Stadt hatte – zumindest ökonomisch. Der emotionale Stellenwert war und ist nach wie vor hoch. Mit dem Siegeszug der freien Marktwirtschaft und der Öffnung der Märkte seit der Wiedervereinigung waren weder nostalgische Befindlichkeiten noch reale persönliche Biografien und sozio-ökonomische Fakten im kapitalistischen Sinne so relevant, dass dieser lokale, identitätsstiftende Wirtschaftszweig vor dem globalen Wettbewerb hätte geschützt werden müssen. Nach dieser Logik, die nach ihren Verfechtern – einem Naturgesetz gleich – niemals irrt, waren billigere Produktion internationaler Konkurrenten und mithin die Verdrängung der regionalen Produzenten aus diesem Wettbewerb die unmittelbare und leider auch faktische Folge. Was zurückblieb: leere Fabrik-Gebäude, arbeitslose Menschen, sinkende Kaufkraft, Rückgang des Einzelhandels, Wegzug etc.

Aber: hier wird immer noch gelebt, hier wird immer noch Glas produziert, hier wird die Tradition der Glasmacher-Kunst immer noch gepflegt, erinnert und versucht neu zu beleben.

Das ehemalige Volkseigene Kombinat „Lausitzer Glas“ auf dem Gelände der dritten Weißwasseraner Glashütte „Oberlausitzer Glaswerke J. Schweig und Co.“ wird unter der Marke Stölzle Lausitz von der österreichischen Firmengruppe Stölzle betrieben. Aufbauend auf der Tradition der örtlichen Glasmacher-Kunst fertigt das Unternehmen maschinell in vier Produktionslinien u. a. Kelchgläser und genießt internationales Ansehen für die Qualität seiner Produkte. Stölzle ist darüber hinaus einer der größten Arbeitgeber in der Stadt. Die Telux Glasproducts- & Components GmbH auf dem Gelände des als „Neue Oberlausitzer Glashütten Schweig und Co.“ gegründeten und zu DDR-Zeiten bekannten „Spezialglaswerks Einheit“ stellt immer noch Gemenge her.

Im Glasmuseum wird die reichhaltige Glas-Geschichte Weißwassers bewahrt und erfahrbar gemacht. Seit 1996 zu Hause in der Villa des ersten erfolgreichen Glas-Fabrikanten Weißwassers – Wilhelm Gelsdorf – hat sich das Museum zu einer einmaligen Institution entwickelt, das in den gesamten ostdeutschen Bundesländern (und wohl auch darüber hinaus) seinesgleichen sucht. Hier wird der erleuchtet, der u. a. zu Historie, Technologien der Glasproduktion und Biografien von Persönlichkeiten mit Bezug zur Glasproduktion im Dunkeln tappt. Darüber vermitteln Bau- und Kulturdenkmale, wie der Glasmacherbrunnen vor dem Bahnhof, der Neue Glasmacherbrunnen am Boulevard, die ehemalige Gelsdorfhütte und vieles mehr dem Betrachter einen kurzen Ein- und Rückblick in die Weißwasseraner Glas-Biografie.

Nicht nur im nostalgischen Sinne

Neben diesem Bestehenden werden auch neue Versuche unternommen, die Glasmacherhistorie Weißwassers in Gegenwart und Zukunft weiter fest zu verankern. Genau dieser Anspruch findet sich im Motto des nun schon zum zweiten Mal umgesetzten Weihnachtsmarktes „Weihnachten in der Glasmacherstadt“ auf dem Telux-Gelände wieder. Hier wurde nicht nur in nostalgischem Sinne an die Tradition erinnert: Der von Mitarbeitern des SKZ Telux eigens angefertigte Glasmacher-Schwibbogen hieß die Besucher willkommen; in originaler Montur ausgestattete „Glasbläser“ trugen den ersten Weißwasseraner „Glasmacherstollen“ zum Anschnitt durch Bäckermeister Maik Mersiovsky auf die Bühne. Es wurden hier bereits konkrete Ansätze und Pläne für künftige Zusammenarbeiten in Sachen „Glas“ „gesponnen“: Neben dem Thüringer Glasbläser Horst Tappert konnte auf Vermittlung des Glasmuseums Weißwasser und mit Unterstützung lokaler Unternehmen das Team um den tschechischen Glaskünstler Jiří Pačinek als Aussteller für den Markt gewonnen werden. Die Glaskünstler waren derart begeistert, dass bereits Gespräche über einen intensiven, regelmäßigen Austausch zur Zusammenarbeit auf dem Telux-Gelände geführt werden. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, auch die Forschung zum Thema Glas wieder in Weißwasser zu verankern und somit Kontakte zu Hochschulen und Forschungs-Instituten zu verstetigen.

Die Tradition wird also in der Gegenwart wiederentdeckt und zum Teil neu erschlossen. Gewiss liegt hier einer von vielen weiteren Aspekten, der unsere Stadt „zukunftsfest“ werden lässt.

(*1) Zur Entwicklungsgeschichte der Glasindustrie in Weißwasser siehe: Hans-Dieter Marschner, 2005 – Die Entwicklung der Glasindustrie in Weißwasser, in: Neuste Nachrichten Nr. 8 vom 02.09. 2005

Unser Autor Patrick Pirl lebt seit 2017 wieder in der Lausitz. Mit seiner Partnerin hat er das Projekt 1NITE TENT ins Leben gerufen und arbeitet im Bereich Kultur- und Veranstaltungsmanagement in Weißwasser. Hier erzählt er von seinen Beobachtungen zu gesellschaftlichen und kulturellen Dynamiken in der Region.



 
Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 30.11.2019


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Aktualisierung:
19.12.2019