Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Schimmernd wie ein Stern
Glas ist ein ganz besonderer Stoff, findet der Lausitzer Glasmachermeister Dieter Tusche. In seiner Manufaktur kann man sehen, wie Glas atmet, sich bewegt – und sich entspannt 

VON CHRISTINA WITTIG-TAUSCH


Dieter Tusche ist ein Idealist. Auf den ersten Blick sieht man ihm das nicht an. Er wirkt nicht wie ein klassischer Stürmer und Dränger, jung, ungebärdig und voller Träume. Der Glasmacher aus Rietschen ist 64 Jahre alt. Er hat graues Wuschelhaar, einen Schnauzbart und verströmt eine große Ruhe, wie er da so steht in seinem Werkstattladen und Wasser in ein großes Becken füllt. Dieter Tusche hat durchaus einen Traum: Er will sein Handwerk und seine kleine Manufaktur erhalten. Er will so lange wie möglich Glas mit Mund und Hand formen und den Menschen zeigen, wie schön, wie außergewöhnlich Glas, besonders das handgefertigte, sein kann. Er gehört zu den wenigen Menschen in der Lausitz, in Sachsen und in Deutschland, die arbeiten wie vor Jahrtausenden die Glaskünstler. »Es ist wichtig, dass dieses Wissen nicht verloren geht", sagt er.  

Fast täglich steht Tusche in der Werkstatt. Jetzt in den Wintermonaten in Rietschen, ab Ostern in der Schwarzen Straße in Görlitz. Heute möchte er farbige Glaskugeln herstellen. Es ist kühl in der Werkstatt. Der Wintertag will gar nicht richtig hell werden, und so ist es auch in dem hohen Raum mit dem groben Holzfußboden ein wenig dämmrig. Tusche blickt prüfend auf eine Tonne, in der mehrere eiserne Stangen stehen: Seinewichtigsten Arbeitsinstrumente, die Glasmacherpfeifen, erfunden vor mehr als 2000 Jahren. Dieter Tusche ergreift eine der Pfeifen. wendet sich dem großen, eisernen Behälter zu. der in der Mitte der Werkstatt steht und drückt auf einen Knopf. An dem Ofen öffnet sich eine Klappe. Dahinter brennt und glüht es in einem durchdringenden Gelb- orange -1240 Grad laut digitaler Anzeige.  

Es ist. als sei plötzlich Bewegung im Raum, Helligkeit, Leben. Ein warmer Strom verdrängt die Kühle. Man versteht schlagartig. warum der Glasmachermeister ein kurzärmeliges Hemd trägt und auf einer Holzbühne arbeitet: Fällt ein glühen- des Teil unbemerkt zu Boden, kokelt und raucht es und Tusche kann reagieren. Mitten in das Feuer hält er jetzt die Pfeife, zieht sie rasch zurück. Am Ende der Stange hängt ein glühender, weicher Batzen. der lebendig wirkt. so. als atme er leicht: Geschmolzenes, heißes Glas. Aus dem Batzen will Dieter Tusche eine ungefähr zehn Zentimeter große Kugel formen. Eine dieser Kugeln. wie man sie an Zimmerdecken hängt oder in Blumentöpfe steckt. 

Viel Zeit hat der Glasmachermeister nicht dafür: Kaum aus dem Ofen geholt. beginnt das Glas zu erkalten. Oben wird es schnell starr, unten ist es weich und wirkt, als wolle es davon fließen. Tusche dreht die Pfeife hin und her in seinen Händen, schwenkt sie ein paar Mal vor und zurück: Die glühende Masse sackt noch ein wenig ab und nimmt die Form eines Tropfens an. Wieder schwenkt Tusche den Stab blickt unablässig auf den Batzen. "Das Glas bestimmt das Arbeitstempo. nicht der Glasmacher". sagt er. "Man muss immer die Temperatur im Auge haben. Ist das Glas zu weich. läuft es weg. Kühlt es zu schnell ab, geht es kaputt." Ihm läuft es selten davon, meint er. Schließlich ist er 64 und hantiert seit fast 50 Jahren mit Glas.

Zum Glas gekommen ist er eher zufällig. Tusche arbeitete in den Ferien in einer Glashütte. da war er 14. Zunächst lernte er, wie man Glasprodukte in den Kühlofen trägt. Später, als Lehrling, wie man das flüssige, bisweilen eigensinnige Glas am Metallstab hält. "Man muss sich anfreunden mit dem Glas, es aber auch beherrschen". sagt Tusche. "Da kann man nichts erquatschen. Die Hände müssen sofort umsetzen. was der Kopf sich ausdenkt."  

Es dauerte nicht lang. da hatte ihn das Glas gepackt. und als sein Betrieb dem jungen Glasmacher vorschlug. die Abteilung für Design und Gestaltung zu übernehmen. nahm er an. Nach der Wende wagte er den Sprung in die Selbstständigkeit. Noch heute fasziniert ihn das Glas, der Werkstoff und alles. was man aus ihm machen kann. Nicht nur schöne. kunstvolle Gegenstände. Glas steckt heute als industriell gefertigtes Massenprodukt in Geschirr, in Fenstern, in der Solartechnik, in Touchscreens, in Telefonkabeln, in optischen Geräten, in Spiegeln, in Herdplatten, in Isoliermaterial, in Textilien. Die meisten Menschen betrachten Glas als etwas völlig Selbstverständliches. Dabei ist Glas ein ganz besonderer Stoff: Es ist sehr alt, im Prinzip einer der ältesten Kunststoffe der Menschheit. "Alles, was es auf der Erde gibt, steckt im Glas", sagt Dieter Tusche. Feuer, Stein, Salz. Chemisch betrachtet handelt es sich bei Glas um eine Flüssigkeit, die erstarrt, ohne dass es zur Bildung von Kristallen kommt. In der Natur, in der Umgebung von Vulkanen etwa, kommt natürliches Glas vor. Es entsteht, wenn durch große Hitze Quarz geschmolzen wird, ist meist schwarz und heißt "Obsidian".  

Schon seit der Steinzeit bearbeiteten und nutzten die Menschen dieses Vulkanglas; ebenso wie Tektite, Glasmeteorite. Beide Glasarten sind sehr hart, ihre Bruchkanten sehr scharf. Deshalb wurden sie in den frühen Hochkulturen in Asien, am Mittelmeer und in Amerika gern als Messer, für Werkzeuge und für Waffen genutzt. Obsidian war vor gut 5000 Jahren ein begehrtes Handelsgut, sozusagen das schwarze Gold der Vorgeschichte: Zwar leicht zerbrechlich. wenn man es falsch anpackte und bearbeitete, aber langlebig, ging man richtig damit um. Schon am Obsidian lässt sich die Geschichte der menschlichen Gier erahnen. Billige Arbeitskräfte bauten wohl das Naturglas in entlegenen Gebieten ab, auf langen, gefahrvollen Wegen wurde es transportiert - und vermutlich gewinnbringend verkauft.  

Wann und wie genau die Menschen lernten, Glas künstlich herzustellen. ist nicht geklärt. Vielleicht im dritten Jahrtausend vor Christus. Wahrscheinlich war es eine Entwicklung in mehreren Gebieten, in Mesopotamien, im Alten Ägypten. Möglicherweise entstand Glas als Nebenprodukt beim Brennen von Töpferwaren oder bei der Kupferschmelze. Vermutlich wurde es zufällig entdeckt, wie der römische Gelehrte Plinius der Ältere berichtet: Einst fuhren Kaufleute auf einem Fluss bei Betlehem. Ein Sturm kam auf, die Besatzung rettete sich an Land. Sie machten ein Feuer, als Steine dienten ihnen Sodabrocken aus ihrer Ladung. Einer der Männer stutzte: Er hatte mit einem Stock in der Glut gestochert. Als er ihn hochhielt, tropfte eine zähe Flüssigkeit herab und erstarrte im feuchten Sand. Jemand griff nach dem Tropfen, verbrannte sich, ließ ihn fallen. Der Tropfen zersprang und offenbarte eine glatte Bruchfläche. "Das sieht aus wie der scharfe Stein", stellten die Männer fest - wie der begehrte Obsidian.  

Zwar reichen Lagerfeuer nicht, um Sand zum Schmelzen zu bringen, anschaulich ist die Geschichte dennoch. "Nimm 60 Tei- le Sand, 180 Teile Asche aus Meerespflanzen, 5 Teile Kreide - und du erhältst Glas", notierte der assyrische König Assurbanipal auf einer Tontafel um 650 vor Christus. Auch heute noch kommen Sand, Kalk und, um den Sand schneller flüssig zu machen, Soda oder Pottasche in den Glashütten in einen Ofen. Durch die Beimischung anderer Stoffe kann das Glas variiert werden. Bei 1400 bis 1600 Grad schmelzen diese Bestandteile und werden zu Platten, Stangen, Zylindern oder Briketts geformt, die Glasbetriebe oder Glasmacher dann erneut schmelzen und weiterverarbeiten.  

Dieter Tusche tunkt jetzt den glühenden Batzen in einen Behälter mit Farbgranulat, das aussieht wie bunte Krümel, und hält die Pfeife kurz in den Ofen. Die Krümel schmelzen. Tusche setzt die Pfeife an seinen Mund und bläst in das Glas. Der glühende Tropfen bläht sich auf zu einer transparenten Kugel mit bunten Streifen. In einem Löffel aus Birnenholz kühlt das Glas ein wenig ab. Der Löffel ist mit Wasser getränkt, damit er sich nicht entzündet. "Die Kugeln sind relativ einfach", sagt er. Schwieriger ist das, was frei geformt wird: Schüsseln, Vasen, Windlichter, Flaschen, Kelche. Sie sind auch dicker als die Kugeln und brauchen im Kühlofen zehn bis zwölf Stunden, um sich, wie die Glasmacher sagen, allmählich "zu entspannen". Kühlt Glas zu schnell aus, kann es explodieren.  

Kaum war das Glas entdeckt, wurde es intensiv genutzt. In allen Kulturen wurde es gefärbt mit metallischen Zusätzen, bemalt, verziert, geschliffen, graviert. Die Glasmacher im Alten Ägypten tauchten einen mit Sand gefüllten Leinensack oder etwas Ton in flüssige Glasmasse. Nach dem Erkalten entfernten sie den Kern, schliffen und bemalten das Glas. Die Herstellung war also aufwendig und teuer. Als um 100 vor Christus - vermutlich in Syrien - die Glasmacherpfeife erfunden wurde, war das eine Revolution. Die Blasrohre ermöglichten es, mehr zu produzieren, die Gefäße waren dünner und gleichmäßiger. In Syrien wurde Glas auch erstmals entfärbt durch den Zusatz des Manganerzes Braunstein. Im Alten Rom liebte man die transparenten Gläser, die an einen Kristall erinnerten. und bezahlte viel Geld für sie.  

Über das Römische Reich gelangte das Glas zu den Germanen, meist in Form von Schmuck. Die Germanen nannten den ihnen bis dahin unbekannten Stoff "Glasa" - ihr Wort für "Bernstein" und für, "glänzend", "schimmernd". Die Germanen sahen Glas nicht nur als Gebrauchsgegenstand, sondern als religiöses Utensil. Glasbehältnisse dienten als Urne, und den Toten gab man Gaben mit ins Grab, die in Glas verpackt waren. Auch in der islamischen Welt lebte das Glashandwerk fort, schließlich befand der Koran, dass "das Glas einem flimmernden Stern gleicht". Die christliche Kirche trachtete um das neunte Jahrhundert danach, das Glas zu verbieten, sah man es doch als Bestandteil heidnischer Bräuche. Aber ausgerechnet die Klöster sorgten dafür, dass das Glas Europa allmählich wieder eroberte: Für ihre alkoholischen Produkte, mit denen sie handelten, brauchten die Mönche günstige, haltbare Behälter, und auch die Kirche erkannte. Dass Glasfenster nicht nur praktisch sind - sondern, im Verbund mit Licht und Farben, bestimmte Gefühle auslösen, die dem Glauben zuträglich sein können: Ehrfurcht, Wärme, das Empfinden von Schönheit und Klarheit.  

Wo überall es in Europa genügend Wald und geeigneten Sand gab, entstanden Glashütten und Werkstätten. Auch in Sachsen, besonders im Erzgebirge, und in Böhmen existierten zahllose Hütten. Meist waren das Bretterbuden. War der Holzvorrat erschöpft, zogen die Glasmacher weiter. Maschinen und neue Techniken sorgten dann ab dem 19. Jahrhundert dafür, dass Glas billiger und schneller hergestellt werden konnte. Bierflaschen zum Beispiel. Und riesige Glasplatten, wie man sie in der modernen Architektur für gewaltige Fenster und Decken benötigt, entstehen heute nicht mehr in kleinen Ofen, sondern in großen Wannen in heißen Metallbädern.  

Am späten Nachmittag bringt Dieter Tusche die letzte Kugel in den Kühlofen. Morgen will er Weingläser machen. In seiner Werkstatt kann man sehen, wie die Globalisierung die Welt verändert hat. Der normale junge Mensch von heute kauft seine Trinkgläser im Supermarkt oder im Möbelhaus. Die Gläser kommen aus China oder Russland oder sonst einem Land, in dem billig produziert wird. Das maschinell gefertigte Stück ist manchmal für nur einen Euro zu haben. Jedes Glas sieht so aus, wie man sich das vorstellt heutzutage: Gleich groß, ebenmäßig und durch und durch glatt. Weil die Industriegläser so günstig sind, werden sie gern kistenweise gekauft.  

Dieter Tusche stellt ebenfalls Wein- und Trinkgläser her. Sie sind transparent oder grün, und dieses Grün ist mal heller, mal dunkler. Jedes Glas sieht anders aus, wenn man genau hinsieht. Dreht man die Gläser um, sieht man einen Knubbel: Das ist die Stelle, wo Tusche den Stiel von der Glasmasse abgetrennt hat. Seine Gläser kosten zehn Euro das Stück, manche mehr, je nach Größe. Zu vielen Gläsern kann Tusche eine Geschichte erzählen: Die großen Humpen etwa sind eine Spezialanfertigung für eine Kneipe in Berlin, auch Gregor Gysi trinkt aus Tusches Humpen gern sein Bier. Daneben stehen Mecklenburger Kelche und Sächsische Stengelgläser, wie schon August der Starke sie gern bei Tisch verwendete. Tusche hat auch Mega-Weingläser im Angebot, das "spart den Dekanter". "Meist braucht man ja doch nur ein Glas pro Person im Haushalt", sagt Tusche. Aber die Menschen kaufen eben kistenweise China-Gläser, und wenn ein Glas kaputtgeht, wird die nächste Kiste angeschafft.  

Dennoch, Dieter Tusche ist ganz  zufrieden mit seinem Dasein, auch wenn er mit seinem Betrieb keine Reichtümer erwirtschaftet. Er liebt seine Arbeit, hat Nischen für seine Manufaktur gesucht und verschiedene gefunden: Er restauriert historische Fenster, die dazu nötigen Tellerscheiben oder die runden, relativ kleinen Butzen stellt er selber her. Er denkt sich Neues aus, wie den Kerzenhalter, bei dem das Glas über eine Kante zu fließen scheint. Außerdem mag er es, historische Produkte zu studieren und nachzubauen. Das Goethe-Barometer zum Beispiel. Oder die Schusterleuchte, eine Kugel, die verbunden ist mit einem schmiedeeisernen Leuchter. Das Licht der Kerze wurde durch eine Glaskugel vervielfacht. So konnten Handwerker ihre Angestellten lang arbeiten lassen, mussten aber nicht ständig teure Kerzen anschaffen. Stolz ist Tusche auf seine Fliegen- und Wespenfalle, die er für ein auf Handarbeiten spezialisiertes Versandhaus herstellt. Die Falle besteht aus einer bauchigen Flasche, die eine Schale birgt, nach unten jedoch leicht geöffnet ist. "Diese Falle war früher weit verbreitet", erzählt er. Aber dann kamen in den 1920er-Jahren die chemischen Mittel auf."

Doch, es gibt sie noch, die Nischen für klassische Glasmacher. Auch der Dresdner Thomas Körner hat welche für sich und seinen Betrieb entdeckt. In Körners Glaswerkstatt im Plauenschen Grund werden ebenfalls historische Bleiglasfenster restauriert und nachgebaut, aber dort kann man sich auch angucken, wie Glas mithilfe von neuen Techniken und chemischen Zusätzen heute bearbeitet, extrem gebogen, stabiler gemacht und vielseitig verwendet wird: Als kratzfeste Küchenarbeitsplatte zum Beispiel, als Waschbecken, Brunnen, Sitzbank, Fliese. Glasplatten können mit Farbfotos bedruckt werden und dienen als Wand in Bädern oder Küchen, als Tür oder Duschabtrennung. Während einer von Thomas Körners Mitarbeitern gerade an einem historischen Kirchenfenster arbeitet, zeigt der Glasmacher auf eines seiner jüngeren Produkte: Ein Kunde brachte die bunte Zeichnung seines Kindes mit, die an ein abstraktes Gemälde erinnert. Körner machte daraus ein Glasfenster, das noch bunt und farbenfroh schimmern wird, wenn das Kind schon längst groß ist.  

Sowohl in der Glaswerkstatt Körner als auch bei Dieter Tusche kann man sich versuchen beim Glasbearbeiten. Infos: www.glaswerkstatt.de und www.glaskunst-lausitz.de

Quelle: Sächsische Zeitung, Magazin, vom 19/20.01.2013


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Aktualisierung: 19.01.2013


 

Foto: R. Michael