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Bauhaus-Objekt:
Weißwassers Neufert-Bau bekommt Notbedachung
Derzeit wird Weißwassers Neufert-Bau gesichert. In wenigen Wochen bekommt das Bauhaus-Objekt wieder ein Dach. Doch komplett geschlossen wird es nicht sein – aus finanziellen Gründen.

Von Christian Köhler


Der Regen der vergangenen Tage macht das Dilemma des Neufert-Bau in Weißwasser deutlich. In Strömen sei das Wasser im Inneren die Wände hinter gelaufen. Kein Wunder, ist das Dach des denkmalgeschützten Bauhauses doch offen. Das soll sich nun endlich ändern. Zu diesem Zweck hat der Neufert-Bau-Verein um dessen Vorsitzenden Professor Holger Schmidt schon vor Jahren damit begonnen, Fördermittel für die Sicherung des 1935 bis 1936 errichteten Lagergebäudes zu akquirieren. Diese werden nun eingesetzt.

Bausicherung und neues Dach für Weißwassers Neufert-Bau

In der jüngeren Vergangenheit haben sich bereits Experten der Gebäudehülle angenommen und schwerwiegende Schäden festgestellt, die nun in einem ersten Schritt behoben werden sollen. Ein erster Schritt ist bereits geschafft. „Unsere erste Bauphase umfasst im Wesentlichen zwei Ziele“, klärt Architekt Roland Ladusch auf, der ebenfalls Vereinsmitglied ist. Es gehe darum, ein Notdach auf das Gebäude zu bringen und bestehende statische Probleme, die bei den Stahlverstrebungen durch Rost aufgetreten sind, zu beheben. Letztere sind alles andere als einfach gewesen. „Wir haben zunächst Proben des Stahls nehmen lassen“, berichtet Holger Schmidt. An der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg ist festgestellt worden, dass der Stahl sich im guten Zustand befindet und geschweißt werden kann. Folglich sind auf der vorletzten Ebene des ehemaligen Glas- und spätere Konsumlagerhauses etwa ein Quadratmeter große Mauerstücke abgetragen worden, um die beschädigten Stahlstreben herauszuflexen und neuen Stahl wieder einzubringen. „Und ich muss sagen, die Baufirma hat wirklich gute Arbeit geleistet, denn man sieht nicht mehr, dass das Mauerwerk einmal offen war“, sagt Roland Ladusch anerkennend. Leider habe man nicht alle beschädigten Tragsäulen fachgerecht erneuern können. „Dafür hat schlicht das Geld nicht gereicht“, muss Holger Schmidt einräumen. Der Verein setzt darauf, dass auch im kommenden Jahr die zweite Bauphase mit weiteren Fördermitteln angegangen werden kann.

Geld reicht nicht für ganze Sicherung

Denn: Auch das Dach wird nicht komplett geschlossen werden können. Auch hier reichen die finanziellen Mittel für den ersten Sicherungsabschnittes des Gebäudes nicht aus. Insgesamt werden nach Vereinsangaben im ersten rund 150 000 Euro investiert. „Vorgesehen ist, dass wir das Dach über die Hälfte schließen“, sagt Architekt Roland Ladusch. Dabei handelt es sich um eine Notbedachung aus Blech, die rund 30 Jahre halten dürfte. „Wenn wir noch mehr Mittel zur Verfügung hätten, könnten wir dies denkmalgerecht machen, aber das steht in den Sternen“, sagt der Vereinsvorsitzende.
Den Vereinsmitgliedern geht es allerdings in erster Linie darum, dem Bau nicht weiter dem Verfall preiszugeben. Allein die Sicherung des Gebäudes, schätzt der Neufert-Bau-Verein, werde insgesamt 400 000 Euro kosten. „Ideen für eine Nutzung gibt es viele“, berichtet Gregor Schneider. Von einer Ausstellung mit Fundstücken aus dem Tagebauvorfeld Nochten bis hin zur Wiederbelebung als Lagerhaus sei alles möglich. Dem Verein ist darüber hinaus klar, dass in Weißwasser auch kritische Stimmen existieren, die lieber das Volkshaus saniert sähen. „Uns geht es hier nicht um ein Gegeneinander, sondern einzig um die Sicherung des Gebäudes“, bekräftigt Roland Ladusch.

Neufert-Bau wird eine Herkulesaufgabe

Er verweist auch darauf, dass Ernst Neufert, der Architekt des Baus, eine überragende Bedeutung in der Architekturgeschichte und des Bauhauses hatte. „Insofern geht es auch darum, einen Schatz zu sichern, den Weißwasser bislang ungenutzt in seinem Zentrum zu stehen hat“, sagt er. Nach und nach nämlich werde das einstige Lagerhaus zur Pilgerstädte für Architekturbegeisterte, Studenten und Bauhäusler. Immerhin ist der Neufert-Bau in Weißwasser ein Vorbild, an dessen Aufbau sich noch heutige Lagerhäuser messen. „Und ich habe den Eindruck, dass man in Weißwasser mehr und mehr versteht, welche Bedeutung man hier vor Ort damit hat“, sagt Roland Ladusch abschließend.

Ernst Neufert

Ernst Neufert (1900 - 1986) war Schüler von Walter Gropius, dem Gründer des Bauhauses. Gropius zählt damit zu den Mitbegründern der modernen Architektur. Ernst Neufert selbst war Architekt, arbeitete von 1936 bis 1944 für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke. Für Weißwasser entwarf er das Lagerhaus an der Schmiedestraße sowie das Direktorenwohnhaus Dr. Kindt (heute Bautzener Straße). Neufert entwarf zudem Fabrikanlagen in Weißwasser, Tschernitz und Kamenz. Neuferts „Bauentwurfslehre“ zählt noch heute zu den Standardwerken für Normung und Bauplanung.

Zwar war Ernst Neufert kein Mitglied der NSDAP, allerdings ist er von den Machthabern während des Dritten Reiches geschätzt und gefördert worden. Er wurde 1943 zum Reichsbeauftragten für Baunormung ernannt. Nach dem Krieg war er als Architekt in Darmstadt tätig.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 19. Oktober 2020


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Aktualisierung:
25.10.2020


Prof. Holger Schmidt (l.), Karl-Heinz Melcher von der Denkmalkommission und Architekt Roland Ladusch haben sich vor Ort ein Bild von Weißwassers Neufert-Bau gemacht.
© Fotos: Ch. Köhler
Noch ist das Dach vom Neufert-Bau in Weißwasser nicht geschlossen.
Links ist die Sicherung der stählernden Streben zu erkennen, rechts sind die Arbeiten noch nicht angefangen. Deutlich sind Risse im Mauerwerk zu erkennen.
 
 
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