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Dem Leuchten auf der Spur
Harald Skala aus Obercunnersdorf erforscht Kirchenlüster. Und entdeckt fast Unbekanntes zur Glasgeschichte.

VON IRMELA HENNIG
 



Irgendwo muss er doch sein - der Lichtschalter! An den Wänden? Fehlanzeige. Im Vorraum? Auch nicht. Aber hinter dem Altar wird Harald Skala fündig. In einem Sicherungskasten sind die Kippschalter versteckt. Harald Skala muss sie nur noch runterdrücken und schon brennen die Lämpchen der beiden großen Leuchter. Es wird hell in der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Obercunnersdorfbei Löbau.

Kerzen tragen diese Kunstwerke aus Glas schon lange nicht mehr. 1911 wurde das Gotteshaus elektrifiziert. Da freilich hingen die Lüster aus Kristall schon lange. 1830 und 1883 waren sie von der "erwachsenen jugend" gespendet worden. So verraten es Inschriften. Irgendwann zwischen 1958 und 1962 wurden die beiden Lichtgeber dann vertauscht, haben die Plätze gewechselt. So viel hat Harald Skala schon herausgefunden. Doch ansonsten ist viel Forschungsarbeit nötig, will man der Geschichte der Kirchenleuchter in Oberlausitzer Gotteshäusern auf die Spur kommen. Denn dazu ist bislang wenig schriftlich festgehalten, hat der Wahlobercunnersdorfer Skala festgestellt

Seit einiger Zeit ist er nun unterwegs und versucht, im wahrsten Sinne des Wortes Licht in die Lichtergeschichte zu bringen. Inzwischen hat Skala, Jahrgang 1935, die Stadt Steinschönau als ein Zentrum der Lüsterproduktion früherer Zeiten ausgemacht. Heute heißt sie Kamenický Šenov, liegt in Tschechien, nicht weit entfernt von Ceská Lipa (Böhmisch Leipa).

Um 1724, so verraten die Aufzeichnungen, erhielt der Gürtler und Glasschleifer Josef Pallme aus dem zugehörigen Ortsteil Parchen (heute Prácheň) die Erlaubnis, Lüster und Lampen zu erzeugen. Nach und nach entwickelte sich hier ein florierendes Geschäft mit Leuchtern oder den Glasbehängen, die in den zahlreichen Glashütten der Region hergestellt worden sind. So wie 'Harald Skala recherchiert hat, gab es wohl mehrere Wege, bis zum fertigen Leuchter. Manche Manufaktur stellte nur die Glasbehänge her - also das. was an Glasschmuck von den Leuchtern herabhängt. Andere Betriebe bauten daraus die fertigen Lichtspender zusammen. Einige Unternehmen machten alles selbst. Und dann waren da noch die Großhändler, wie Pfeiffer und Riedl, die Lüster aufkauften und von Böhmen aus europaweit vertrieben.

Aber was heißt europaweit? Die Glaskunstwerke aus Steinschönau, aus der Gemeinde Sankt Georgenthal (heute Jiřetín pod Jedlovou) und anderen Orten der Region waren weltweit gefragt. Noch heute hängen Leuchter im japanischen Tokio, in Teheran im Iran und anderswo in der arabischen Welt Der Händler Franz Vogel hatte sich im 19. Jahrhundert sogar auf Glas im orientalischen Stil spezialisiert und gewann damit Preise. Und nebenbei: Für einen indischen Maharadscha wurde sogar eine ganze Sitzgruppe aus Glas gefertigt.

Heute freilich ist von den Glanzzeiten nicht allzu viel geblieben. Verkauft werden die Leuchter noch in Kamenický Šenov. Doch wer sie fertigt? Das muss Harald Skala herausfinden. "Aber ich bohre nach. Ich gebe keine Ruhe", sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Und man möchte in ihm den Historiker vermuten. Doch der ist er nur im Ehrenamt. Studiert hat er Maschinenbau. Hat lange für Siemens gearbeitet, sich aber schon von klein auf für Ge-
schichte interessiert, "und zwar für die Militärgeschichte aus der Zeit Maria Theresia“. Die regierende Erzherzogin von Österreich und Königin unter anderem von Ungarn und Böhmen lebte von 1717 bis 1780.

Jedenfalls hat Harald Skala diesem Thema seit seinem Ruhestand viel Zeit gewidmet. Das hat ihn zwar nicht direkt zu den Leuchtern geführt. Aber irgendwie hängt doch alles mit allem zusammen. Und vielleicht ist es auch nicht unerheblich, dass Harald Skala im Riesengebirge geboren worden ist. In Schatzlar, das heute den Na- men Žacléř trägt und in der Nähe von Trutnov zu finden ist. Die Mutter war Deutsche, der Vater Tscheche. Und so wuchs Skala zweisprachig auf Heute ist das ein großes Plus, wenn er sich im Nachbarland Tschechien auf historische Spurensuche begibt. "Ich kann nur leider kein Latein", bedauert der Unruheständler. Viele alte Dokumente sind aber genau in dieser Sprache verfasst. Doch das hält den Wahloberlausitzer nicht auf.

Dass er hier gelandet ist, ist schon beinahe Zufall. Lange hat er in Hessen gewohnt und gearbeitet. 1969 war er nach dem missglückten Prager Frühling und der Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Paktes zuerst zu einem Onkel nach Belgien gegangen, dann nach Deutschland. Dort blieb er. Bis zum Jahr 2010. Damals war das Ehepaar Skala nach Zittau gekommen. Harald Skala sollte dort einen Vortrag halten. Ehe es losging, blieb aber noch Zeit für einen Spaziergang über den Markt. Bei einem Immobilienhändler entdeckte er Umgebindehäuser, die zum Verkauf standen. Seine Frau war erst nicht begeistert. Hat sich dann aber mit der besonderen Bauweise befasst und fing schließlich auch Feuer. 20 bis 25 Hausbesichtigungen später waren die Skalas neue Besitzer eines Umgebindehauses in Obercunnersdorf.

Da Harald Skalas Tochter aus erster Ehe in Jablonec (Gablonz) lebt, war ihm die Gegend vertraut. Hier angekommen bestückte er sein Haus mit Bauernmöbeln, die er selbst bemalt hat. Verzierte seine Schuppenwand mit Soldatenbildern in historischem Stil. Und suchte sich dann Themen für seine geschichtlichen Ambitionen - in der Oberlausitz und dem nahen Böhmen.

Fündig wurde er unter anderem in Hainewalde. Die Geschichte derer von Kyaw, die das dortige Barockschloss erbauten, hat es ihm angetan. Die Lüster in der Kirche von Spitzkunnersdorf und schließlich auch die in Obercunnersdorf - vor allem die Tatsache, dass so wenig darüber bekannt ist - gaben dann den Anstoß zu einem weiteren Projekt. Zwar gibt es ein Fachbuch von einer Expertin der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten. Doch das widmet sich den Leuchtern in Museen und Schlössern, aber nicht denen in Gotteshäusern. Selbst Kirchengemeinden wissen wenig und sind erstaunt, über Harald Skalas Erkenntnisse. Und mit der Firma Gürtlerei Alwin Lahr (Metallbildner) in Freital hat er ein Unternehmen ausfindig machen können, das zumindest Bronzelüster restauriert.

13 Kirchen in der Oberlausitz hat sich Harald Skala mit Blick auf sein Thema angeschaut. Hat Fotos gemacht und viel gelesen. Weitere Gotteshäuser könnten folgen, wenn es die Zeit hergibt. Und wenn der Hobbyhistoriker in die Gebäude und an Archivmaterial kommt. Mit der Museumsleiterin von Kamenicky Senov plant er ein Buch über die Leuchter. Es wäre nicht seine erste Publikation. Harald Skala hat schon über andere geschichtliche Themen geschrieben. Hat zudem für Museen in der Slowakei und Tschechien die Identität von unbekannten oder falsch zugeordneten Porträtbildern geklärt. Überdies arbeitet er mit an einer kanadischen Internetseite über den Siebenjährigen Krieg - dafür liefert er unter anderem die Illustrationen.

Harald Skala knipst die Leuchter aus in der Obercunnersdorfer Kirche. Er könnte viel erzählen über . dieses Gotteshaus, die Emporenbilder, die lange unter einer Farbschicht verborgen gewesen sind. Oder über die Bronzeleuchter im Altarraum. Die stammen nicht aus Böhmen, sondern vermutlich aus dem Flämischen. Auch da ist noch einiges zu klären.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 19.12.2014


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Aktualisierung: 25.12.2014
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Harald Skala erforscht die Geschichte der Kirchenleuchter - auch in Obercunnersdorf
Foto: M. Weber