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Die Geschichte der schwarzen Maske
Eishockey-Legende Klaus Hirche nimmt die Füchse-Profis mit auf eine Zeitreise – dabei staunt vor allem ein Kanadier.

Von Berthold Neumann



Da liegt sie also. Als der „Mann mit der schwarzen Maske“ wurde Klaus Hirche in den 1960er-Jahren zur Eishockey-Legende. Mit diesem auffälligen Gesichtsschutz stand er im Tor bei Dynamo Weißwasser, das mit 15 DDR-Meistertiteln in Folge für eine Überlegenheit stand wie Bayern München im Fußball.

Als Hirche eine Mappe mit den Fotos früherer berühmter kanadischer Eishockey-Größen aufblättert, werden seine jüngsten Nachfolger neugierig. „Toll, Mister Hirche hat gegen unsere Legenden gespielt“, sagt Jonathan Boutin. Der Kanadier schaut sich mit den anderen Profis der Lausitzer Füchse eine neue Ausstellung im Glasmuseum Weißwasser an. Für die hat der 75-jährige Hirche Material aus der Geschichte des Puck-Sports zusammengetragen – inklusive seiner schwarzen Maske.

Die gehörte seinerzeit, anders als heute, nicht selbstverständlich zur Ausrüstung. „Die Urform der Maske habe ich beim kanadischen Torwart Sid Martin gesehen“, erzählt Hirche, der als Jugendlicher auf dem zugefrorenen Jahnteich und später im Kunsteisstadion von Weißwasser ohne Schutz spielte. „Mit Helm auf dem Eis? Ein richtiger Junge braucht so etwas nicht, hieß es damals.“ Hirche revidierte die Meinung nach 30 Kopfverletzungen, zumal seine Frau Christa protestierte, wenn ihr Klaus mit Nasenbeinbrüchen ankam.

Frontzähne ausgeschlagen

„Als mir ein Österreicher in einem Spiel alle Frontzähne am Oberkiefer ausschlug, musste ich handeln. Und ich habe mich sofort an Martins Maske erinnert“, sagt Hirche. Wie in der DDR üblich musste improvisiert werden. „Ein Zahnarzt nahm mir den Gipsabdruck ab. Aus Drahtgeflecht und Fiberglas wurde in der damaligen Tschechoslowakei das Teil gefertigt. Anschließend wurde sie schwarz lackiert.“

Hirche wurde damit national und international zum Schrecken der gegnerischen Stürmer. Beim Genfer Turnier von 1961 überrascht Weißwasser die westeuropäische Konkurrenz: Hirche zeigt die Rolex-Uhr, die er als Preis bekam. Eine reich verzierte Vase aus Meißner Porzellan erinnert an nationale Meriten. „Die hat uns mal Walter Ulbricht übergeben.“

Die meisten Fans außerhalb der Lausitz verbanden Weißwasser damals mit den legendären Länderspielen im brechend vollen Freiluftstadion. „Dort, wo wir heute spielen?“, fragt Boutin staunend. „Ja, genau dort stand das Stadion“, bestätigt Hirche, und er erzählt: „Das waren Feiertage, da kamen die Leute aus allen Himmelsrichtungen. Eine unbeschreibliche Stimmung.“

Wie beim legendären 3:3 der DDR 1965 gegen die Gala-Formation der Sowjetunion. „Der ,Sbornaja‘ ein Remis abgetrotzt zu haben, galt damals fast als Majestätsbeleidigung.“ Hirche wurde dafür nach dem Spiel vom sowjetischen Weltmeister-Trainer geadelt. „Hätten wir einen Hirche im Tor, wären wir noch schwerer zu bezwingen“, sagte damals der als sehr wortkarg in Erinnerung gebliebene Arkadi Tschernyschew.

Und als die Kanadier – in der Zeit des Kalten Krieges mit all seinen Beschränkungen – nach Weißwasser kamen, konnte selbst die strenge Volkspolizei die Leute nicht mehr halten. „Das Stadion hatte schon mit 12 000 Zuschauern seine Kapazität erreicht. Gegen die Kanadier standen aber bis zu 18 000 Leute auf den Rängen. Da konnte keiner mehr umfallen“, berichtet Hirche. „Das war eine zusätzliche Motivation für uns. Auch dem großen Kanada trotzten wir ein Unentschieden ab.“

Boutin und die anderen Profis staunen weiter, welche Bedeutung das kleine Städtchen im Eishockey einst besaß. „In einigen Jahren stellten wir sechs bis neun Spieler in der Auswahl“, sagt Hirche. Die große Weißwasser-Fraktion dominierte die Auswahl noch in jener Zeit, als auch Dresden, Crimmitschau, Rostock und andere in der Oberliga spielen durften. 1972 schrumpfte das DDR-Eishockey zum Mikrokosmos – nach einem Beschluss der DDR-Sportführung gab es nur noch die Mini-Liga mit Dynamo Weißwasser und dem SC Dynamo Berlin, dem Vorgänger der heutigen Eisbären.

Hirche spricht noch heute von Glück, „dass uns damals eine Olympia-Teilnahme vergönnt war“. Die Winterspiele im französischen Grenoble 1968 habe er genauso empfunden wie andere Sportler. „Es gibt nichts Größeres. Und ich, der Jüngste aus einer Familie mit sechs Kindern, durfte das erleben.“ Ungetrübt war die Freude jedoch nicht. Schon vor dem ersten Turnierspiel erlitt er eine Zerrung. „So war ich im Turnier gehandicapt.“ Die Mannschaft verlor alle Spiele, einschließlich der für die DDR-Sportspitze prestigeträchtigen Partie gegen die Auswahl der Bundesrepublik (2:4).

Aber über sportliche Misserfolge mag er nicht jammern. Es gibt Schlimmeres wie seine Krebserkrankung, die er vor Jahren überstanden hat. Seine Karriere beendete ausgerechnet sein Jugendfreund Joachim Franke, der später die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein in die Weltspitze führte. „Er kam zwei Tage vor Heiligabend zu mir und sagte: Klaus, das war es jetzt für dich.“

Hirche war überrascht, sagt aber rückblickend: „Das richtige Abschiednehmen ist wirklich eine Kunst. Es gab über Jahrzehnte drei, vier Talente, die verzweifelten daran, dass sie nicht an mir vorbeigekommen sind.“ Nun standen andere im Tor, und Hirche trainierte den Nachwuchs. Von 1970 bis 1976 betreute er zudem als Co-Trainer die DDR-Auswahl. Nach der Wende arbeitete die Torhüter-Legende als Mannschaftsbetreuer des Profi-Teams.

„Heute freue ich mich über die gute Saison unserer Lausitzer Füchse“, sagt Hirche zu Trainer Dirk Rohrbach. Dessen Großvater Siegfried gehörte im Dezember 1932 zu den Gründungsvätern des Eishockeys in Weißwasser. Und zu Torhüter Boutin gewandt, meint Hirche: „Es ist eine Freude zu sehen, dass ein Klasse-Torwart unsere Tradition fortsetzt.“ So endet der Rundgang durch die Geschichte in der Gegenwart.

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 20.12.2014


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Aktualisierung: 23.12.2014
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Weißwassers Puck-Legende Klaus Hirche nimmt Füchse-Torhüter Jonathan Boutin in der neuen Eishockey-Ausstellung mit auf eine Zeitreise. Der Kanadier Boutin gehört zu den besten Torleuten in der Deutschen Eishockey-Liga 2.
Foto: A. Schulze