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Akribischer Erforscher der jüdischen Geschichte

VON DANIEL PREIKSCHAT


Der Weißwasseraner Ortshistoriker Werner Schubert bekommt am Montag einen renommierten deutsch-jüdischen Geschichtspreis. Diese hohe Anerkennung hat sich der 87-Jährige auf seinem bevorzugten Forschungsgebiet hartnäckig erarbeitet.

Werner Schubert steigt hinab in seinen Geschichtskeller. Aufgereiht entlang der Wände stehen Kartons mit Aktenordnern. „Die beiden hier gehören zu Joseph Schweig“, sagt Schubert. Hunderte Kopien, Notizen, Fotos, Briefe und Broschüren, die der Deutsch-Lehrer im Ruhestand im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen hat. Weitere Kartons schließen sich an mit Material über andere jüdische Bürger Weißwassers. Darunter Menschen, die nicht vor dem Anbruch der Nazi-Diktatur verstorben sind oder das Land verlassen haben. Die Ordner über sie enthalten auch Berichte von Augenzeugen, die Schubert von Repressionen und Misshandlungen erzählt haben.

Der Ortshistoriker hat sich nicht nur aufs Sammeln beschränkt. Obwohl schon allein das, ihm Spaß macht. „Das ist so, wie wenn ein Briefmarkensammler ein seltenes Exemplar findet.“ Anders als Briefmarkensammler hat Schubert aus seinen Fundstücken aber auch Schriften gefertigt, die veröffentlicht wurden. Ein Heft widmet sich dem Leben Schweigs, des bedeutenden Weißwasseraner Industriellen, ein anderes den „Spuren jüdischen Lebens in Weißwasser 1881 bis 1945“, wieder ein anderes der „Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft“. Bisher nur auf CD gibt es eine Arbeit Schuberts, die sich thematisch anschließt: „Verfolgung und Widerstand während der Herrschaft des nationalsozialistischen Terrorsystems 1930 bis 1945 in Weißwasser.“

Warum, so könnte man fragen, umkreist Werner Schubert so manisch diese eine Epoche in der Geschichte Weißwassers? Was fasziniert ihn so an der jüdischen Geschichte in der Stadt und an den Gräueltaten der Nazis? Schubert erzählt von Vater und Großvater, die beide im heutigen Jawor der „Freisinnigen Partei“ angehörten. Der Einzigen dort damals, für die Antisemitismus verpönt gewesen sei. Sein Vater, so Schubert, habe sich im März 1933 für einen jüdischen Zahnarzt eingesetzt. 2000 Reichsmark habe er gezahlt, damit der von den Nazis bereits verhaftete Mann nach Israel ausreisen konnte.

„Ich wollte nicht auffallen.“

Werner Schubert selbst jedoch war „nicht mutig, wohl eher feige“, wie er ehrlich einräumt. Als Wehrmachtssoldat habe sich der heute 87-Jährige angepasst. „Ich wollte nicht auffallen.“ Ein Geografie-Lehrer habe ihm mal gesagt: „Lieber fünf Minuten feige, als ein Leben lang tot.“ Daran habe er sich gehalten. Und obendrein viel Glück gehabt. Ohne folgenschwere Verletzung überlebte Schubert den Krieg. In Görlitz habe er sich zum Lehrer ausbilden lassen, weil Lehrer damals gesucht wurden. Zunächst unterrichte Schubert in Uhsmannsdorf, seit 1949 in Weißwasser.

Ein fleißiger Arbeiter

Wie jeder ernst zu nehmende Ortshistoriker suche auch Werner Schubert nach breiter Akzeptanz und Anerkennung seiner Arbeit. Das sagen Weißwasseraner, die ihn bei seinen Forschungen begleitet, zum Teil auch unterstützt haben. Zu ihnen gehört Gudrun Albrecht, Leiterin des Vereins „Zukunft gestalten – ohne zu vergessen“, der Arbeiten Schuberts in seiner Schriftenreihe veröffentlicht hat. „Herr Schubert ist ein ungeheuer fleißiger Mann, der sehr akkurat ist.“ Fast ohne finanzielle Hilfe habe er die jüdische Geschichte in der Stadt aufgearbeitet. Günter Segger von der Denkmal-Kommission in Weißwasser hat noch gut in Erinnerung, wie ihm Schubert „auf die Nerven“ gegangen sei, damit der jüdische Friedhof mit in den Gedenkpfad durch Weißwasser aufgenommen wird. Dem Weißwasseraner Ortshistoriker Lutz Stucka geht Schuberts Interesse für die Zeit des Nationalsozialismus indes schon beinahe etwas zu weit: „Es gibt auch andere wichtige Epochen, die es wert sind, erforscht zu werden.“

Doch gerade Schuberts hartnäckige Fixierung auf die jüdische Geschichte Weißwassers hat nun weit über die Grenzen der Stadt hinaus ausgestrahlt und wird ihm eine renommierte Auszeichnung eintragen. Am Montag bekommt er im Berliner Abgeordnetenhaus den Preis der amerikanisch-jüdischen Arthur Obermayer-Stiftung verliehen. Mit ihm werden deutsche Bürger geehrt, die einen herausragenden Beitrag geleistet haben, die jüdische Geschichte in ihren Heimatorten zu bewahren. Für den Preis vorgeschlagen haben den Weißwasseraner gleich acht Personen, davon sieben jüdischen Glaubens: mehrere Nachfahren Joseph Schweigs, eine amerikanische Journalistin, die Schubert wichtige Recherchen verdankt, und die Leiterin des Gymnasiums in Weißwasser, in dem Zeitzeugen zu Gast waren. Ohne Schubert hätten sie nie den Weg dorthin gefunden.

Zum Thema:

Die Preis-Jury begründet die Anerkennung für Werner Schubert mit der von ihm geleisteten Rekonstruktion der verloren gegangenen Geschichte der Juden Weißwassers. Berücksichtigt werden außerdem Schuberts Anteil an der Wiederherstellung des jüdischen Friedhofs in der Stadt und seine Artikel über mutige Gegner des Hitler-Regimes.


Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser,  vom  21.01.2012


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Aktualisierung: 23
.01.2012


 

Werner Schubert mit einem Teil seiner Joseph-Schweig-Aktenordner. 
Foto: D. Preikschat