Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
G
lasmuseum Weißwasser !

Museum

Service

Laudatio anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung "Über den Augenblick hinaus"

VON HANS-DIETER MARSCHNER
 



Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kollegen des Förderverein,
liebe Freunde des Glasmuseums!

Für die Einladung zu der heutigen Ausstellungseröffnung bedanke ich mich ganz herzlich. Gern bin ich der Bitte nachgekommen, zu diesem Anlass die Laudatio zu übernehmen. Es ist ja auch mein Museum und ich freue mich, dass die Tradition konsequent weitergeführt wird, neben der repräsentativen Dauer-Ausstellung ständig interessante Sonderausstellungen zu organisieren und zu gestalten. Nur so kann das notwendige öffentliche Interesse geweckt und erhalten werden.
Dieses Mal sind 100 Jahre Bauhaus der Anlass für die Sonderausstellung. da es über Professor Wilhelm Wagenfeld eine glückliche Verbindung vom Bauhaus-Gedanken zum Glas und zur Stadt Weißwasser gibt.

Das von Walter Grobius in Weimar gegründete Bauhaus verfolgte den Weg der Moderne, den Weg der Einheit von Kunst und Technik mit der Orientierung auf das Handwerk, aber auch auf die moderne Großindustrie. Diesen Weg hatte die AEG (Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft) in Berlin schon vor dem 1. Weltkrieg begonnen, als sie Peter Behrens zu ihrem künstlerischen Beirat für das gesamte Gebiet ihrer Industrietätigkeit berief. In Behrens Atelier, in dem das Erscheinungsbild der AEG entstand, waren zahlreiche Architekten, Gestalter und Künstler beschäftigt, auch Gropius.

Wagenfeld, der von der ersten großen Bauhaus-Ausstellung "Kunst und Technik- eine Einheit" begeistert war, bewarb sich 1923 in Weimar und wurde dank seiner Vorkenntnisse und künstlerischen Begabung angenommen. Er entwickelte sich zum vielleicht gelehrigsten Schüler. Seine Entwürfe waren meist auch in der Produktion umsetzbar und Gropius bescheinigte ihm später, dass er und sein Werk der Modellfall dessen sei, was das Bauhaus anstrebte.

Nach dem Umzug des Bauhauses 1925 nach Dessau blieb Wagenfeld mit dem Werkstattmeister Dell in Weimar. In den Räumen des ehemaligen Bauhauses wurde 1926 die "Staatliche Hochschule für Handwerk und Baukunst" eröffnet, in der er bis zur Auflösung der Einrichtung 1930 als Lehrkraft tätig war.
 
In der nun folgenden freiberuflichen Tätigkeit lernte er die Arbeit der Thüringer Glasbläser und die besonderen Eigenschaften des Werkstoffes Glas kennen. Sein Vortrag "Maschine und Handwerk" vor dem Jenaer Kunstverein brachte ihm 1931 einen Mitarbeiter-Vertrag mit dem Jenaer Glaswerk Schott & Genossen ein. Mit der Entwicklung der bis heute nicht übertroffenen feuerfesten Teeservices, Haushaltsgläser und Backschüsseln gelang ihm der Durchbruch zu internationaler Anerkennung.
 
Die Fähigkeit Wagenfelds, seine künstlerischen und ideellen Ziele nicht nur klar und einsichtig zu formulieren, sondern auch mit außergewöhnlicher Überzeugungskraft vorzutragen, gehörte zu seinen herausragenden Eigenschaften. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) in Weißwasser, Dr. Karl Mey, der für die seinerzeit größte europäische Glashütte einen künstlerischen Berater suchte, um das umfangreiche, ca. 60 000 Einzelartikel umfassende Produktionssortiment zu "bereinigen" und die Verluste abzubauen, zeigte sich - ebenso wie wenige Jahre zuvor Erich Schott - von einem Vortrag Wagenfelds so beeindruckt, dass er ihm ein entsprechendes Angebot machte. 1935 wurde Wagenfeld künstlerischer Leiter der VLG, verfügte über 100.000 RM Entwicklungsetat und war gegenüber der technischen und kaufmännischen Leitung nicht weisungsgebunden. Er hatte das Entscheidungsrecht, welche Muster in die Produktion aufgenommen werden sollten.

Seine gravierenden Qualitätsforderungen bedeuteten für die Kaufleute Verlust und verlangten von den Glasmachern gänzlich ungewohnte Leistungen. Es gelang ihm aber, seine Mitmenschen einzubeziehen und für seine Ideen zu begeistern. Ein Teil der Belegschaft, deren Berufsstolz er zu wecken verstand, folgte ihm bei der Entwicklung der "Gläser mit der Rautenmarke" , wie er die neuen Qualitätsprodukte - in deutlicher Abgrenzung von dem bisherigen Sortiment - nannte.

In dem ungeliebten Industrieort Weißwasser, für den er seine Berliner Wohnung aufgab, um täglich in den Hütten präsent zu sein, konnte Wagenfeld seinen Traum von einem "künstlerischen Labor" verwirklichen. Rückschauend bezeichnete er selbst diese Zeit des kollektiven Ringens als seine besten Jahre. Wichtig für den Erfolg war dabei auch sein Engagement für Publikation und Werbung. Der erreichte Qualitätssprung stabilisierte nicht nur die ökonomischen Ergebnisse, sondern trug auch wesentlich zur Rufbildentwicklung des Unternehmens bei. Bereits 1937 erhielt das Werk einen Grand Prix auf der Pariser Weltausstellung. Ebenso wurden seine Jenaer Haushaltsgläser mit einem Grand Prix ausgezeichnet und sein Fürstenberger Porzellanservice erhielt eine Goldmedaille. 1940 erhielt das Werk auf der Mailänder Biennale zwar noch einen Grand Prix, doch der 2. Weltkrieg unterbrach die weitere Entwicklung.

Im Herbst 1945 kehrte Wagenfeld völlig unterernährt aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Weißwasser zurück, wo er sein Wirkungsfeld zerstört vorfand. Die mühsame Ingangsetzung der Produktion in Weißwasser begleitete er mit zielstrebiger Entwicklungsarbeit und engagierter Vortrags- und Lehrtätigkeit.
1946 wurde er an die Werkakademie Dresden berufen. Ab April 1948 unterrichtete er an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. 1949 übernahm er das Referat für Industrielle Formgebung im Württembergischen Landesgewerbeamt in Stuttgart. Damit endete sein Wirken für Weißwasser. Die Rautengläser wurden zum Teil noch bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts gefertigt. Durch die sogenannten Stopp-Preise von 1938 war deren rentable Produktion nicht mehr möglich.

Auf Empfehlung von Wagenfeld übernahm Friedrich Bundtzen 1949 die künstlerische Leitung der damaligen Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB-Z) Ostglas und gründete 1950 die "Werkstatt für Glasgestaltung". Unverkennbar ist in jener Zeit das Bemühen, Wagenfeldsches Gedankengut zu erhalten und mit eigenen Ideen technisch und ästhetisch anspruchsvolle Gestaltungslösungen zu erarbeiten. So entstand eine Vielzahl von industriell und handwerklich gefertigten Erzeugnissen hoher gestalterischer Qualität, die breite Anerkennung fanden und die verschiedensten Auszeichnungen erhielten.
 
1969 wurde die Werkstatt für Glasgestaltung als Gestaltungsabteilung vom VEB Kombinat Lausitzer Glas übernommen. Ab diesem Zeitpunkt ist, trotz zahlreicher guter Entwicklungsarbeiten, ein Rückgang im Gestaltungsniveau unverkennbar. Kommerzielle Forderungen nach hohen Stückzahlen, Konzentration der Produktionskapazitäten und damit verbundene produktionsfreundliche "Vereinfachung" der Erzeugnisse mögen dafür die Hauptursachen gewesen sein, die nicht nur in der Glasindustrie der damaligen DDR zu beobachten waren.

Bis zum Zusammenbruch der Weißwasseraner Glasindustrie, der der politischen Wende 1989 folgte, bemühten sich die gut ausgebildeten Designer und einige progressive Kräfte des Glaskombinates, das immer wieder geforderte und fraglos notwendige quantitative Leistungswachstum auch qualitativ aufzuwerten. Die Ergebnisse blieben jedoch bei den komplizierten Bedingungen eher bescheiden. Ab 1982 war ich für die Erzeugnisentwicklung im Kombinat zuständig, hatte aber keinen Entwicklungsetat, war der Kombinatsleitung gegenüber weisungsgebunden und war für die von mir zu betreuenden Designer mehr Seelsorger als Chefdesigner. Mit Ideenseminaren, auch am Bauhaus Dessau, habe ich mit Unterstützung des Staatlichen Amtes für industrielle Formgestaltung versucht, die Kreativität der Designer zu fördern und zu fordern. Immerhin galt es ja auch Kennziffern beim Gütezeichen "Q" und beim „Gutes Design“ zu erfüllen. Nach Schweig, der AEG mit der VLG und dem KLG vertritt nun die Firma Stölzle die Weißwasseraner Glasindustrie. Mit Wohlwollen und Anerkennung habe ich zur Kenntnis genommen, dass die Firma Stölzle ihren Kunden keine 2. Wahl anbietet. Moderne Technik und gute Gestaltung werden genutzt für hervorragende Qualitätserzeugnisse, die mit Sicherheit auch die Zustimmung von Wilhelm Wagenfeld fänden, wenn er denn noch lebte.

Unser Glasmuseum dokumentiert die Entwicklung und die Ergebnisse der Glasindustrie im Territorium wie ich meine recht eindrucksvoll, auch mit dieser Ausstellung" Über den Augenblick hinaus". Es ist ein Stück Geschichte, die es Wert ist, der Nachwelt erhalten zu bleiben.


Quelle: Glasmuseum, im März 2019


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail:
info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung:
23.03.2019