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 Der verblasste Goldene Stern Weißwassers soll endgültig verschwinden

Von Lutz Stucka
 


In der Berliner Straße 35 lässt die Stadt Weißwasser einen seit Jahren leer stehenden und bereits maroden Altbau abreissen. Mit dem Gebäude verschwindet wird allerdings auch ein sichtbares Stück Gaststätten-Geschichte der ehemaligen Glasmacher-Stadt.

Der Flüssigkeitsverlust bei den Glasmachern an den heißen Glasschmelzöfen ist enorm. So erlaubten früher die Hüttenmeister, dass an jeder Werkstelle ausreichend Trinkflüssigkeit zur Verfügung stand. Dieses Getränk war aus Tradition einfaches alkoholärmeres „Glasmacherbier“, welches in den benachbarten Gasthäusern vom Lehrjungen oder Einträger in einer Kanne oder im gläsernen Krug für den jeweiligen Meister und dessen Gesellen herbei geschafft werden musste.

Getränke in Ofennähe wichtig

Damit das Bier in kürzester Zeit geholt werden konnte, war es gut, wenn in der Nähe jeder Glashütte ein Gasthaus stand. Auch, wenn man noch vor dem Nachhauseweg auf ein Bier und ein paar Worte einkehren konnte. Besonders in der kleinen Glasmachersiedlung beim Dorf Weißwasser, wo die Glashütten noch im Kiefernwald standen, war das Gasthaus Mittelpunkt des Lebens, besonders der wandernden noch familienlosen Glasmachergesellen. Es kam öfter mal vor, dass die unter starker Konkurrenz stehenden Glashütten in Weißwasser ihre Mitarbeiter in andere Gasthäuser schickten, um den oft unter erheblichem Alkoholeinfluss stehenden Leuten Kniffe und Betriebsgeheimnisse der Glasfertigung zu entlocken. Deshalb hatte nahezu jede Glashütte auch ein Stammlokal für ihre Belegschaft. Die Leute aus der ersten Glashütte von Gelsdorf in der Forsterstraße besuchten das Gasthaus „Zum Schwarzen Adler“ (heute: Veranstaltungs- und Parkplatz vor dem Bahnhof). Das benachbarte Hotel „Zum Deutschen Kaiser“ hingegen blieb den vornehmeren Herrschaften und Reisenden vorbehalten.

Die Glasmacher der zweiten Glashütte von „Hirsch, Janke & Co.“ besuchten die benachbarte, extra für sie eingerichtete „Schwarze Stube“ des Hotels „Zur Krone“. Dort war sogar an der rechten Ecke des Gebäudes eigens für sie ein separater Eingang geschaffen worden.

Für die Glasmacher der dritten Glashütte, der späteren „Aktienhütte“ an der Berliner Straße, hatte der Gastwirt Julius Festing um 1895 direkt gegenüber von dem Werk den Gasthof „Zum Goldenen Stern“ errichtet. Dort waren auch Fremdenzimmer für wandernde Glasmachergesellen vorhanden. Dieses Etablissement war eins der ersten und größten seiner Art in Weißwasser.

Ende 1903 verkaufte Festing sein Haus an den Gastwirt Karl Kanzler, dem es gelang, den Stern zu einem gern und viel besuchten Ort zu machen.

Zur selben Zeit hatte der Schmied Ernst Fulde mit seiner Ehefrau am neu entstehenden Marktplatz ein für Weißwassers Verhältnisse riesiges Hotel errichten lassen. Das Hotel „Zum Hohenzollernhof“ war aber über noch unbefestigte Sandwege schlecht erreichbar. Die lärmenden, qualmenden, nicht vorteilhaft in ihren Arbeitssachen riechenden und sich zu oft prügelnden Glasmacher wollte man hier nicht haben. Folge: Das Haus lief nicht gut. Vielleicht hatte auch der Wirt nicht die Fähigkeit, diesem Manko wirkungsvoll zu begegnen und so hielt das Besitzerehepaar Fulde Umschau nach einem neuen Pächter.

Stern wird Verbandslokal

Man kam auf den Wirt des „Goldenen Sterns“, der wenig später, im Jahr 1904/05, seinen Gasthof an der Berliner Straße an Heinrich Mudra verkaufte. Ein Bericht aus dieser Zeit machte die Sache deutlich: „Der ,Hohenzollernhof' muss schlecht gelaufen sein, denn Jedermann, der Herrn Kanzler kennt, weiß, dass er ein tüchtiger Wirt ist und man kann somit hoffen, dass der ,Hohenzollernhof' wieder in Schwung kommt und dass seine gastlichen Räume bald wieder eine große Schar Gäste beherbergen wird.“

Der neue Gastwirt des „Goldenen Stern“, Heinrich Mudra, war möglichweise ein Mitglied der alten Gastwirtsfamilie Mudra, die in der Muskauer Straße „Mudras Hotel“ oder Hotel „Stadt Muskau“ betrieb. Er brachte somit die nötige Erfahrung mit. Aus dem Jahr 1911 ist bekannt, dass im „Goldenen Stern“ der Verband der Fabrikarbeiter der näheren Umgebung sein Versammlungslokal hatte. Dort traf sich die Arbeiterschaft, die keinem speziellen Handwerk, so wie die Glasmacher oder die Maschinisten und der gleichen.

Es deutet vieles darauf hin, dass Mudra den Gasthof bis zum Ersten Weltkrieg betrieb, aus welchem er wahrscheinlich nicht mehr zurückkehrte.

In den Jahren 1919 und 1921 wurde als neuer Gastwirt W. Balzer genannt. Im Jahr 1924 gehörte das Haus dem Glaskonzern „Vereinigte Lausitzer Glaswerke“ (VLG), der daraus ein Arbeiterwohnhaus machte, in dem zwölf Glasmacher mit und ohne Familie lebten. In den 1930er-Jahren wurde das Haus zu einer Unterkunft für Glasmacherlehrlinge. Nach 1945 wurde es weiterhin als Wohnunterkunft für Werksangehörige des neu gebildeten Oberlausitzer Glaswerkes Weißwasser (OLG) genutzt.


Zum Thema:

Zum Thema. Die Stadt Weißwasser hat sich den Abriss des Gebäudes in der Berliner Straße 35 bei der Denkmalschutzbehörde des Landkreises Görlitz genehmigen lassen. Mehrere Unternehmen haben auf die Ausschreibung der Stadt hin ein Angebot unterbreitet. Die Stadtverwaltung empfahl dem Bau- und Wirtschaftsausschuss, eine Sortier- und Baustoffrecycling-Firma aus Schöpstal zu beauftragen. Ihr Angebot habe sich als das wirtschaftlichste erwiesen. Auch technisch und personell sei das Unternehgmen in der Lage, die Aufgabe zu erfüllen. Am Dienstag folgten die Stadträte dem Vorschlag und fassten einstimmig den Beschluss zum Abriss des „ehemaligen Wohnhauses“. Der Auftragwert liegt bei rund 54 000 Euro. Rückgebaut und entsorgt werde auch der Keller des Gebäudes, so Baufachbereichsleiter Thomas Böse auf Nachfrage eines Stadtrats. Die Brachfläche werde anschließend aufgefüllt und voraussichtlich begrünt.


Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser  vom 22.09.2011ews290411.htm


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Aktualisierung: 23.09.2011


 

Vom traditionsreichen Gasthaus zum Abriss-Objekt: Der ehemalige „Goldene Stern“ in der Berliner Straße. 
Foto: D. Preikschat