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Mit Bleikristall zu Weltruhm
Musterschleifer Heinz Schade holte Gold in die Bärenhütte Weißwasser. Nicht nur dafür ehrt ihn das Glasmuseum jetzt.

Von Constanze Knappe


Bleikristall war eine Art Zweit-Währung der DDR: Fünf Römer ließen sich gegen eine Badewanne tauschen, für einen edlen Zwölfer-Satz kriegte man gar ein neues Dach. Zu haben war Bleikristall zwischen Saßnitz und Suhl nur als Bückware. Kein Wunder, denn die Vasen, Ascher, Karaffen und Weinkelche waren in Moskau und Washington gleichermaßen beliebt. Exportiert wurden sie in 36 Länder der Welt; hergestellt in der Bärenhütte in Weißwasser. Die Designs stammten von Musterschleifer Heinz Schade. Eine Auswahl der schönsten Stücke ist seit Sonnabend im Glasmuseum zu sehen. Das ehrt ihn zu seinem 85. Geburtstag mit einer Personalausstellung.

Ein Sammler hat das meiste geliefert

Gezeigt werden vorwiegend Leihgaben des Historikers Siegfried Kohlschmidt, der seit 13 Jahren Lausitzer Glas sammelt. „Heinz Schade zeichnet aus, dass seine Gläser zwar aus dem Zeitgeist heraus entstanden, aber dennoch zeitlos sind“, würdigt der Cottbuser den Jubilar. In der Vorbereitung auf die Ausstellung habe man auch eigene Kristallgläser im Depot entdeckt, die bisher nicht eingeordnet werden konnten, so Museumsleiterin Christine Lehmann.

Zum dritten Mal ist eine Schau Heinz Schade gewidmet. Deshalb gilt sie diesmal auch seiner „besten Bude“ – der Bärenhütte Weißwasser. Diese war 1887 als sechste Glasfabrik in Weißwasser gegründet worden. Schades Vater Otto, ein Kelchglasmacher, gehörte zu jenen, die die Fabrik nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufbauten. 1949 stellte die Bärenhütte erstmals Bleikristall auf der Leipziger Messe vor. Nach 1967 gingen pro Jahr Gläser für mehr als fünf Millionen DDR-Mark ins Ausland.

Heinz Schade begann 1950 eine Lehre zum Glasschleifer. Sein Gesellenstück, eine kompliziert und zugleich modern geschliffene Vase namens Athen, ließ schon 1953 erkennen, welches Potenzial in ihm steckt. Abgesehen davon hat er seine Entwürfe nie gezeichnet, weshalb manche infrage stellen, ob er ein Künstler ist, formuliert es Kohlschmidt. „Die übertragene Kunst hat man im Kopf, im Herzen und in den Händen“, sagt er. Heinz Schade hat viel davon.

Für die Bärenhütte entwickelte er über 800 Dekore und Schliffe. Schade arbeitete nach zwei Kriterien: Es musste jeder in der Produktion nachschleifen können – und es sollte gut aussehen. „0815“ gab es bei ihm nie. Für das Design der Kelch-Serie „Aqua“ erhielt er eine Goldmedaille der Leipziger Messe. Bis 1989 kamen weitere hinzu, auch andere Auszeichnungen.

Bis heute von Glas besessen

Wegen seiner Kunstfertigkeit durfte er neben seiner Anstellung in der Bärenhütte nebenberuflich als Kunsthandwerker arbeiten. Zu DDR-Zeiten ein großes Privileg. Die Obersten in Berlin wussten, was sie an ihm hatten. Er fertigte Unikate für Weltmeister und Olympiasieger, für Wissenschaftler und Politiker – wie jenen Glasblock zum Beispiel mit einem herausgearbeiteten Leninkopf. Er fand als Auftragswerk der Regierung den Weg nach Moskau.

Und dann ist da noch das Diadret-Glas. Schades Lehrer Alfred Görner schliff 1954 die Kopie eines Glases aus der Römerzeit. Das dauerte drei Monate. Schades erster Versuch 1958 ging schief. Als er sich 1988 erneut daran wagte, brauchte er 350 Stunden für eine Vase. Er ist einer von ganz wenigen weltweit, die heute noch die Kunst aus dem Rom des 4. Jahrhunderts beherrschen. „Von Glas bin ich besessen“, sagt er selber. Man glaubt es ihm aufs Wort.

Nach zwei Privatisierungen verlor die Bärenhütte 1997 den Kampf gegen zu hohe Betriebskosten und das schwindende Kaufinteresse. Heute kriegt man einen Römer für fünf Euro auf dem Flohmarkt. Dem Glasmuseum werden fast jede Woche Gläser angeboten, zumeist aus Haushaltauflösungen. Auch Bleikristall. „Damals haben die Leute richtig viel Geld dafür ausgegeben. Aber es gibt heute nur noch wenige Interessenten“, weiß Christine Lehmann. Umso wichtiger sei es, die Wertschätzung zu vermitteln. Schließlich würden in jedem Glas 20 Arbeitsgänge stecken. „Der Zeitgeschmack hat sich geändert. Heute trinken die Menschen lieber aus Bistrogläsern“, fügt Siegfried Kohlschmidt hinzu. Heinz Schade aber sagt: „Die Zeit kommt wieder.“ Innerlich sei er davon überzeugt.

Glasmuseum: Sonder-Schau bis 3.1.2021. „Meine beste Bude. Heinz Schade und die Bärenhütte Weißwasser“. www.glasmuseum-weisswasser.d
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Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 22.09.2020


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Aktualisierung:
22.09.2020


Mit seiner Kunstfertigkeit schliff Heinz Schade Muster für die Massenproduktion ebenso wie auch ausgefallene Unikate für ganz besondere Persönlichkeiten. Längst ist der Weißwasseraner mit seiner Leidenschaft für Glas selber eine Legende. Zu seinem 85. Geburtstag
 © J. Rehle