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Stadt aus Kohle und Glas

Von Felix Krömer


Innerhalb von wenigen Jahrzehnten entwickelte sich Welzow (Kreis Spree-Neiße) im 19. Jahrhundert vom bäuerlichen Heidedorf zur Tagebau- und Glasindustriestadt. Die neue Ausstellung im Kulturforum der Lausitzer Braunkohle von Vattenfall auf Gut Geisendorf (Kreis Oberspreewald-Lausitz) beleuchtet die Entwicklung des Ortes ab etwa 1880 bis heute.

Auf der Landkarte wird das Charakteristische von Welzow ganz deutlich: Die Stadt ist für die Bedürfnisse der Industrie entstanden. Erst kamen die Fabriken, diese brauchten Arbeiter, und so entstanden um die einzelnen Fabriken Arbeitersiedlungen. Ein eigentliches Zentrum ist in dem Ort, der mittlerweile auf 150 Jahre Bergbaugeschichte zurückblickt, aber nicht auszumachen. Ortskundige allerdings können mit dem Finger auf der Karte zeigen, wo der alte Dorfkern liegt.

Mit der Ausstellung "Welzow – Stadt am Tagebau" setzt das Kulturforum eine Schau aus dem Frühjahr mit dem Titel "Landschaft im Wandel – Luftbilder aus dem Welzower Revier" fort. Während damals Luftbildaufnahmen, die zur technischen Dokumentation entstanden sind, bizarre Tagebaulandschaften zeigten, die an moderne Kunst erinnern, zoomt nun der Blick näher an die Stadt heran. Ausgestellt werden zum Beispiel technische Planungskarten von Vattenfall. Das Energieunternehmen will seinen Tagebau Welzow-Süd östlich um die Stadt herumführen, um den Kohlebedarf des Kraftwerks Schwarze Pumpe bis zum Jahr 2025, wenn möglich bis 2045, zu sichern.

In letzterem Fall müssten das Welzower Wohngebiet fünf und Proschim dem Bagger weichen, weiß Kulturforumsleiter und Vattenfall-Mitarbeiter Siegfried Laumen. Das Vorhaben ist umstritten.

Die Ausstellung dokumentiert aber nicht nur die aktuelle Situation der Stadt, sondern bringt anhand von Fotos, alten Zeitungen und Relikten aus Glas und Kohle auch ihre Industrie-Tradition nahe. 1881 wurde die Gewerkschaft "Eintracht" gegründet, 1887 zur Aktiengesellschaft umgewandelt. Das Bergbauunternehmen hat den Ort als moderne Stadt quasi erschaffen. Es schenkte ihm ein Rathaus und unterstützte unter anderem den Bau einer Badeanstalt, einer Kleingartenanlage, einer Flughalle, von Schulen, elektrischem Stromnetz und Kanalisation. Siegfried Laumen sieht solche Fürsoge durchaus kritisch: Die Fabrikherren hätten eben willige Arbeitskräfte gebraucht, diese gut versorgt, aber in Abhängigkeit und Unmündigkeit gehalten.

Das Foto eines verwegenen Glasarbeiter-Trupps aus den späten 1920er-Jahren offenbart freilich auch, dass diese Männer stolz waren auf ihre Schaffenskraft. Die Glasindustrie wurde neben der Kohle der zweite bedeutende Wirtschaftsfaktor der Stadt.

Wo wichtige Industrie ist, da mischt sich die große Politik ein. Ein besonderes Fundstück in der Ausstellung ist ein Album mit Werksfotografien aus den nationalsozialistischen 30er-Jahren, die teilweise vergrößert an den Wänden hängen. Eine Aufnahme zeigt einen Mannschaftsraum, in dem – etwas verloren wirkend – einige Arbeiter an Tischen sitzen. Neben ihnen der Volksempfänger, der Goebbels’ politische Tiraden übertrug, über ihnen ein überdimensionales Wandgemälde im Propagandastil mit markigen Kohlearbeitern. Der Einzelne ist hier beides: unbedeutendes Rädchen und heroischer Kämpfer einer Maschinerie, die ihm ihren Willen aufzwingt.

Solche Zusammenhänge scheinen in der kleinen Ausstellung jedoch nur unterschwellig auf. Sie erhebt keinen Anspruch, das Thema Welzow umfassend zu behandeln.

Zu DDR-Zeiten war der VEB Braunkohlebohrungen und Schachtbau Welzow, gegründet 1959, der wichtigste Arbeitgeber am Ort mit zu Hoch-Zeiten 5700 Beschäftigten. Nach der Wende wurden die meisten Betriebe abgewickelt, heute zählt die Stadt nur noch rund 4000 Einwohner.

Interessantes am Rande bietet eine Fotoserie des örtlichen Flugplatzes, der zwischen 1950 und 1993 von sowjetischen Truppen genutzt wurde.

Als Zugabe zur Ausstellung hängen im Obergeschoss des Gutshauses fotografische Ansichten von Welzow. Darüber hinaus bekunden Planzeichnungen des Landschaftsarchitekturbüros Becker Giseke Mohren Richard (bgmr), wie der östliche Ortsrand aussehen könnte, wenn Welzow die Lage am Tagebau mit Erlebnispfaden und Installationen zu touristischen und kulturellen Zwecken nutzt. "Welzow hat von Kohle und Glas gelebt", sagt Siegfried Laumen. Ihm zufolge sollte die Stadt selbstbewusst mit ihrer Geschichte umgehen und den Tagebau als Alleinstellungsmerkmal vermarkten.

Quelle: Lausitzer Rundschau, vom 22.10.2008


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Aktualisierung: 23.10.2008