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Entlausung im Fotoatelier

Von Thomas Staudt


Der Historiker Werner Schubert thematisiert in seiner neuesten Publikation die Entnazifizierung. Dabei stieß er auf einige Kuriosa.
Bei chaotischen Verhältnissen neigen Betroffene ebenso wie völlig Unbeteiligte dazu, die Geschehnisse zu mystifizieren. Am Ende des 2. Weltkriegs war das nicht anders. Der Regionalhistoriker Werner Schubert widmet sich in seiner neuesten Veröffentlichung genau dieser Zeit. Durch seine Recherchen konnte er einige bisher ungeklärte Schicksale nachzeichnen und mit verschiedenen Gerüchten aufräumen. Er habe sich nicht davor gescheut, Fragen aufzugreifen, die die lokale Geschichtsschreibung bisher ausklammerte, so Schubert selbst. Etwa diese: Was passierte mit einigen Bürgern aus Krauschwitz und Weißwasser, die in den Nachkriegswirren einfach spurlos verschwanden? Laut der von Schubert befragten Zeitzeugen ist für eine Reihe dieser Schicksale der russische Staatssicherheitsdienst NKWD verantwortlich. 1945 residierte die Organisation in der Schillerstraße 2 und 4. An der Militärkommandantur vorbei, die in der ersten Zeit die Staatsmacht repräsentierte, ließen die Geheimdienstler willkürlich unliebsame Zeitgenossen umbringen, eine Wahrheit, die wegen des prorussischen Kurses zu DDR-Zeiten nicht gern gehört wurde.

Als Abfallprodukt von Schuberts Bemühungen um geschichtliche Klarheit kamen einige Kuriositäten zutage. So mussten alle Ankömmlinge, bei denen ein Anfangsverdacht auf Läusebefall bestand, schnurstracks vom Bahnhof ins benachbarte Fotoatelier Kachel. Dort wurden sie in der Sauna entlaust. Zur Prophylaxe gegen drohende Seuchen wie Geschlechtskrankheiten oder Typhus förderte die russische Kommandantur zudem den Aufbau des Krankenhauses in der Villa des Glasfabrikanten Schweig.

Zwei weiteren Legenden begegnet Schubert mit Fakten und zieht so Schlussfolgerungen, die der bis dato gültigen lokalen Geschichtsschreibung diametral entgegenstehen. So fand Schubert viele Beispiele für Diebstahldelikte, für die bisher die so genannten „Zivilrussen“, unter anderem befreite oder verschleppte Zwangsarbeiter, verantwortlich gemacht worden waren. Fahrräder, Wäsche und vor allem Lebensmittel sollen aber tatsächlich oft von Deutschen gemaust worden sein.

Schubert konnte außerdem nachweisen, dass es den einst von Himmler und Goebbels ins Leben gerufenen Werwolf in Weißwasser nicht gab. Bisher galt als richtig, dass der Untergrundorganisation Gymnasiasten des Jahrgangs 1928 angehört haben, die wegen geheimer Sabotageakte verhaftet wurden. Neben den größeren Linien macht vor allem die Aufklärung vieler Einzelschicksale das Heft lesenswert.

W. Schubert, Die Entnazifizierung der Mitglieder der NSDAP und die Errichtung neuer, antifaschistischer Machtverhältnisse 1945 - 1949 in Weißwasser, Heft 4, hrsg. v. Verein Zukunft gestalten ohne zu vergessen.


Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser, vom 23.09.2010


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Aktualisierung: 23.09.2010


 

W. Schubert, Historiker