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Historische Spiegel fürs Dresdner Schloss
 

2006 öffnete das Grüne Gewölbe. Von einem Auftrag dafür profitiert Steffen Noack in Weißwasser bis heute.
 

VON ANETT BÖTTGER


 

Wenn im September 2019 die rekonstruierten Paraderäume im Dresdner Residenzschloss öffnen, wird auch das Unternehmen SpiegelArt aus Weißwasser seinen Anteil daran haben. Die Firma hatte bereits an der 2006 vollendeten Wiederherstellung des Grünen Gewölbes mitgewirkt, als sie dafür eine Vielzahl an neuen Spiegeln nach barockem Vorbild produzierte. "Das war ein einmaliges Referenzobjekt", gesteht Geschäftsführer Steifen Noack. Schließlich folgten dem außergewöhnlichen Auftrag Bestellungen für weitere Rekonstruktionen, wie eben aktuell für die Prachtgemächer von August dem Starken (1670-1733) in Dresden.  

Seinerzeit bestand die Aufgabe darin, ein aus Büchern durchaus bekanntes, doch längst nicht mehr übliches Verfahren wiederzubeleben. "Spiegel, die in der Zeit zwischen 1680 und 1900 hergestellt wurden, sind fast immer mit einem Amalgam aus Quecksilber und Zinn belegt", erklärt Steffen Noack. Diese Schicht verleiht der reflektierenden Oberfläche einen noblen grauen Glanz. Ab etwa 1850 kam immer stärker Silber für Verspiegelungen zum Einsatz, bis die ursprüngliche Methode letztlich völlig verschwand.  

Zur Rekonstruktion des Grünen Gewölbes suchten Restauratoren und Denkmalpfleger lange eine Firma, die historische Spiegel herstellen kann. Gerettete Originale aus dem 1945 zerstörten Dresdner Schloss sollten neben Neuanfertigungen eingebaut werden, ohne dass ein Unterschied zu sehen ist. In ganz Europa war jedoch niemand zu finden, der das alte Verfahren beherrscht. Steffen Noack stellte sich der Herausforderung und eignete sich die Technologie an, indem er monatelang experimentierte und tüftelte.  

Der Unternehmer musste einen separaten Arbeitsraum einrichten, um historische Spiegel zu fertigen. "Die Leute haben sich früher vergiftet, denn Quecksilber verdampft bereits bei Zimmertemperatur". verrät er. Wenn er heute Glas in alter Manier beschichtet, arbeitet er mit Schutzanzug in der Kabine. Klimatechnik sorgt dafür. dass giftige Dämpfe abgesaugt werden. Für die Investition bekam der Handwerker damals auch Fördermittel.  

Der weltweit einzige Anbieter  

Insgesamt lohnte sich der Aufwand, nicht zuletzt, weil das Fraunhofer-Institut der Firma in Weißwasser bescheinigte, dass sich ihre Neuanfertigungen nicht von den barocken Originalen unterscheiden. Folgeaufträge ergaben sich unter anderem in den Schlössern Hubertusburg und Moritzburg (beide Sachsen), Rheinsberg (Brandenburg), Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern) sowie Schönhausen (Berlin). Doch auch wenn Steffen Noack wohl der weltweit einzige Anbieter ist, bleiben Bestellungen für Spiegel mit Zinn-Amalgam-Belag die Ausnahme. "Der Bedarf ist relativ gering", räumt der 56-Jährige ein.  

Dafür sprach sich die besondere Kompetenz offenbar herum: Kunden aus ganz Deutschland, Österreich oder der Schweiz wurden auf SpiegelArt aufmerksam. "Überall da, wo Google uns findet" , sagt er. Das Unternehmen mit zwölf Mitarbeitern hat sich auf individuelle und passgenaue Lösungen spezialisiert, zur Neuanfertigung als auch Restaurierung von Spiegeln. Sie bietet Erzeugnisse nach Maß aus unterschiedlichem Glas an, für Badspiegel und Duschen, für Türen, Geländer oder Dächer.

 

Mitunter geht es um exotische Aufträge und ausgefallene Wünsche. Für eine Yacht etwa wurden künstlich gealterte Spiegel in Weißwasser bestellt. So nennt der Fachmann neue Stücke, die antik wirken und wie gebraucht aussehen - leicht wellig und etwas trüb.

 

Erst Anfang des Jahres verließen die letzten von etwa 150 verspiegelten Einzelteilen den Betrieb, die für Fahrstühle eines Hochhauses in Asien bestimmt waren. Thermisch verformtes Glas wurde dafür bei SpiegelArt beschichtet, bevor die Firma es an den Auftraggeber lieferte. Auch Privatleute wenden sich an das Unternehmen, etwa wenn sie Spiegel für ein Oldtimerfahrzeug oder Lieblingsmöbelstück restauriert haben möchten. "Dann entfernen wir die alte Oberfläche auf dem Glas und belegen es mit einer neuen Silberschicht", erklärt Noack

 

1992 gegründet, hat sich SpiegelArt im Laufe der Zeit immer wieder andere Geschäftsfelder erschlossen. Längst ist das Unternehmen an Grenzen gestoßen. "Wir brauchen Platz", gibt der Chef zu. Im vergangenen Jahr hat er deshalb eine leerstehende Halle in unmittelbarer Nachbarschaft des Firmensitzes aus einer Zwangsversteigerung heraus gekauft. Das Gebäude an der Berliner Straße gehörte früher zu einer Spiegelfabrik. Zwischenzeitlich wurde es für Handel genutzt, unter anderem als Teppichmarkt. "Einen Teil der Produktion haben wir schon verlegt", berichtet er.

 

Die Herstellung der neuen Spiegel für das wiederaufgebaute Schloss in der sächsischen Landeshauptstadt wird gerade vorbereitet. "Es werden nicht so viele sein wie für das Grüne Gewölbe, aber auch eine beachtliche Anzahl", sagt der Unternehmer. Für eine Gesamtfläche von rund 350 Quadratmetern hatte seine Firma damals Spiegel in verschiedenen Größen mit der historischen Technologie produziert.

 

Voraussichtlich bis zum Sommer werden die Neuanfertigungen in Dresden montiert, damit die Paraderäume pünktlich zum 300. Jahrestag ihrer Einweihung in neuem Glanz eröffnet werden können.


Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 25.01.2019


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Aktualisierung:
28.01.2019


 

Seit 1992 produziert Steffen Noack mit seiner Firma SpiegelArt in Weißwasser Glaserzeugnisse nach Maß, etwa aus industriell gefertigtem Spiegelglas. Um die mehr als zwei mal drei Meter großen Platten unbeschadet zum Zuschnitt zu bewegen, hilft den Mitarbeitern moderne Technik
Foto: J. Rehle.