Lausitzer Glas? Glas aus Weißwasser?
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Vorsicht, zerbrechlich

Von Felix Johannes Enzian 


Sind Museen verstaubte Historie, Luxus für Schöngeister oder kulturelle Grundversorgung fürs breite Publikum? Die RUNDSCHAU unterzieht die Musentempel der Lausitz dem Alltagstest. Heute: das Glasmuseum in Weißwasser.

Für die Glasproduktion lag Weißwasser am Ende des 19. Jahrhunderts perfekt. Die nötigen Rohstoffe Sand, Braunkohle und Holz spendete die Lausitzer Landschaft in Fülle, die Lage an der Bahnlinie Görlitz-Berlin ermöglichte den schnellen Transport der zerbrechlichen Güter aus der Provinz zu einem großen Abnehmerkreis. Bis 1920 wurde die Stadt im heutigen Kreis Görlitz zum Zentrum der deutschen Glasindustrie und blieb dies für die DDR bis zu deren Untergang.

Das traurige Ende des Wirtschaftsmärchens von Weißwasser ist bekannt. Nach der Wende wurde die Lausitzer Glasindustrie ähnlich wie die Tuchproduktion und große Teile der Energieindustrie weitgehend abgewickelt. Für eines aber taugt die gläserne Geschichte Weißwassers perfekt: für ein Museum.

Tatsächlich eignet sich kaum ein Stoff so gut für Ausstellungen wie Glas. Schon seine Herstellung ist faszinierend: Ein unscheinbares Sandgemisch schmilzt im Ofen zu flüssigen Klumpen, aus denen geschickte Arbeiter in Windeseile feste Formen von höchster Klarheit, Glätte, Filigranität und Symmetrie zaubern. Ebenso faszinierend ist die Vielfalt seiner Verwendungs- und Veredelungsmöglichkeiten: Das Glasmuseum präsentiert aufwendig geschliffene Bleikristallkelche, wie sie fürstlicher Schatzkammern würdig sind, ebenso wie volkstümliche Kitschvasen und Bierhumpen, die mit Blumen und röhrenden Hirschen bemalt wurden. Die technische Anwendung des Materials verdeutlicht beispielsweise der letzte in Europa hergestellte Samsung-Fernsehbildschirm aus dem Jahre 1997 - flach sieht anders aus.

Zwei weitere Aspekte machen Glas zum perfekten Museumsinhalt. Erstens spricht dieses Alltagskulturgut breite Publikumsschichten an, ob sie sich nun für Kunsthandwerk, für Technik oder für Nippes interessieren. Zweitens kann das Museum in Weißwasser dank seiner informativ-anschaulichen Objekte auf die gefürchteten Texttafeln verzichten, welche viele Ausstellungen zu anstrengender Steh-Lektüre machen. Hier gibt es nicht nur unzählige Glaswaren, sondern auch echte alte Werkzeuge zu bewundern, alles stammt aus Lausitzer Fabriken, manches darf angefasst werden. Öfen von antiker bis moderner Bauart werden als Modelle gezeigt, den eigentlichen Produktionsprozess demonstriert ein Film.

Leider kann die Stadt es sich nicht leisten, eine stillgelegte Glasfabrik zum Museum umzuwandeln. Doch auch das verwendete Gebäude ist bestens geeignet und dazu ausgesprochen schön: Es handelt sich um eine 1924/1925 im späten Jugendstil erbaute Villa, in der die Glasfabrikantenfamilie Gelsdorf wohnte. Mit seiner teilweise authentischen Einrichtung passt das Haus insbesondere zu den raren Prunkstücken der Schau: Dies sind luxuriöse Vasen und Lampen aus farbigem Arsallglas, welches nur von 1918 bis 1929 hergestellt wurde, sowie hochelegante gläserne Haushaltsgegenstände, die der Bauhaus-Designer Wilhelm Wagenfeld (1900 - 1990) in Weißwasser für den Massenmarkt produzierte. Das Lausitzer Museum verfügt nach eigenen Angaben über die weltgrößte Wagenfeld-Sammlung neben dessen Geburtshaus in Bremen und dem Museum of Modern Art in New York.

Freilich brauchen solche Schätze Menschen, die sie hegen und pflegen. Auch in dieser Hinsicht ist Weißwasser in glücklicher Lage: Ein etwa 70-köpfiger Förderverein - überwiegend ehemalige Beschäftigte der Lausitzer Glasindustrie - betreut das von ihm in den 90er-Jahren ins Leben gerufene Museum und bietet Führungen an. Dazu zählen wissenschaftliche Experten wie Jochen Exner und der Ausnahme-Glaskunsthandwerker Heinz Schade. Seit 2008 verfügt das Haus zudem über eine hauptamtliche Leiterin: Elvira Rauch (56). Die gebürtige Leipzigerin hat Kristallografie studiert und in der technischen Glasproduktion gearbeitet, sie empfängt Museumsgäste herzlich und engagiert. Die Besucherzahlen sind von 3061 im Jahr 2007 auf 3264 im Jahr 2009 gestiegen - recht ordentlich für die eher abgelegene und dünn besiedelte Grenzregion. Zulauf, gerade beim jungen Publikum, brachten auch geschickt ausgewählte glasfremde Ausstellungen mit Teddybären und Schachfiguren.

Anlass zur Sorge ist allerdings das fortgeschrittene Alter der Fördervereinsmitglieder. Hoffentlich gerät das Glasmacherhandwerk in der Lausitz in späteren Generationen nicht in Vergessenheit.

Zum Thema:
Glasmuseum Weißwasser, Forster Straße 12, 02943 Weißwasser.
Telefon: 03576-204000. 
Geöffnet: Mo, Di, Do 8-15 Uhr, Mi 8-17 Uhr, Sa 13-17 Uhr, So 14-17 Uhr und nach Vereinbarung 


Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser, vom 24.07. 2010


© Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V.
E-Mail: info@glasmuseum-weisswasser.de
Aktualisierung: 24.07.2010


 

Angestaubt soll ein Museum nicht sein, meint die Chefin Elvira Rauch. 
Foto: A. Kurtas