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SCHANDFLECKE DER REGION:
Glasmacherlokal kommt weg

Von Thomas Staudt


Ein architektonisches Kleinod sieht wahrlich anders aus: Die Fassade grau, das Dach undicht, das Gebäude selbst längst verlassen und bis auf den herumliegenden Abfall leer. Fenster? Fehlanzeige. Vielleicht das Schönste an dem schäbigen Weißwasseraner Altbau in der Berliner Straße 35 sind die Bäume, die davorstehen. Und dennoch ist das Haus ein wichtiges historisches Zeugnis der wirtschaftlichen Entwicklung Weißwassers, sagt Lutz Stucka. Der Hobbyhistoriker hat eine Dokumentation für die Stadtverwaltung zusammengestellt, die mit der Einreichung eines Abrissantrags erforderlich wird. Aber der Reihe nach.

Die meisten Weißwasseraner werden das Gebäude in seinem historischen Kontext kaum mehr kennen. Denn nach 1945 wurde es vornehmlich als Wohnhaus genutzt, vermutet Stucka. Seine Recherchen darüber gestalteten sich schwierig. Aber er hat herausbekommen, dass es ursprünglich als Glasmacherlokal diente und den Namen „Zum Goldenen Stern“ trug. Früher hatte jede Glashütte ein eigenes Lokal. Der „Goldene Stern“ gehörte wohl ab 1890 zu den Oberlausitzer Glashüttenwerken Josef Schweig & Co. Sie lagen direkt gegenüber an der heutigen Saschowawiese und existieren nach einigen Namenswechseln heute als Stölzle Oberglas weiter.

Nach Feierabend wurde in den Glasmacherlokalen fröhlich gezecht. Noch viel wichtiger: Für viele Produkte soll der Bier- oder Alkoholatem beim Glasblasen förderlich gewesen sein. Weil die Glasbläser während der Arbeitszeit ihren Arbeitsplatz nicht verlassen durften, sorgte ein Einholer für dauernden Biernachschub. Die Erinnerung an den sogenannten Glaskalfaktor wird noch heute von Verona Gröschner lebendig gehalten. Als Glaskalfaktor verkleidet, führt sie durch die Stadt oder wirbt als Stadtmaskottchen auf Messen für Weißwasser und die Region.

Dann Ende vergangenen Jahres erwarb die Stadt das Haus für 9000 Euro und mit einer klaren Zielstellung: Es soll abgerissen werden. Die Substanz ist so stark geschädigt, dass es nicht zu retten ist. Mehr noch: Durch den desolaten Zustand an der viel befahrenen Berliner Straße bedeutet es eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Der Abriss ist nicht nur beschlossen, sondern bereits eingetaktet. Er soll in den Herbstferien vorgenommen werden. Derzeit laufen die Ausschreibungen für den Auftrag. „Wir haben den Zeitpunkt ganz bewusst gewählt, um die Auswirkungen auf den Schulbetrieb des benachbarten Landau-Gymnasiums möglichst gering zu halten“, erklärt Bauamtsleiter Thomas Böse. Er rechnet mit einer zeitweiligen Vollsperrung der Berliner Straße. Genaueres werden allerdings erst die Absprachen mit dem Auftragnehmer ergeben. Die Auftragsvergabe soll im September-Stadtrat erfolgen. Möglicherweise ziehen sich die Abbrucharbeiten sogar bis Jahresende. Das wäre dann das letzte Weihnachtsfest für den „Goldenen Stern“.

Quelle: Sächsische Zeitung, Ausgabe Weißwasser  vom 24.08.2011ews290411.htm


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Aktualisierung: 24.08.2011


 

Kein architektonisches Schmuckstück: Das Haus mit der Nummer 35 in der Berliner Straße in Weißwasser diente einst als Glasmacherlokal. Im ersten Obergeschoss gab es Fremdenzimmer für Lehrlinge und Gesellen. Wegen des desolaten Zustands wird die Ruine im Herbst abgebrochen. Die Ausschreibung läuft bereits.
Foto: A. Schulze