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Mit dem Feuer der Leidenschaft

Von Beate Möschl


Die steinernen Mauern um seine Werkstatt in der Schwarzen Gasse 6 trutzen seit Hunderten von Jahren dem Lauf der Geschichte. Ob sie jemals einen Glasmacher beherbergt haben, weiß Dieter Tusche zwar nicht zu sagen, aber dass er am richtigen Platz ist, das weiß er genau. Hier, in der historischen Altstadt von Görlitz, will er die gediegene Kunst des Glasmacher-Handwerks erhalten, am liebsten sogar verewigen.
 

Dieter Tusche ist der letzte freie Glaskünstler in der Lausitz, der von seinem Handwerk leben und seine sechsköpfige Familie ernähren kann. Wohl gerade weil er zu jenen Glasmachern gehört, die sie noch immer herstellen können, die guten alten Dinge. Unter anderem das Goethe-Barometer oder das flaschenähnliche Fliegen- und Wespenfangglas, das die Urgroßeltern im Garten über dem Tisch in den Baum hängten, um Ruhe vor den Plagegeistern zu haben, oder Abrissgläser, aus denen Mönche gern ihr Bier tranken, und die so heißen, weil am Schluss die Glasmacherpfeife aus dem dicken Glasboden gerissen wurde, ohne dass der Halbliter-Humpen ein Loch bekam oder in die Brüche ging. Tusche ist deutschlandweit auch der einzige, der Tellerglasscheiben für die Restaurierung von Bleiglasfenstern aus dem 17. Jahrhundert nahezu originalgetreu herstellen kann und damit Spuren in bayerischen Schlössern und Kirchen hinterlassen hat.

Historie als Antrieb

„Ich beschäftige mich viel mit historischem Glas, grabe, wenn möglich, in Museen in jahrhundertealten Skizzen und versuche hinter die Handgriffe zu kommen“, erzählt der Rietschener und sagt: „Es ist noch so vieles verborgen. Ich frage mich, wie die es geschafft haben, unter den damaligen Bedingungen so eine beachtliche Qualität hinzubekommen. Das treibt mich immer wieder um. Das ist mein Motor.“ In seiner Werkstatt in Rietschen (Landkreis Görlitz) stehen Wein- und Likörgläser aus Waldglas neben Bierhumpen und Mecklenburger Wassergläsern. Auch Schustergläser sind zu finden – schwere Glaskugeln, mit einem knubbeligen Ende, das sie aussehen lässt wie kleine Luftballons. Mit Wasser gefüllt und vor eine Kerze gehängt, spendeten sie früher den Schustern auch zu später Stunde noch Licht. Gleichzeitig wirkten sie wie Vergrößerungsgläser.

Tusches Gläser sind frei von Schliff oder Bemalungen, denn „das Glas soll für sich selbst stehen und wirken, seiner Seele freien Lauf lassen“, sagt der Meister. In Görlitz wiederum bringt er gern Farben ins Spiel: grün, blaugrün, blau, violettschwarz, rot, irisgelb und irisblau – in unterschiedlichen Schattierungen mit weißen Farbtupfern. 20- bis 100-mal vervielfältigt der Mundglasmacher Vasen oder Schalen. Am Ende hat dennoch jede ihren eigenen Charakter.

„In handwerklicher Produktion ist niemals ein Glas wie das andere, jedes ist ein Unikat und das wird auch immer so sein“, bestätigt Tusche. Er habe seine Werkstatt in Görlitz aufgebaut, „um den Menschen zu zeigen, wie vor Jahrhunderten Glas gemacht wurde und welche Vielfalt in dem Werkstoff aus Quarzsand, Pottasche, Soda und Kalk steckt“.

Das Konzept sei aufgegangen. „Die Leute freuen sich, dass sie nicht nur Glas kaufen, sondern auch sehen können, wie es entsteht. Und dann kaufen sie auch gerne“, sagt Tusche, dem es wichtig ist, dass seine Glas nicht nur im Schrank steht, sondern täglich benutzt wird. Das sei die wahre Erfüllung.

Was er sich noch wünschen würde, wäre ein besseres Tourismusmanagement. Denn von den Görlitzern selbst machten sich nur wenige auf den Weg in die Altstadt. Und die Touristen würden von Reiseveranstaltern „regelrecht im Galopp durch die Altstadt getrieben“. Sie hätten kaum Zeit zu verweilen, beobachtet Tusche und sagt: „Da könnten sich die Görlitzer von den Rietschenern und ihrer Erlichthof-Siedlung eine Scheibe abschneiden.“

Frei in der Entscheidung

Fünf Jahre Zeit und viel eigene Arbeit hat Tusche in den Aufbau der Schauwerkstatt in Görlitz gesteckt. „Alles ohne Fördermittel. Weil ich frei sein will in meinen Entscheidungen“, betont er. „Man kann sich auch heute noch als manueller Glasmacher durchsetzen, wenn man eine gute Ausbildung hat und sehr vielseitig ist“, ist Tusches Erfahrung und die will er weitergeben. „Ich werde alles daran setzen, dieses schöne Handwerk am Leben zu erhalten“, macht der 61-Jährige klar. Die Familie stehe hinter ihm. Ein Sohn arbeite bereits in der Werkstatt in Görlitz mit und Tochter Emily erlerne gerade den Beruf der Bürokauffrau.

Quelle: Lausitzer Rundschau, Ausgabe Weißwasser vom 24.09.2009


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Aktualisierung: 24.09.2009